Grenz-Propaganda

Gebirge und Meer

© absolut MEDIEN GmbH
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Regie: Wolfgang Bartsch, Bohumil Vosahlik
DDR, ČSSR 1955


Der Film Gebirge und Meer fällt unter den anderen Filmen des Grenzstreifen-Projektes schon dadurch auf, dass es sich hierbei um einen Dokumentar- und nicht um einen Spielfilm handelt. Im Kontext einer deutsch-tschechischen Jugendbegegnung, wird die Verständigung zwischen der DDR und der ČSSR thematisiert.

Der Film verfolgt zu Beginn die deutschen Pioniere auf ihrem Weg zum Treffen mit den tschechischen. Eine erste Begegnung zwischen den Kindern ist von unbefangenem Austausch geprägt. Die Grenze zwischen der DDR und der ČSSR kommt bildlich nur zu Beginn des Filmes vor und wird durch ein tschechisches Ortsschild gekennzeichnet. Interessant ist, dass sowohl Deutsch als auch Tschechisch zu Beginn des Filmes verwendet werden. Zwischen den Kindern scheint es, trotz der fehlenden gemeinsamen Sprache, keine Verständigungsschwierigkeiten zu geben.

Der Ansatz, den deutschen bzw. tschechischen Pionieren einen Ort im Nachbarland zu zeigen, den sie in ihrer Heimat nicht haben (Gebirge bzw. Meer), versinnbildlicht das Unbekannte, die Fremdheit zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei. Der Sprecher des Films kommentiert, dass jedoch schon der "erste Tag im Freundesland" die Träume der Kinder erfüllt habe.

Jugendbegegnung als Propagandamittel

Mit naiver Begeisterung begegnen die deutschen und tschechischen Kinder im Film dem jeweiligen Gastland. Dass der Film als Rahmenhandlung die Begegnung junger Menschen in den Vordergrund stellt verwundert nicht – eine Generation, die den Krieg nicht oder nur als Kleinkinder miterlebt hatte, sollte sich dem "sozialistischen Brudervolk" und dessen Heimatland unbefangen nähern und damit zu einem neuen Anfang verhelfen. Die deutsch-tschechische Koproduktion von 1955 sollte wohl, zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, die Verbundenheit und den Willen zur Aussöhnung zwischen der DDR und der ČSSR verdeutlichen.

Ausgeblendete Vergangenheit

Die Kinder im Film sind optisch nicht voneinander zu unterscheiden. Sowohl in Kleidung als auch im Aussehen (Haarschnitte etc.) ähneln sie sich. Es wird somit verdeutlicht, dass zwischen Deutschen und Tschechen menschlich keine Grenze existiert bzw. kein Unterschied besteht. Neben dem zentralen Thema, dem Austausch der Pioniere, werden filmisch auch die Naturschönheiten Deutschlands bzw. Tschechiens dargestellt. Der edukative Anspruch des Filmes (und damit auch seine propagandistische Funktion) sind hier klar erkennbar.

Die Verbrechen, welche ab 1938 in der Tschechoslowakei durch Deutsche verübt wurden, wie auch die Vertreibung der deutschen Minderheit ab 1945, wurden weder in der DDR noch in der ČSSR öffentlich thematisiert. Auch im Film spielen sie keine Rolle, womit einmal mehr klar wird, dass in den Ländern des Warschauer Paktes keine kritische Beschäftigung mit der eigenen Geschichte möglich oder erwünscht war.

Johannes Rüger
Studium der Politikwissenschaften in Düsseldorf und Prag, später Osteuropaforschung in Giessen. Tätigkeit als freier Journalist in Serbien, Bosnien und Kosovo, mit Themenschwerpunkten im Bereich Kultur, Minderheitenpolitik und Vergangenheitsbewältigung.

Goethe-Institut Prag
März 2013
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