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Die Anmut des Banalen

Petr Hruška | Foto: © Martin Straka

Petr Hruška ist ein Meister der leisen Töne: In seinem neuen Gedichtband „Irgendwohin nach Haus“ gibt er dem Alltäglichen und Unscheinbaren Raum, die eigene Schönheit zu entfalten.

„Das unergründliche Streben der Menschen ist von düsterer Schönheit. Wie sich in ihnen immerzu etwas regt, wie sie sich für etwas, nach etwas oder jemandem strecken, bücken und wieder aufrichten, wie sie dabei atmen, fluchen und vor Zartgefühl zittern“, heißt es in einer Art Einleitung, die der Autor seinen Gedichten voranstellt. Es ist diese Schönheit, nicht immer düster allerdings, die auch seinen Zeilen innewohnt – und zwar äußerlich wie innerlich. Hruška benötigt nur wenige, mit gespitzter Feder gesetzte Worte, um ein ganzes Universum des Unscheinbaren zu entfalten: Der Blick richtet sich auf das scheinbar Nebensächliche, das Banale, welches wir in unseren automatischen Tagesabläufen meist nicht oder nur aus den Augenwinkeln wahrnehmen. Doch widmen wir den Situationen, Handlungen und Gegenständen einen zweiten, tieferen Blick, kommt eine ureigene und ruhige Schönheit zutage.

Da bringt der Riss in einem Schuh – „die allerletzte Kindergröße“ – den Erzähler in eine melancholische Stimmung angesichts einer endenden Ära und gleichsam zu der tröstenden Erkenntnis, die den langsamen Abschied in ein größeres Ganzes einbindet: „Begreif doch, / auch unsere Körper sind aus Sauerstoff und Kohlenstoff / uralter Sterne“. Da bewirkt ein „dünner / Lichtfaden vom undichten Fenster“ einen beschämenden Überraschungsmoment innerhalb einer ungeplant intimen Situation, als sich zwei Personen in einer Speisekammer gegenseitig beim Diebstahl von Kartoffeln begegnen. Und da bemerkt jemand „Beim Bücken / zum weggerutschten Seifenstück“ zum ersten Mal aufmerksam, wie dieser Gebrauchsgegenstand eigentlich beschaffen ist.

Den Schleier lüften

© edition AZUR

Hruška sucht mit seinen Gedichten zu verwundern und zu verstören, er lässt uns einen Blick unter den Schleier des Alltags werfen – nicht selten kommen dabei Gegebenheiten zutage, die man schon immer zu kennen meinte und doch noch nie so gesehen hat. Sie spielen sich in uns bekannten Räumen ab: Einem düsteren Kellerraum, einer schummrigen Kneipe, der nächtlichen Küche – wie viele Assoziationsräume tun sich allein bei dem Titel „Während wir in der Küche sitzen“ auf?

Doch auch Orte und Nicht-Orte außerhalb der vertrauten Sphäre werden in der Sammlung Irgendwo nach Haus zur Bühne: Die riesige, dem Schlund eines Walfischs ähnelnde Autofähre zum Beispiel, eine Kolonne aus Lastwagen oder die Fremdheit der Transiträume auf Reisen, in denen man sich an den Partner klammert, um das Gefühl des Verlorenseins wenigstens ein kleines bisschen zu lindern. Klamme Lichtungen mit nassem Laub, die „Schraffur kahler Sträucher / am Waldrand“ machen eine durch Worte geführte Ortsbegehung möglich, die sich gängiger Vorstellungen von touristischen Erkundungen entzieht und den Blick auf das oft übersehene Detail im urbanen Raum lenkt.

Ringsum Ostrava

Ostrava, die Stadt, in der Hruška 1964 geboren wurde und in der er noch immer lebt, bietet dafür als ehemalige Bergarbeiterstadt eine passende Kulisse: Jahrzehnte lang wurde das Gebiet von Steinkohleabbau und Schwerindustrie geprägt, noch immer haftet ihr die Atmosphäre von Industrie und Pflichtbewusstsein an. So wie die Stadt den Autor prägte, spiegelt sie sich auch in seinen Gedichten wieder. Eine düstere Schönheit mag früher über dem Gebiet gelegen haben, sie findet immer wieder Einzug in die Gedichte Hruškas; wenn die unabänderliche Endlichkeit des Menschen deutlich wird und die Dunkelheit in der Welt und den Gemütern überhand zu nehmen droht. Dies sind die finsteren Momente, in denen es dem Autor gelingt, den Blick auf das Anmutige zu lenken, welches sich wie eine kämpferische Pflanze durch den Beton eines Bürgersteigs kämpft: „nackte Stiele der Johannisbeeren / anmutig wie Adern“.

In Tschechien sind bereits sieben Lyrikbände von Hruška erschienen, der vorliegende zweisprachige Band ist eine Zusammenstellung ausgewählter Gedichte der letzten Jahre und seit 2008 die erste – anlässlich des Tschechien-Schwerpunktes auf der Leipziger Buchmesse geförderte – Übersetzung ins Deutsche. Martina Lisa ist es gelungen, die zarte Poesie der Gedichte aus dem Tschechischen auch in der anderen Sprache beizubehalten.

Aus jeder Zeile Hruškas, sei ihr Buchstabengerüst auch noch so unnachgiebig, schwingt Mitgefühl für die Orte und Menschen, die aus dem gesellschaftlich etablierten Raster der Normalität herausgefallen sind oder sich einer Definition entziehen. Hinter jeder dunklen Vorahnung versteckt sich ein Lichtblick, doch um den zu finden, bedarf es großer Aufmerksamkeit – eine Aufmerksamkeit, die sich mit dem Eintauchen in den Kosmos Hruškas unweigerlich einstellt. So verloren die Stimmen in den Gedichten auch wirken mögen, letztendlich finden sie einen Ausweg, der Irgendwohin nach Haus führt – ob sich dieses Zuhause an einem festgelegten Ort in der äußeren Welt oder im Inneren der Menschen befindet, muss jedoch jeder für sich entscheiden.

Julia Schmitz | jádu

Julia Schmitz arbeitet als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Sie schreibt am liebsten über Literatur, Kunst und Menschen.

Dieser Text ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0).
März 2019
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