Job

Für ein freundlicheres Krankenhaus

© Design+Help

Wie das Projekt Design+Help ein Prager Krankenhaus verschönert

© David Maštálka, Design+Help
© David Maštálka, Design+Help

Lenka Křemenová ist Architektin. Ihr Beruf ist für sie kein Nine-To-Five-Job, den sie nach dem Feierabend abhakt. Architektur stellt für sie eine Art zu denken dar und ist deshalb in ihrem Leben immer präsent. Das war auch im Jahr 2008 so, obwohl sie damals längere Zeit Patientin der hämatologischen Abteilung des Krankenhauses in Prag-Vinohrady war. Zu der Zeit gab es auf der Abteilung nicht mal ein Zimmer für Besucher und die Möbel in den Zimmern und Fluren hatten auch schon bessere Zeiten gesehen. Lenka begann darüber nachzudenken, wie man die Krankenhausräume freundlicher gestalten könnte – so entstand das Projekt Design+Help.

Die Schwestern auf der Abteilung waren offen für Lenkas Überlegungen und hatten auch eigene Ideen, welche Veränderungen den Räumen gut tun und ihre Arbeit erleichtern würden. Der nächste Schritt bestand darin, das nötige Geld aufzutreiben. Jetzt war Kreativität gefragt: Lenka hatte die Idee, aus dem (ungefährlichen) Krankenhaus-Abfall Schmuck herzustellen. Das Gratis-Material wurde von den Schwestern gesammelt. Zunächst betrachtete das Krankenhaus-Personal die Sache jedoch ein bisschen skeptisch, Lenka spannte aber Familie und Freunde in das Projekt ein – vor allem die Kollegen aus dem Architekturstudio A1Architects. Gemeinsam stellten sie den Schmuck her, der – für viele überraschend – wirklich schick aussah. Es waren originelle Stücke, die optisch stets etwas mit dem Krankenhausmilieu zu tun hatten. Im Mai 2008 war Lenka geheilt und konnte das Krankenhaus verlassen.

© David Maštálka, Design+Help
© David Maštálka, Design+Help

Genau zu dieser Zeit konnte man seine Projekte für den Designblok anmelden, das größte tschechische Design-Festival. Lenka hat sich dort einen Stand gemietet, die Organisatoren kamen ihr entgegen und im Herbst verkaufte sie dort bereits ihren Schmuck, um das Geld für die geplante Renovierung des Flurs in der Hämatologie-Abteilung des Krankenhauses Vinohrady zusammenzubekommen. Insgesamt nahm sie dadurch 56.000 Kronen (ca. 2200 Euro) für Stiftungsfonds der Krankenhausabteilung ein.

Damals war die Sache aber noch nicht wirklich professionell organisiert. Das änderte sich, als Petra Kasová in das Projekt einstieg. Sie hatte bereits Erfahrung mit Arbeit in einer gemeinnützigen Organisation. Gemeinsam mit Lenka und den A1Architects gründeten sie den Verein Design+Help, für ein freundlicheres Krankenhaus. Petra war auf der gleichen Abteilung zur selben Zeit Patientin wie Lenka, aber damals kannten sie sich nur vom Sehen. Zufällig (obwohl beide behaupten, dass keine Zufälle existieren) besuchte Petra Anfang des Jahres 2009 eine Ausstellung des Ateliers A1, in deren Rahmen Lenka auch ihren Recycling-Schmuck präsentierte – das Projekt gefiel ihr auf Anhieb und sie machte mit.

© David Maštálka, Design+Help
Renovierter, verschönerter Krankenhausflur, © David Maštálka, Design+Help

Der erste Erfolg des Vereins war die Renovierung des Flurs und der Teeküche der hämatologischen Abteilung. Der Flur übernahm zusätzlich die Funktion des bisher fehlenden Besucherraums: Durch eine Erweiterung der Fensterbänke sind Tische entstanden, der gesamte kleine Raum wurde angenehm und funktional nach den Wünschen der Schwestern eingerichtet. Als größte Bestätigung für den Erfolg begreift Lenka, dass die Patienten jedes Mal, wenn sie in das Krankenhaus kommt, auch tatsächlich in dem Flur sitzen: „Der Raum wird endlich ganz einfach genutzt“, sagt sie lächelnd.

Junge Designer unterstützen

Am Projekt Design+Help haben sich im Laufe der Zeit immer mehr Menschen beteiligt, denen das Konzept gefiel. Regelmäßig nimmt das Projekt am Festival Designblok teil; 2011 wurde es ausgezeichnet mit einem Sonderpreis für außergewöhnliches Engagement. „Noch mehr freut uns, wenn uns die Ausstellungsbesucher erkennen oder sogar schon mit unseren Ohrringen im Ohr zu uns kommen“, sagt Petra Kasová. Obwohl der Recycling-Schmuck ein Erkennungszeichen von Design+Help ist, wurde die Strategie 2012 geändert.

© David Maštálka, Design+Help
© David Maštálka, Design+Help

Die Projektmitarbeiterin Lucie Šmardová hatte nämlich die Idee, eine Auktion einzigartiger Design-Objekte zu veranstalten, die junge Designer für Design+Help entwerfen. Der Zweck des Vereins wurde somit um eine weitere Facette erweitert: „Neben der Hilfe durch Design möchten wir jungen Designern jetzt auch einen Raum für ihre Ideen bieten. Zum ersten Mal haben wir die neue Kollektion auf dem Designblok 2012 vorgestellt“, erläutert Lucie die neue zusätzliche Ausrichtung des Projekts. Die Mehrheit der Gegenstände verbindet das Thema Neurologie. „Unser Ziel für das nächste Jahr ist es nämlich, Geld für die Renovierung des Neurologie-Warteraums im Prager Krankenhaus Motol zu sammeln“, fügt sie hinzu. „Insgesamt sind wir davon überzeugt, dass die Umgebung auf maßgebliche Art und Weise das Empfinden des Patienten beeinflussen kann, und wenn die Umgebung freundlich und angenehm ist, fällt einem das lange Warten gleich viel leichter.“

Veronika Rollová
Übersetzung: Ivan Dramlitsch

Copyright: Goethe-Institut Prag
April 2013

    Überall auf der Welt leben Menschen für eine bessere Zukunft. Wir sammeln ihre Geschichten und zeigen, was heute schon möglich ist. jadumagazin.eu/zukunft

    Weitere Beiträge zum Thema

    Die Märchenmedizin
    Wenn Puppenspieler kranke Kinder in Kliniken besuchen, geschehen wunderbare Dinge. Kleine Patienten leben auf, vergessen für einen Moment ihre Angst und ihren Schmerz.

    Ein Gesundheitsclown weicht niemals aus
    Was geschieht, wenn Krankheit und das relativ bedrückende Umfeld von Krankenhäusern, Hospizen oder Altersheimen zum Thema von Clowns wird? Ein Interview mit Lukáš Houdek von der gemeinnützigen Organisation Zdravotní klaun (Gesundheitsclown).

    Interieurs für alle Bedürfnisse
    Die überwiegend junge Designszene vernachlässigt oft die älteren Zielgruppen. Das Konzept Equal design soll den Bedürfnissen aller Rechnung tragen, also auch denen der Senioren.

    Für ein freundlicheres Krankenhaus
    Ob Patient oder Besucher, im Krankenhaus ist kaum jemand gern. Freundlichere Räume können den Aufenthalt zumindest verschönern. Das Projekt Design+Help kümmert sich darum.  

    Themen auf jádu

    Heute ist Morgen
    Oder ist es umgekehrt?! Und war nicht auch gestern schon mal Morgen? In was für einer Welt wollen wir gerne leben? Und wie lange wollen wir warten, bis sie Wirklichkeit wird? Mehr...

    Im Auge des Betrachters
    … liegt die Schönheit. Da liegt aber auch die Hässlichkeit – und alles dazwischen. Als Betrachter sind wir jedoch nur selten allein. Und als Betrachtete sowieso nicht. Mehr...

    Höher, schneller, weiter
    Gewinnen. Besser werden. Den inneren Schweinehund überwinden. Verlieren. Aufgeben. Scheitern. Warum Sport? In einem gesunden Körper ein gesunder Geist? Klar, wollen wir alle. Ein paar Geschichten vom Sport. Mehr...

    Dazugehören
    Seit gesellschaftliche Akteure jeder Couleur ihre Forderung nach Integration einem Mantra gleich herunterbeten, gerät viel zu oft in Vergessenheit, dass Integration ein individueller Prozess ist, der auch von uns selbst etwas verlangt. Mehr...

    Themenarchiv
    Ältere jádu-Schwerpunkte findest du im Themenarchiv. Mehr...