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Liebeserklärungen an die Literatur

Foto: © Sandro Abbate | novelero.deFoto: © Sandro Abbate | novelero.de
Sandro Abbate: „Ich sehe den Blogger als Literaturvermittler – wie ein guter Buchhändler.“

Viele Literaturkritiker rümpfen die Nase über Buchblogger. Die Verlage aber haben den Einfluss der Blogger längst erkannt. Über 1300 deutschsprachige Buchblogs gibt es. Einer davon ist novelero von Sandro Abbate. 2017 war er einer der offiziellen Begleitblogger zum Deutschen Buchpreis.

Sandro, du bloggst seit 2014 über Literatur. Was reizt dich daran?

Mit Literatur beschäftige ich mich schon lange und habe auch ein literaturwissenschaftliches Studium absolviert. Aber das Bloggen ist nicht nur eine gute Möglichkeit, über Literatur zu schreiben, sondern auch, um sich darüber auszutauschen, was dich bewegt, was deine Meinung ist und zu erfahren, was andere von bestimmten Büchern halten. Hier in Siegen, wo ich wohne, ist das Kulturangebot begrenzt, es gibt kein Literaturhaus oder so etwas. Man findet nur schwer Leute, mit denen man über Literatur sprechen könnte. Aber im Netz gibt es eine richtige Bloggerfamilie. Die trifft sich auch jedes Jahr auf den Buchmessen in Frankfurt und in Leipzig.

Auch in den besten Familien gibt es mal Differenzen.

Klar, es ist natürlich immer die Frage, worüber du dich austauschen möchtest. Es gibt über 1300 deutschsprachige Buchblogs. Viele bedienen bestimmte Genres. Es gibt ganz viele Fantasy-Blogs. Und dann gibt es die Blogger, die sich im Grunde mit der gleichen Literatur beschäftigen, die auch in den Feuilletons besprochen wird. Wenn man so will: anspruchsvolle Gegenwartsliteratur. Es sind so zehn, zwanzig Blogs, die für mich persönlich interessant sind. Ich will aber kein Qualitätsurteil fällen. Ganz gewiss haben auch Genreblogs auch ihre Daseinsberechtigung. Das ist aber nicht das, was ich lese.

Was unterscheidet einen Buchblogger oder Literaturblogger von einem Buchkritiker, der für die Feuilletons schreibt?

Einerseits seine Unabhängigkeit… im besten Fall. Als Kritiker muss ich auch schauen, dass ich über Bücher schreibe, die interessant sind für den Mainstream, die gelesen werden wollen. Da haben es zum Beispiel kleinere Verlage schwerer, besprochen zu werden. Als Blogger hat man die freie Wahl. Auf Blogs werden zwar trotzdem oft die gleichen Bücher besprochen wie im Feuilleton. Aber in Blogs geschieht das meistens persönlicher. Da wird dann auch die ganz eigene Meinung geäußert. Das passiert im Normalfall in der Literaturkritik nicht. Den Blogger sehe ich eher als Literaturvermittler – ungefähr wie ein Buchhändler, der wirklich Ahnung hat, und mich beraten kann. Deswegen gibt es vermutlich auch so wenige Verrisse in Blogs. Man schreibt dann doch eher über das, was einen begeistert.

Und gerade das missfällt manchen Literaturkritikern.

Es gibt schon einige Redakteure, die ständig darauf herumreiten, wie schlecht denn manche Literaturblogs seien. Darauf antworten dann wiederum die Literaturblogger: „Hey, wir wollen doch gar keine Kritiker sein, und wir machen das ja aus freien Stücken…“. Aber diese Diskussion ist eigentlich totaler Quatsch. Blogger in allen Themenbereichen gehören mittlerweile zur Medienlandschaft dazu – eben auch in Sachen Literatur.

Die Verlage scheinen den Einfluss der Buchblogger jedenfalls erkannt zu haben.

Ich glaube, es gibt kaum noch einen Verlag, der nicht mit Bloggern zusammenarbeitet. Aber man muss aufpassen, unabhängig zu bleiben, etwa Bücher nicht nur deshalb wohlwollend zu besprechen, weil man sie umsonst bekommt oder weil man vom Verlag zu einer Veranstaltung eingeladen wird. Ich selbst nehme solche Veranstaltungen eher weniger wahr. Ganz nett finde ich aber Besuche bei Verlagen, um sich das einfach mal von innen anzuschauen. Als Blogger erhält man dazu eher die Möglichkeit. Aber wie gesagt: Am wichtigsten ist mir, meine Unabhängigkeit zu bewahren und das zu besprechen, was ich für wichtig halte, und es so zu besprechen, wie ich es für richtig halte.

Das ist auch der Tenor der Beiträge in „Warum ich lese“, eine Art Porträt der deutschsprachigen Buchbloggerszene, das du zusammengestellt und herausgegeben hast. 40 Buchblogger erzählen, wie sie das Lesen für sich entdeckt haben. Wie kam es zu dem Projekt?

Das war relativ spontan. Kurz nachdem meine Großmutter gestorben war, habe ich auf meinem Blog novelero meine Erinnerungen geteilt. Als Kind stand ich immer vor ihren riesigen Bücherregalen, die ganze Wände in ihrer Wohnung ausgemacht haben. Ich habe mir da ständig Bücher ausgeliehen. Die ersten Nicht-Kinderbücher hatte ich von meiner Großmutter. Durch sie bin ich zur Literatur gekommen. Ich wollte erfahren, wie das bei anderen Bloggern war, und habe einige gefragt. Ich habe nicht damit gerechnet, viele Antworten zu bekommen. Aber es haben fast alle mitgemacht und das auch auf ihren Blogs geteilt. Da wurde es dann wiederum von weiteren Bloggern gelesen, die dann ihrerseits Beiträge geschrieben haben. Und dann kam mir Idee, ein Buch daraus zu machen.

Warum sollte das jemand lesen, der nicht selbst über Literatur bloggt oder regelmäßig Literaturblogs liest?

Die Frage habe ich mir auch gestellt: Ist das nicht eine reine Nabelschau oder gibt es wirklich Leute, die sich dafür interessieren, warum gerade ich angefangen habe, zu lesen? Ich glaube, es ist schwierig mit dem Buch an Leute heranzukommen, die nicht selbst lesen, also etwa: „Hier, guck mal! So sind die Leute zum Lesen gekommen. Hast du nicht Bock, zu lesen?“ Das wird keiner machen. Dementsprechend ist Warum ich lese ein Versuch. Die erste Auflage war mit 400 Stück relativ gering, aber die ist nun schon vergriffen und es wird nachgedruckt. Ich schätze also mal, es lesen auch andere Leute.

Verdienst du mit deinem Blog eigentlich etwas? Oder ist das ein reines Hobby?

Einnahmen habe ich durch den Blog nicht. Ein Nebeneffekt ist, dass ich viele Bücher umsonst bekommen kann. Es gibt Blogger, die zu Amazon verlinken, und damit scheinbar Geld verdienen. Ich glaube aber, da muss ziemlich viel geklickt werden, bis da etwas rumkommt. Aber will man unbedingt zu Amazon verlinken? Ich will das nicht. Einerseits ist mein Blog natürlich ein Hobby, andererseits dient er oft als Türöffner. Ich bin zum Beispiel durch Blogbeiträge angesprochen worden, ob ich nicht für Zeitungen Buchbesprechungen schreiben möchte. Meine Blogkosten deckt aber das nicht.

Warum ich lese – 40 Liebeserklärungen an die Literatur

Foto: © homunculus verlag„Wie kam es dazu, dass wir zu Lesern wurden? Wer führte uns zum ersten Mal ans Bücherregal und zeigte uns seine Schätze, welcher Roman bescherte uns durchwachte Nächte, welche Lektüre änderte unsere Sicht auf die Dinge so grundlegend, dass wir nach ihr nicht mehr dieselben waren?“

Warum ich lese ist das Gemeinschaftswerk 40 deutschsprachiger Buchblogger, die in persönlichen Geschichten erzählen, warum die Literatur zu ihnen und zum Menschsein überhaupt gehört wie die Luft zum Atmen.

homunculus verlag, März 2017
ca. 200 Seiten, broschiert
Preis: 12,90 €

Das Interview führte Patrick Hamouz.

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Oktober 2017
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