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Herz und Hirn statt Hass und Hetze

© #ichbinhier
Spätestens wenn es um Politik geht, scheint die Stimmung auf Facebook zu kippen. Beleidigungen und Lügen vergiften den Meinungsaustausch oder machen ihn gleich unmöglich. Wie man das Diskussionsklima mit einfachen Mitteln verbessern kann, machen die Mitglieder der Gruppe #ichbinhier vor. Und sie werden immer mehr.

Wer einen Blick in die Kommentarspalten bei Facebook wirft, kann oftmals nur erschrecken. Hass und Hetze machten sich dort breit. Die Grenzen dessen, was man sagen und fragen darf, haben sich heute scheinbar massiv verschoben. Im Fokus immer wieder: Flüchtlinge. Und zwar alle zusammen. Differenziert wird kaum; egal ob es um Geld oder Gewalt geht, sofort wird gestichelt und beleidigt, Statistiken werden infrage und Verschwörungstheorien in den Raum gestellt.

Beitrag melden – und dann?

Die Politik war lange Zeit ohnmächtig. Immer wieder wurde gefordert, etwas gegen die Situation zu unternehmen, Facebook in die Pflicht zu nehmen. Am 1. Januar 2018 trat dann das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, kurz NetzDG, in Kraft. Anbieter von sozialen Netzwerken müssen seitdem „offensichtlich rechtswidrige Inhalte“ innerhalb von 24 Stunden nach ihrer Meldung entfernen oder sperren, ansonsten riskieren sie Bußgelder von bis zu fünf Millionen Euro. Im ersten Halbjahr 2018 wurden über das NetzDG-Formular 886 Beschwerden mit 1704 solcher Inhalte eingereicht. Eine überschaubare Zahl, vor allem, wenn man gleichzeitig den globalen Maßstab kennt: Allein im ersten Quartal 2018 hat Facebook weltweit über 2,5 Millionen Posts wegen Hate Speech gelöscht. Nur 38 Prozent davon konnte eine automatische Erkennungssoftware ausfindig machen, auf den Rest mussten – wie beim NetzDG – Nutzer hinweisen. Die Dunkelziffer liegt also vermutlich umso höher.

Die Gruppe #ichbinhier nutzt deshalb noch andere Möglichkeiten als den „Melden“-Button, um den entgleisten Kommentarspalten entgegen zu treten. #ichbinhier ist ein Zusammenschluss von Facebook-Nutzern, die gemeinsam gezielt gegen Hasskommentare vorgehen. „Für eine bessere Diskussionskultur“, so haben sie es sich auf die Fahnen geschrieben.

Widerspruch ist wichtig

Mit dabei ist auch Katja. Seit vielen Monaten schreibt sie schon Gegenkommentare. „Manches will ich einfach nicht unwidersprochen stehenlassen“, erklärt sie, und ist damit nicht alleine. Inzwischen sind über 45.000 Menschen der Gruppe beigetreten. Anstatt zurück zu pöbeln, versuchen sie, Ruhe und Sachlichkeit in die Kommentarspalten zu bringen.

#ichbinhier arbeitet organisiert. Die Mitglieder machen sich gegenseitig auf aktuelle Brandherde aufmerksam, dort klicken sie sich dann kollektiv hin. Ganz wichtig dabei: „Es unterscheidet uns von der Gegenseite, dass wir transparent operieren“, so Uli. „Wenn wir da sind, weiß jeder Bescheid. Der Hashtag ist unser Markenzeichen.“

Wenn Kommentatoren von #ichbinhier sich zu einem bereits bestehenden Kommentar äußern, kann das auch einen Nachteil haben. Denn so verschaffen sie dem Ursprungskommentar, algorithmusbedingt, eine noch größere Aufmerksamkeit– nicht unbedingt der Sinn der Sache, wenn man Unwahrheiten widerlegen oder Hassrede trotzen will. Anne zum Beispiel schreibt deshalb in der Regel eigene Kommentare. Unsachliche Gegenreaktionen ignoriert sie, und wenn jemand versucht, Unwahrheiten unter ihrem Kommentar zu verbreiten, kontert sie mit quellenunterlegten Fakten. Mit Gegenkommentaren muss man fast immer rechnen. Man sollte sich deshalb bewusst sein, wie viel Zeit man aufbringen kann, ergänzt Knut: „Es bringt ja nahezu nichts, dort einen Kommentar abzulassen, wenn einem anschließend die Zeit fehlt, der sich daraus ergebenden Diskussion etwas beizusteuern.“

Auch für Uli gilt in erster Linie, gute eigene Kommentare zu schreiben. „Daneben gibt es natürlich auch Counter-Speech-Techniken, mit denen man Hasskommentare auseinander nehmen kann“, erklärt er. Mit Fragen wie „Was genau meinen Sie mit…?“ oder „Komisch – einerseits behaupten Sie dieses, andererseits sagen Sie jenes – wie passt das zusammen?“ versucht man dabei, falsche Annahmen und Unstimmigkeiten aufzudecken. „Gleichzeitig ist eine Deeskalation das Ziel, was ehrlich gesagt nicht besonders oft gelingt. Trotzdem ist es wichtig, es immer wieder zu versuchen“, ist Uli überzeugt.

Appell an den stillen Mitleser

Manchmal diskutieren Mitglieder von #ichbinhier auch untereinander in den Kommentarspalten und zeigen so, dass man durchaus ganz unterschiedliche Ansichten vertreten und dennoch respektvoll miteinander diskutieren kann. Das gehört zu den positiven Dingen, die man aus der Arbeit mitnehmen kann. „Eine der schönsten Erfahrungen bei #ichbinhier ist das Zusammengehörigkeitsgefühl und das Wissen darum, dass man sich aufeinander verlassen kann“, findet Knut. „Mir stehen Menschen nahe, die zum Beispiel politisch auf einer ganz anderen Seite stehen als ich.“

Das gibt Kraft. Und die braucht es auch. Denn Arbeit für die #ichbinhier-Mitglieder gibt es genug. So genannte Fake News werden pausenlos gezielt gestreut. Mutiert der Widerstand dadurch nicht schnell zum Kampf gegen Windmühlen? Diese Frage kommt auch bei #ichbinhier hin und wieder auf. „Solange speziell Facebook ein nahezu rechtsfreier Raum ist, wird es wohl ein Kampf gegen unbelehrbare, organisierte Windmühlen bleiben“, meint Knut. „Aber die Windmühlen sind nicht nur die ‚anderen‘ – wir sind es auch.“ „Aufgeben ist keine Option“, stellt Theresa fest, denn „wenn man nur einen einzigen Mitleser zum Nachdenken oder Recherchieren außerhalb der eigenen Filterblase anregt, dann hat es sich gelohnt.“ Anne ergänzt: „Der Hass an sich wird nicht zu stoppen sein, allerdings steht er nicht für die Mehrheit der User im Internet. Mit dem Dagegenhalten wird das verzerrte Bild, was gezeichnet werden soll, zumindest unterbrochen.“ Und auch Knut wünscht sich den Effekt seiner Kommentare „weniger bei denjenigen, die gegen mich anreden, sondern mehr beim stillen Mitleser.“

„Ich bewege mich nicht mehr alleine“

Apropos Mitleser – der Hashtag #ichbinhier wirbt nicht zuletzt für die eigene Sache. Viele der Mitglieder sind wie Theresa in den Kommentarspalten darüber gestolpert und so auf die Gruppe aufmerksam geworden.

Uli hingegen war schon vor seinem Beitritt bei #ichbinhier in den Kommentarspalten aktiv. Nach dem Brexit-Votum und der Wahl von Donald Trump unterstützte er die Bürgerinitiative Pulse of Europe und war über die Vielzahl von Trollen auf deren Facebook-Seite schockiert: „Ein ganzes Jahr lang habe ich täglich mindestens drei Kommentare gepostet und allmählich gelernt, wie man argumentiert und wie man einen Shitstorm übersteht.“ Vor allem merkte er, dass es wichtig ist, Gleichgesinnte mit Likes und Kommentaren zu unterstützen. Die täglichen Konflikte mit „äußerst aggressiven Gegnern“ seien psychisch „extrem belastend“ gewesen. „Am Ende war ich dabei, mich in genau das zu verwandeln, was ich eigentlich bekämpfen wollte: in einen Troll. Mit meinem Beitritt bei #ichbinhier änderte sich das. Ich bewege mich nicht mehr alleine, sondern bekomme jederzeit massive Unterstützung durch die anderen Mitglieder. In der Gruppe gibt es eine permanente Reflexion über das, was wir tun. Ich habe das Gefühl, ein Teil von etwas Bedeutsamem geworden zu sein.“

Das Licht am Horizont

Ein besonderer Erfolg ist es, wenn sich der anfangs aufgeladene Schlagabtausch nach und nach in eine anständige Diskussion verwandelt. „Manchmal steht am Ende einer solchen Diskussion sogar ein kleiner Konsens, manchmal die Erkenntnis auf beiden Seiten, dass man nicht einer Meinung ist und dennoch jeder den Austausch in der Tat als Inspiration empfunden hat“, erzählt Theresa. Likes, dankbare Kommentare und eine allmähliche Besserung des Klimas auf Facebook – all das gibt Mut, weiterzumachen.

Den Mut kann man sogar weitergeben, wie Theresa es in ihrem eigenen Umfeld erlebt hat. Viele ihrer Freunde gaben Facebook als Diskussionsplattform irgendwann auf – trauten sich durch die Präsenz von #ichbinhier aber wieder zurück: „ Eines Tages dann habe ich eine Freundin in einer Kommentarspalte getroffen. Parallel schrieb sie mir, dass sie das nicht gewagt hätte, wenn sie nicht gewusst hätte, dass wir auch dort sind. Es gibt also auch auf Seiten der stillen Mehrheit das Bedürfnis, sich an der digitalen Diskussion zu beteiligen, doch die Scheu vor zu viel Hass, Getrolle und Unsachlichkeit hat viele entmutigt.“ #ichbinhier möchte mit seiner Präsenz anregen und ermöglichen. Der Hashtag sei Programm, sagt Theresa: „Ich bin hier, du bist nicht alleine, wir stehen mit dir zusammen für eine sachliche Diskussion.“

Ein Licht am Horizont, sowohl für die stillen Mitleser, als auch für die Menschen von #ichbinhier. Und eigentlich auch für ganz Deutschland, zumindest wurde die Gruppe entsprechend gewürdigt. 2017 erhielt #ichbinhier den Grimme Online Award. Hannes Ley, der Gründer, bekam im Mai 2018 den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland aus den Händen von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überreicht. #ichbinhier engagiere sich „in herausragender Weise für Freiheit und Demokratie und gegen Rechtextremismus und Gewalt“, hieß es in der Begründung.

Es würdigt, wofür Mitglieder wie Anne, die anderen 45.000 und noch viele mehr tagtäglich einstehen: „Ich habe mir damals im Geschichtsunterricht geschworen: Sollten wir jemals in Deutschland wieder an diesem Punkt gelangen, wo Menschengruppen infrage gestellt und die Menschenrechte und Menschenwürde für diese Gruppen angegriffen werden, ist Schweigen keine Option. Die Verteidigung unserer Demokratie geht jeden Einzelnen von uns an.“

Lara Schech | jádu

Dieser Text ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0).
Januar 2019

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