Grenz-Propaganda

Die Nacht im Grenzwald

© Progress Film Verleih
© Progress Film Verleih
Regie: Kurt Barthel
DDR 1967/ 68


Die Nacht im Grenzwald erzählt die Geschichte zweier Jungen im Nazideutschland des Jahres 1936. Insgesamt ist die „Nacht im Grenzwald“ eher ein „coming off age“ Film, also ein Dokument, welches die Grenze als ein Thema behandelt, welches Einfluss auf die menschliche Entwicklung der Protagonisten hat.

Der Film beginnt mit der Ansprache eines Nazi-Funktionärs an die Schüler einer Schule im deutsch-tschechischen Grenzland. Der Funktionär sagt wörtlich „dort drüben, bei den Tschechen“, was eine klare Abgrenzung, geographisch und menschlich, suggeriert. Die Formulierung „dort drüben“ verdeutlicht, dass sich Deutsche und Tschechen hier in unmittelbarer Nachbarschaft befinden. Ironischerweise wird im ganzen Film kein Tscheche dargestellt, alle Figuren sind Deutsche.

Für die Hauptfiguren, die Jungen Albert Klose und Fritz Brüggemann, ist die Grenze etwas Positives. Sie zu überschreiten bedeutet Rettung vor der Verfolgung der Nazis. Die Grenze trennt somit weniger Staaten, als vielmehr Systeme des Denkens, Glaubens und Handelns, voneinander. Aus deutscher wie aus tschechischer Perspektive ist die Grenze Propagandaobjekt. Die Nazis im Film sprechen konsequent von der „Tschechei“, nutzen also den propagandistischen, in Tschechien negativ besetzten Begriff. Von „jenseits der Grenze“ kommt, aus der Perspektive der Nazis, nur Schlechtes (antifaschistische Flugblätter, Dissidenten etc.).

Grenze und Nachbarschaft

© DEFA-Stiftung, D. Kleist Die deutsch-tschechische Nachbarschaft als solche ist nicht das Thema des Films. Tschechien ist schlicht der Ort wo „die Kommunisten“ sind. Tschechen und Kommunisten werden somit gleichgesetzt. Die Grenze als solche wird im Film eher implizit dargestellt. Keine Grenzstation und kein Schlagbaum sind zu sehen, einzig ein Felsen trennt Tschechien und Deutschland. Die Grenze erscheint als etwas wenig fassbares, eher als ein Konzept, denn als geographische und/oder staatsrechtliche Administrationslinie.

Charaktere und Klischees

© DEFA-Stiftung, D. Kleist Die Darstellung der Nazis ist klischeehaft, sie wirken sie kalt und unmenschlich. Allgemein sind die Charaktere starr und wenig lebendig, die Dialoge wirken hölzern. Kommunisten werden als „Untermenschen“ bezeichnet, Jungen haben hart und sportlich zu sein, beim Geländespiel sollen die Schüler „hart und unerbittlich“ kämpfen. Der Film zeigt insofern nicht nur beispielhaft wie die Jugend in Nazideutschland sich gestaltete, sondern auch wie diese Zeit (klischeehaft) in der DDR filmisch dargestellt wurde.

Johannes Rüger
Studium der Politikwissenschaften in Düsseldorf und Prag, später Osteuropaforschung in Giessen. Tätigkeit als freier Journalist in Serbien, Bosnien und Kosovo, mit Themenschwerpunkten im Bereich Kultur, Minderheitenpolitik und Vergangenheitsbewältigung.

Goethe-Institut Prag
März 2013

    Magazin des Goethe-Instituts in Tschechien