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Warum Feminismus in Tschechien ein Schimpfwort ist

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Marsch Ženy na hrad! (Frauen auf die Burg!) im März 2018 in Prag

Kaum etwas unterscheidet die tschechische und die deutsche Gesellschaft so sehr wie die Auffassung vom Begriff Feminismus. Bestrebungen zur Gleichberechtigung der Frau gingen in beiden Ländern schon von Anfang an verschiedene Wege.

Die Bezeichnung Feministin, beziehungsweise Feminist, wird westlich unserer Grenze überwiegend positiv wahrgenommen. Alice Schwarzer, Organisatorin der Kampagne zur Legalisierung von Abtreibung Anfang der siebziger Jahre, Kämpferin gegen die Legalisierung von Prostitution und Herausgeberin der Zeitschrift EMMA, gilt in Deutschland zwar als eine etwas kontroverse, aber respektierte Person. Weit über die Grenzen ihrer Heimatländer hinaus genießen Persönlichkeiten wie Simone de Beauvoir, Betty Friedan oder Ruth Bader Ginsburg Anerkennung. Wenn man Hillary Clinton, Beyoncé oder Emma Watson als Feministin bezeichnet, lächeln sie und bedanken sich für das Kompliment.

Im postkommunistischen Europa jedoch ist Feminismus ein Schimpfwort. Angeblich handelt es sich um eine extremistische Bewegungen frustrierter Hexen, die Männer hassen und unterdrücken wollen. Das Klischee von der Feministin als Lesbe mit haarigen Beinen ist so weit entfernt von der Realität und dämlich, dass es nicht lohnt, darüber Worte zu verlieren. Zumal es den einen Feminismus nicht gibt. Vielmehr werden darunter eine Vielzahl von Sozialtheorien, politischen Bewegungen und philosophischen Strömungen verstanden, deren Ziel nicht der Kampf gegen die Männer ist, sondern die Überwindung von gesellschaftlichen Ungleichheiten und Normen, die unsere individuelle Freiheit einschränken, insbesondere solche, die mit dem Geschlecht zu tun haben.

Frauen der Nation

Einer der Gründe, warum die tschechische Öffentlichkeit den Feminismus derart ächtet, ist ihre Unwissenheit. Während selbst der durchschnittliche Amerikaner eine Ahnung hat, wer oder was die Suffragetten waren, werden in den tschechischen Schulen Geschichts- und Sozialwissenschaften stets als Geschichten großer Männer gelehrt. Über den historischen Wandel der gesellschaftlichen Stellung der Frau oder die Frauenbewegung wird in tschechischen Klassen nicht gesprochen, allerhöchstens fällt einmal der Name Plamínková. Dabei geht es keineswegs nur um eine Randnotiz der Geschichte. Nicht nur, weil das Thema mindestens eine Hälfte der tschechischen Bevölkerung direkt betrifft, sondern auch weil die Ungleichheiten weiterhin bestehen, , etwa bei der Bezahlung.

Nun, man unterscheidet drei Wellen der feministischen Bewegung. Jede hatte andere Ausgangspunkte und Ziele. Die ersten Feministinnen, auch als Suffragetten bezeichnet, rangen vor allem um grundlegende Bürgerrechte für Frauen, also um die Möglichkeit zu studieren oder um das Besitz- und Wahlrecht. Ihre Bemühungen zeigten in der streng patriarchalischen Gesellschaft nur begrenzt Wirkung – bis sich diese schließlich selbst im Dreck und Blut des Ersten Weltkriegs ertränkte. Während die Männer in den Schützengraben starben, besetzten Frauen ihre Plätze an den Bändern der Fabriken. Mit der Erkenntnis, dass sie ebenso mündig sein konnten wie Männer, betraten sie die Bühne dieser neuen Zeit mit einem noch nie dagewesenen Selbstvertrauen. Sie schnitten sich einen Bubikopf und tanzten zu den wilden Rhythmen schwarzer Musik.

Für die böhmischen Länder unterschieden sich in dieser ersten Phase die Rahmenbedingungen. . Genau wie in anderen kleineren Gesellschaften war die tschechische Frauenbewegung eng verbunden mit dem Prozess der Bildung einer nationalen Identität. Das Streben nach Gleichberechtigung war mehr ein Mittel zur so genannten Nationalen Wiedergeburt. Die ersten tschechischen Feministinnen kämpften also hauptsächlich für die Bildung der Frauen, um am Ende eine neue Generation nationalaufgeklärter Tschechen heranzuziehen. Deshalb waren sie weit weniger radikal in ihren Forderungen und Methoden. Sie schmissen sich nicht während eines Pferderennens auf die Rennbahn wie die britische Suffragette Emily Davison, sondern arbeiteten eng mit Männern zusammen – feministische Ideen propagierten beispielsweise auch Vojtěch Náprstek oder Tomáš G. Masaryk.

Die zweite Welle blieb aus

Aus dem Jazzclub zurück an den Küchenherd trieb die Frauen die Wirtschaftskrise beziehungsweise deren Auswirkungen in Gestalt von Totalitarismen, wie des Nationalsozialismus. Nach dem Krieg begann die westliche Wirtschaft schnell zu wachsen, die Männer hatten also keine Schwierigkeiten, ihre Familien allein zu ernähren. Nur die Rückkehr der Frau in häusliche und erzieherische Rollen verlief nicht ganz reibungslos, die Frauen der fünfziger Jahre waren gebildeter und selbstständiger als ihre Mütter und Großmütter. Die zweite Welle des Feminismus konzentrierte sich daher auf den Wandel der streng patriarchalen Mentalität als Grundlage für die Ungleichheit. Prägend waren die Bücher Das zweite Geschlecht (1949) von Simone de Beauvoir und Der Weiblichkeitswahn (1963) aus der Feder Betty Friedans.

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Johanna Nejedlová ist Mitinitiatorin des Projekts Když to nechce, tak to nechce (Wenn sie nicht will, will sie nicht).

In der Tschechoslowakei lebten die Frauen zu dieser Zeit vermeintlich emanzipierter, so waren sie weit öfter berufstätig als Frauen in Westdeutschland. Die sozialistische Frau sollte nicht Gefangene des Haushalts sein, sondern, während die Kinder in der Krippe spielten, als Kranführerin oder Tierärztin in der Landwirtschaftsgenossenschaft ein besseres Morgen aufbauen. Frauen in der ČSR hatten wesentlich früher das Recht abzutreiben oder sich scheiden zu lassen, und es entstand ein dichtes Netz an Krippen, Schulen und Schulkantinen. Allerdings waren diese Maßnahmen von oben diktiert und gingen keineswegs mit einem gesellschaftlichen Sinneswandel einher. Zu Hause wartete auf die Frauen noch eine zweite Schicht im Haushalt und die Hauptverantwortung für die Kinderbetreuung. Auf höheren Posten waren Frauen nicht vertreten.

Währenddessen demonstrierten Studenten in Westeuropa für eine bessere Welt, hinter dem Ozean entbrannte ein Kampf um Bürgerrechte unabhängig von der Hautfarbe. Das Ende der sechziger Jahre brachte eine grundlegende Lockerung der Sexualmoral. Die Beziehung beider Geschlechter zueinander veränderte sich weitreichend. Bloß, während in New York, Paris und Westberlin Frauen demonstrativ ihren Büstenhalter verbrannten, jagten durch die Straßen tschechischer Städte die Panzer des Warschauer Pakts. Mit sich brachten sie die Normalisierung, zwanzig Jahre gesamtgesellschaftliches Koma, während dessen die immer gleichen alten Männer das Land regierten und das Streben nach freier Meinungsäußerung im Verhörraum der Staatssicherheit endete, wenn nicht im Knast.

Junge Frauen vor

Zu einer Veränderung der vorherrschenden gesellschaftlichen Einstellung kann es aber nur in einem offenen Dialog kommen. Weder die sexuelle Revolution, noch eine konsequente Gleichberechtigung der Frau, nicht mal die Akzeptanz von Homosexualität konnte unter den tschechoslowakischen Bedingungen stattfinden. Auch Dissidenten beschäftigten sich nicht mit diesen Themen. Ihr Kampf konzentrierte sich auf die Durchsetzung allgemeiner Menschenrechte. Über die Gleichberechtigung beider Geschlechter und den Feminismus aber wurde erst nach November ‘89 diskutiert, wenn auch in eher begrenzten Kreisen. Frauenorganisationen gründeten sich. Im Westen allerdings schwappte da bereits die dritte Welle des Feminismus, deren Anstrengungen sich um weitere soziale sowie ökologische Themen erweiterten.

Es scheint, als entwickele sich die vierte Welle in Tschechien ähnlich wie im Westen. Sie gründet sich auf Online-Aktivismus und zeigt sich gern im öffentlichen Raum. Ein typisches Beispiel dessen war der Marsch Ženy na hrad! (Frauen auf die Burg!), der am Internationalen Frauentag 2018 durch Prag führte. Auffällig war der niedrige Altersdurchschnitt der feministischen Gruppen, die zu diesem Marsch zusammenkamen. Die Aktion verstand sich als Kritik an Präsident Miloš Zeman sowie der gesamten tschechischen politischen Repräsentanz. „Soziale und ökologische Themen werden unserer Meinung nach von der Politik sträflich vernachlässigt“, erklärte Martina Veverková vom Bündnis Socialistické Solidarity (Sozialistische Solidarität). „Darauf wollten wir mit unserem Marsch in erster Linie aufmerksam machen.“

Die jungen Feministinnen übersehen aber mitnichten die im engeren Sinne „weiblichen“ Themen. Ein Ausdruck der vierten Welle ist gewissermaßen auch die Kampagne #metoo, oder aber das Projekt Když to nechce, tak to nechce (Wenn sie nicht will, will sie nicht). „Jede zehnte Frau in Tschechien erlebt eine Vergewaltigung“, so die Mitinitiatorin Johanna Nejedlová. „Wir reden auch mit denen über Vergewaltigung, die dem ein Ende setzen können, also mit Männern.“ Auf die Art knüpft das Projekt an jene Vorkämpferinnen an, die Bürgerrechte und einen (leidlich) gleichen Zugang zum Arbeitsmarkt erstritten hatten, denn nun ist die Zeit gekommen, sich fairen Beziehungen im Privat- und Intimleben zuzuwenden – bei einer gleichzeitigen Reflexion weitgefasster wirtschaftlicher und sozialer Zusammenhänge. Das Bemühen um Gleichberechtigung der Geschlechter tritt damit vielleicht in seine letzte Phase ein, mit dem Potential die Welt wirklich in ihren Grundfesten zu verändern.

Jaroslav Ostrčilík
Übersetzung: Max Zaloudek

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
April 2018
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