Grenz-Propaganda

Karlsbader Reise

© absolut MEDIEN GmbH
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Regie: Richard Groschopp
D 1939/40


Die Karlsbader Reise ist ein Imagefilm, der mitfinanziert wurde durch die Deutsche Shell Tochter Rhenania-Ossag. Er ist eine Mischung aus Autowerbung, Heimatfilm, „Gute Laune“- und geographischem Unterrichtsfilm aus der Zeit des Nationalisozialismus, Handlungsort ist die Grenzregion von Thüringen und Tschechien.Von direkter politischer Nazipropaganda ist außer der Verherrlichung des „deutschen Lebensstils“ weniger zu spüren, vielmehr findet hier Propaganda indirekt statt: Filmische politische Propaganda wurde in der Zeit vor allem in Nachrichten und Dokumentarfilmen gezeigt, in Spielfilmen wurde sie eher unterschwellig verwendet, wie auch in der Karlsbader Reise. Das Paar Fritz (Erik Ode) und Ilse (Liselotte Schaak) besucht das Goethehaus in Weimar, Goethes Kutsche und die angebrachte Beschreibung von Goethes Reisen in den Kurort bringt Fritz auf die Idee, genau diese Reise mit Ilse zu unternehmen. „Was heute nicht geschieht ist morgen nicht getan“ zitiert er Goethe und los geht’s, im Volkswagen auf Goethes Spuren von Weimar nach Karlsbad. Den passenden Reiseführer haben sie dabei und so liest Ilse die Stationen vor: Weimar – Jena – Prössneck – Schleiz – Hof – Franzensbad – Eger – Karlsbad.

“Böhmen“ als „deutsches Gebiet“

© absolut MEDIEN GmbHDas Spannende an dem Film Karlsbader Reise ist, dass er in einer Grenzregion spielt, die zu der Zeit keine institutionelle Grenze mehr besaß – er spielt kurze Zeit nach der sogenannten Sudetenkrise, in der die Region von den Deutschen „zurückerobert“. Im Film kommt kein einziges Mal das Tschechische vor, Goethes Reise geht nach Böhmen, welches als „natürlicher Teil Deutschlands“ gesehen wird. Von Konflikt ist in dem Film nichts zu spüren. Überall leben Deutsche und es wird deutsch gesprochen, die eingeblendete Karte zeigt keinen Grenzverlauf und alle Straßenschilder sind auf Deutsch: Tschechien zu Zeiten des Protektorats. Die tschechische Kultur wurde vor allem in der Grenzregion komplett unterdrückt, Amtssprache war deutsch. Im Film wirkt es wie ein und dasselbe Land, das schöne, böhmische „Heimatland.“

Keine Tschechen in der tschechischen Grenzregion

© absolut MEDIEN GmbHFritz und Ilse sind ein stereotypes NS-Paar: Heimatverliebt, optimistisch und abenteuerlustig. Tschechische Charaktere kommen nicht vor - lediglich bei einem Zwischenstopp in Franzensbad gibt eine Tschechin Ilse mit übertriebener Freundlichkeit eine Tasse Heilwasser. Ansonsten erfährt man wenig über die Menschen in Tschechien. Die Karlsbader Reise ist ein durchaus informativer Film über Goethes Leben und seine Stationen, aber auch über die historische Grenzsituation. Vor allem aber zeigt er einen Blick auf die tschechische Grenzregion als „deutsch-heimatliches“ Gebiet. Auch lernt und sieht man einiges über die Gegend, durch die Ilse und Fritz fahren – ein Roadmovie der etwas anderen Art.
Tatyana Synková
hat Kulturjournalismus, Slavistik und Romanistik studiert und ist als freie Journalistin und Webredakteurin in Prag tätig.

Goethe-Institut Prag
März 2013
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