Prag als Grenzort

3 Seasons in Hell. Dieser kurze Moment der Freiheit

© Czech Film Center
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Regie: Tomáš Mašín
Tschechien, Slowakei, Deutschland 2009


3 Seasons in Hell ist eine Rebellengeschichte aus dem Prag der Nachkriegsjahre. Die Euphorie der Freiheit wird von der Depression der beginnenen Totalität abgelöst. Und der Hauptheld, ein nach Freiheit dürstender Dichter, muss feststellen, dass die Grenze zu überschreiten gar nicht so einfach ist... 

Von Nachkriegseuphorie zu anti-kommunistischer Regimekritik

© Czech Film CenterDas in Koproduktion entstandene historische Drama spielt im Prag der drei schicksalsschweren Nachkriegsjahre 1947, 1948 und 1949. Der Hauptprotagonist des Filmes, Ivan Heinz, ist 1947 gerade einmal neunzehn Jahre alt und träumt davon, ein großer Dichter zu werden. Er genießt die neu erworbene Freiheit in vollen Zügen, ist modern und marxistisch angehaucht. Er begegnet Jana, einem Mädchen, das, ähnlich wie er, Vergnügen daran hat, aus Prinzip gegen den Strom zu schwimmen, und im Leben „alles ausprobieren“ will. Ihr gemeinsames rebellisches Leben ist voller Erotik und dramatischer politischer Veränderungen. Im Revolutionsjahr 1948 beginnt sich das wahre Gesicht des kommunistischen Regimes zu zeigen. Gesetze werden außer Kraft gesetzt und Privatvermögen verstaatlicht (siehe Szene, wie die Villa von Ivans Vater von einer proletarischen Familie eingenommen wird). Menschen, die mit dem Regime nicht einverstanden sind, werden verlieren ihren Arbeitsplatz.

Es gibt die ersten politischen Prozesse mit Todesurteilen; auch judenfeindliche Stimmungen kommen wieder auf,wie das Beispiel des jüdischen Literaturkritikers Viktor Lukas zeigt. Lukas war während des Krieges drei Jahre im Konzentrationslager und überzeugt davon, dass es nie wieder ein totalitäres Regime geben wird. Trotzdem wird er verhaftet und wegen angeblicher Verschwörung gegen die Republik hingerichtet. 1949 ist Ivans linker Optimismus endgültig verflogen. Er entschließt sich mit Jana zur Emigration. Um sich das Geld für den Schlepper zu verdienen, schmuggelt er Waren in die amerikanische Zone von Wien und wird dabei verhaftet. Während Ivan aufgrund zunehmender Probleme und mangelnder Abpassung in die Psychatrie eingewiesen wird, emigriert Jana in ihre Traumstadt Paris und teilt Ivan von dort aus die Geburt ihresgemeinsamen Sohnes mit.

Grenzziehungen in Prag

© Czech Film CenterDer Film zeigt in authentischer Weise die Veränderung von Prag in den Nachkriegsjahren. Wir sind Zeugen des Lebens in einer extravaganten, bohemischen Stadt mit multikulturellem Charakter, das vom Liebespaar Ivan und Jana in vollen Zügen genossen wird. Sie besuchen Kaffeehäuser und Tanzbars und treffen sich hier mit jungen nonkonformen Tschechen und jüdischen Künstlern. Nach 1948 verwandelt sich Prag in eine graue, bedrückende, unfreie Stadt, deren Bewohner eingeschnürt sind von der Angst vor dem Regime. Durch seine einzigartige Atmosphäre, seine perfekte Ausstattung und seine treffende Standortwahl zeichnet der Film ein detailliertes Zeitbild.
Alice Aronová, Ph.D.
Prag, Tschechische Republik, nach Studium und Promotion im Bereich Filmwissenschaft (Karlsuniversität Prag und FAMU) zur zeit tätig als Journalistin, Dramaturgin und Hochschuldozentin.

Goethe-Institut Prag
März 2013
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