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Hast du zum Teufel Nein gesagt?

Foto: David Sedlecký | CC BY-SA 4.0Foto (Ausschnitt): Friedrich Magnussen, Stadtarchiv Kiel | CC BY-SA 3.0
Karel Gott im Jahr 1969 bei einer Autogrammstunde in einem Plattengeschäft in Kiel (Westdeutschland)

Der im Oktober verstorbene Karel Gott war – und ist es noch - für die meisten eine Ikone und über jeden Zweifel erhaben. Aber es gibt auch viele, die das Wirken des Schlagersängers vor 1989 kritisch sehen. Wie erging es den Gegnern des Regimes zu der Zeit, als Karel Gott im Westen Karriere machte? Ist die kollektive Trauer über den „Meister“, wie Karel Gott auch genannt wurde, repräsentativ für die tschechische Gesellschaft 30 Jahre nach der Samtenen Revolution? Ein persönlicher Kommentar der Filmemacherin und früheren Dissidentin Monika Le Fay.

Nein, ich werde nicht mehr über Karel Gott schreiben. Oder nur ein bißchen, wie über jemanden, der eine gesamtgesellschaftliche Diskussion ausgelöst hat, wahrscheinlich ohne dass er das wollte. Obwohl das auch ein schöner Text sein könnte: So wie Greta Thunberg ein Lackmuspapier für das tschechische Hinterwäldlertum ist, so könnte Karel Gott ein Lackmuspapier für die tschechische Angepasstheit, Durchtriebenheit und den Grad des Stockholm-Syndroms sein.

Eher möchte ich aber schreiben über Menschen, die ganz anders sind und andere Ideale haben, denen sie treu sind. Auch wenn es von ihnen bestimmt nicht so viele gibt, wie Hörer tschechischer Popmusik der Normalisierung [Als sog. Normalisierung wird die Epoche der tschechoslowakischen Geschichte von der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 bis zur Samtenen Revolution 1989 bezeichnet. Sie war gekennzeichnet von politischen Repressionen und einer gewissen gesellschaftlichen Apathie, Anm.d.Red.].

Wie groß ist Ausmaß des Stockholm-Syndroms?

Mein ganzes Leben habe ich unter Menschen verbracht, die zu der Zeit, als Gott seine Hits sang, ihre Arbeit nicht ausüben konnten, das Land verlassen mussten, jahrelang eingesperrt waren, unter Menschen, denen – und deren Kindern – Leid angedroht wurde, die für ihre Haltung ihr Leben, ihre Gesundheit oder zumindest ihre Rente verloren.

Ich werde kaum auf meine alten Tage die Meinung ändern und diese Vergangenheit durch eine rosarote Brille betrachten. Wenn dieses Land eines braucht, dann ist es, endlich offen über Dinge zu sprechen und eine totale Befreiung von kommunistischen Hinterlassenschaften durchzuführung, so wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg die Entnazifizierung. Sonst bleiben wir für längere Zeit stecken in Populismus und Nationalismus und werden uns nur unter großen Mühen wieder herauswinden.

Ich habe in diesen paar Tagen wieder viele Beleidigungen und Drohungen erhalten. Einige waren auch lustig, aber ich werde den Autoren nicht die Freude machen, sie zu zitieren. Damit würde ich die Regel verletzen, dass Jauche in den Abfluss gehört und dort auch bleiben soll.

Ich habe auch von Leuten, die keinen Finger krumm gemacht haben, zu hören bekommen, dass ich mich dem „Meister“ [auf Tschechisch: Mistr. Geläufiger Beiname, den Karel Gott in Tschechien von Bewunderern erhalten hat, Anm.d.Red.] gegenüber anständig verhalten soll, vor meiner eigenen Haustür kehren soll, dass der „Meister“ liebenswürdig zu seinem Umfeld war, während die Dissidenten laut Erzählungen derer Kinder dies oft nicht oder sogar gewalttätig waren und noch weitere schier unglaubliche Äußerungen.

„In Verhören drohten sie, dass sie mich umbringen und meine Überreste in einen Schrank stopfen würden. Sie schauten mir in den Hintern, um mich zu erniedrigen, führten mich in Handschellen herum und sogar auf die Toilette ging ein Polizist mit.“

Während meines Erwachsenenlebens habe ich nicht mehr so viel vom Kommunismus mitbekommen. Aber auch so reichte es, um von der Schule zu fliegen. Ich wurde auch auf der Arbeit rausgeworfen. Ich hatte Probleme, eine Anstellung zu bekommen und mir drohte eine Strafe für so genanntes „Schmarotzertum“. Auch Gefängnis drohte mir, Geldstrafe und „Pragverbot“. In Verhören drohten sie, dass sie mich umbringen und meine Überreste in einen Schrank stopfen würden. Sie schauten mir in den Hintern, um mich zu erniedrigen, führten mich in Handschellen herum und sogar auf die Toilette ging ein Polizist mit. Sie wühlten in Schränken herum bei uns zu Hause und bei Freunden. Wenn sie mich irgendwohin brachten, fuhren im Auto immer vier oder fünf Polizisten mit. Sie ließen alle meine Lieben in Unsicherheit, niemand wusste dann für ein paar Tage, wo ich bin. Sie nahmen meine Fingerabdrücke, wie irgendeinem Verbrecher, fotografierten mich von vorne, von rechts und links.

Und jetzt wollen wohl alle, dass ich wie eine starke Monika über den Dingen stehe und sage: „Ist doch nix passiert, der göttliche Karel hat mir mit seinem Gesang bessere Laune gemacht!“. So etwas wird niemand aus mir herausbringen. Ich weiß nicht, ob aus den Leuten, die viele Jahre lang eingesperrt waren, denen die Normalisierung ihr Leben zerstört hat, die auswandern mussten und nicht mehr zurückkehrten. So wie ich sie aber kenne, werden auch sie so etwas nicht sagen, es seid denn das Ausmaß des Stockholm-Syndroms ist bei ihnen größer als üblich.

Viele Opfer, an die sich heute niemand mehr erinnert

Auch wenn ich die Anfänge der Charta 77 nicht selbst direkt mitbekommen habe, weiß ich dank Zeitzeugenberichten und Gesprächen mit Freunden gut, was abgelaufen ist. Der Professor [der Philosophie] Jan Patočka starb nach einem Verhör. [Die Übersetzerin] Zina Freundová wurde überfallen und kahlgeschoren. [Den Dichter, Musiker und Künstler] Pavel Zajíček haben sie an einen Heizkörper gefesselt, um ihn besser schlagen zu können. [Dem Liedermacher und Schriftsteller] Vlasta Třešňák haben sie mit Streichhölzern die Hände verbrannt, mit denen er Gitarre spielte.

Viele kamen ins Gefängnis. [Die Schriftstellerin und Sprecherin der Charta 77] Zdena Tominová überfielen sie im Hausflur, als sie abends nach Hause kam. [Dem Saxophonisten der Band Plastic People of the Universe] Vráťa Brabenec drohten sie, dass sie seine kleine Tochter umbringen würden. Marta Kubišová, die beste Sängerin, die wir je hatten, musste Tüten kleben. Vlasta Chramostová, eine der besten Schauspielerinnen, klebte Lampen, gemeinsam mit Stanislav Milota, einem der besten Kameramänner.

Der Marxist Petr Uhl saß insgesamt neun Jahre im Gefängnis. Seine Frau Anna Šabatová, ihr Bruder Jan und deren Vater Jaroslav Šabata waren ebenfalls eingesperrt. Jarmila Bělíková saß im Gefängnis anstatt ihre Arbeit als Psychologin zu machen. Nach ihrer Entlassung verdiente sie ihr Geld als Putzfrau. Auch Dana Němcová, ebenfalls Psychologin, und der Priester Václav Malý waren in Haft. [Die Malerin und damalige Ehefrau des lange inhaftierten Protagonisten des tschechischen Undergrounds Ivan Martin Jirous] Juliána Jirousová zog in einem Landhaus, wo es nicht mal fließendes Wasser gab, zwei kleine Töchter groß, unter Angriffen von StB-Agenten, die nachts unter die Kinderbettchen krochen und Spielzeug konfiszierten. Besuch bekam sie dort von Václav Havel, bis auch er wieder für mehrere Jahre ins Gefängnis gesperrt wurde. Dort lernte Havel den aufmüpfigen Jesuiten František Lízna kennen, der für seine Meinungen ebenfalls mehrmals in Haft war.

Unter jeden Umständen konnte man seinen Idealen treu sein

Während der Achtzigerjahre verbrachten Václav Havel, Ivan Martin Jirous, Petr Uhl und weitere Dissidenten wie Jiří Wolf und Václav Benda viele Jahre hinter Gittern. Der Katholik Pavel Záleský wurde so zugerichtet, dass er eine Nahtoderfahrung machte. Viele junge Menschen, an die sich heute niemand mehr erinnert, wurden bei Verhören, bei Demonstrationen und im Gefängnis zusammengeschlagen.

Die damals 19-jährige Regimegegnerin Jana Miklušáková-Netopilová wurde entführt, und auf einem Feld hinter Prag drohte man, sie zu erschießen. [Den späteren Abgeordneten und Anwalt] Stanislav Devátý zogen sie nackt aus und ließen dann Hunde auf ihn los. Fast hätten sie es geschafft, ihn umzubringen, wenn er nicht nach Polen geflüchtet wäre. [Der Menschenrechtler] Pavel Wonka hatte dieses Glück nicht [und starb im April 1988 im Gefängnis nach einem Hungerstreik]. Und dazu verschwand die Elite des tschechischen Volkes ins Ausland, in der Vergessenheit, wurde bereits in den Fünfzigerjahren ermordet und zu Tode gefoltert, oder schon während des Krieges.

„Nein, mich hat Karel Gott nicht erzogen, und ich bin froh darum. Genauso wie auf mich die Meinungen von Andrej Babiš, Miloš Zeman oder von Kirchenvertretern, die bei der Trauermesse im Veitsdom ein absurdes Theater veranstalteten, keinen Einfluss haben.“

Die gegenwärtigen Ovationen für den Normalisierungs-„Meister“, der vor allem ein Meister darin war, sich durch alle Regimes ohne Verluste durchzuaalen, hat nun ein anderer Meister der Verstellung, Verkleidung und Skrupellosigkeit für sich genutzt: Premierminister Andrej Babiš hatte gehofft, dass die Zahl derer, die zum Kondolieren auf die Sophieninsel kommen, die Zahl der über [280.000 regierungskritischen] Demonstranten auf der Letná-Ebene [am 23. Juni 2019] übertreffen würde und machte die „qualifizierte Schätzung“ von mindestens 300.000 Besuchern. Tja, das war nix. Es waren fünf- bis zehnmal weniger, aber wer würde da schon nachrechnen wollen... Hunderttausende her, Hundertausende hin.

Aber auch so versorgten uns die Medien mit unglaublichen Äußerungen, denen man besser aus dem Weg gehen würde. Zum Beispiel „Eine Frau aus Třebíč hatte Tränen in den Augen. Sie sagte, Karel Gott habe sie erzogen“. Oder die Erklärung einer Augenzeugin „Im Sarg konnte man zwar nichts sehen, aber auch so hat es sich gelohnt“.

Nein, mich hat Karel Gott nicht erzogen, und ich bin froh darum. Genauso wie auf mich die Meinungen von Andrej Babiš, Miloš Zeman oder von Kirchenvertretern, die bei der Trauermesse im Veitsdom ein absurdes Theater veranstalteten, keinen Einfluss haben.

Früher haben wir auch gelebt und frei gedacht, ungeachtet dessen, was um uns herum tobte. Wir haben Samizdat-Veröffentlichungen gelesen, haben das Originale Videojournal [Originální videojournal: Im geheimen gedrehte Berichterstattungen aus dem Dissent, Anm.d.Red.] bewundert, sogar die Kirche hatte ihre Untergrundsektion. Zu jeder Zeit und unter jeden Umständen konnte man sich frei fühlen und seinen Idealen treu sein.

Unsere Pflicht, die Erinnerung wachzuhalten

Früher haben Menschen ihr Leben für die Freiheit unseres Landes gegeben. Heute wird darüber nicht mehr so viel gesprochen und vieler dieser unsichtbaren Helden kennen wir nicht einmal mehr. Dabei ist es unsere Pflicht als diejenigen, die all das erlebt haben, die Erinnerung daran wachzuhalten und Zeugnis darüber abzulegen. Damit die Helden nicht vergessen werden, damit die schlimme Zeit sich nicht wiederholen muss.

Statt dessen bringen die Medien ständig neue Nachrichten vom dem Leben und Sterben einer Ikone der Popkultur, die für dieses Land nichts getan hat, was der Rede wert wäre. Ich kenne niemanden, der im Gefängnis „Kávu si osladím o trochu víc“ [Etwa: „Meinen Kaffee trinke ich ein bißchen süßer“, ein Hit von Karel Gott aus dem Jahr 1972] gesungen hätte. Ich kenne aber mehrere Leute, die dort Lieder von Svatopluk Karásek [Liedermacher und Pfarrer] gesungen haben, wie zum Beispiel „Řekni ďáblovi ne!“ („Sag Nein zum Teufel!“), und schwören, das hätte ihnen geholfen, die Haft zu überleben.

Wie mein Freund Martin Švarc treffend in einer Diskussion geschrieben hat: „Ich lese gerade ein Buch über Antonín Kalin, gebürtig aus Třebíč, der tausenden Kindern in Konzentrationslagern das Leben gerettet hat, ein Träger des Ehrentitels Gerechter unter den Völkern, lebenslanger Kommunist, der den ganzen Krieg über in Lagern inhaftiert war. Wenn man jemanden verehren will, der mit dem früheren Regime zusammengearbeitet hat, dann sollte es sicher dieser Herr sein. Aber ich fürchte, dass es für diese Klageweiber nicht einen solchen Reiz hätte, ihm Blumen auf das Grab zu legen.“



© Monika Le Fay
13. Oktober 2019
Übersetzung: Patrick Hamouz


Monika Le Fay stellt sich auf ihrem Blog, auf dem dieser Text zuerst erschien, selbst vor als „Mutter mehrerer Kinder, zwei habe ich geboren, zwei aufgenommen. Regisseurin mehrerer Dutzend Filme. Drehbuchautorin und Schriftstellerin“. Die 1968 geborene Filmemacherin und Journalistin drehte in der Vergangenheit unter anderem Dokumentationen für das Tschechische Fernsehen, schrieb Bücher für Kinder und Erwachsene und Artikel für verschiedene Tages- und Wochenzeitungen. 2018 erschien ihr autobiographisch gefärbtes Buch Vysoká škola pozitivního myšlení (Etwa: Hochschule des positiven Denkens) im Selbstverlag.

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