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„Mein amerikanischer Traum!“

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Die grünen Wiesen Niedersachsens: für Kim derzeit in weiter Ferne. Foto: © privat

Ein Jahr in den USA: Für viele Schüler ist das ein Traum, bei manchen sogar fest eingeplant. Kim Stolte (16) aus Salzgitter dagegen hatte das ursprünglich gar nicht vor. Stattdessen hatte sie sogar schon eine Lehrstelle sicher. Die wird sie nun aber erst ein Jahr später antreten. Denn jetzt ist sie doch in den USA: Mit einem Stipendium in der Tasche.

„Hätte mir jemand vor einem Jahr gesagt, dass ich zum Schüleraustausch nach Amerika gehe, dann hätte ich das nie geglaubt“, berichtet die Schülerin. Im Schuljahr 2012/13 machte sie mittlere Reife, parallel dazu bewarb sie sich um eine Lehrstelle. Es hagelte Zusagen, und Kim entschied sich für das, was sie am meisten interessierte: Eine Ausbildung zur Chemielaborantin in der Nähe ihrer Heimatstadt.

Der heimliche Traum vom Amerikanischen Traum

So ganz ließ sie der Traum vom Auslandsaufenthalt dann aber doch nicht los. Irgendwo in ihrem Hinterkopf lockten immer noch die USA als Land der – angeblich - unbegrenzten Möglichkeiten. „Ich mag einfach die Idee von der gelebten Individualität“, so Kim, „und den amerikanischen Traum. Außerdem gefällt mir das Schulsystem. Da wird nicht von der Grundschule an nach Leistung separiert, so wie bei uns ins Deutschland.“

Also füllte sie am Ende doch den Bewerbungsbogen für das Parlamentarische Patenschaftsprogramm „Ein Jahr in die USA“ aus. „Das war einfach wichtig für mein eigenes Gewissen“, erzählt Kim. „Ich wollte mir hinterher nichts vorzuwerfen haben. Wenn es mit dem Stipendium nicht geklappt hätte, dann wäre der Fall für mich erledigt gewesen. Dann hätte ich mir wenigstens sagen können: Ich habe alles versucht, aber es sollte eben nicht sein.“

Persönlichkeit vor Noten

Als es dann bei der Bewerbung ernst wurde, rechnete Kim sich selbst keine besonderen Chancen aus: In ihrem Wahlkreis hatten sich ganze 50 Aspiranten beworben, und die meisten davon gingen aufs Gymnasium oder hatten schon das Abitur in der Tasche. Trotzdem zog sie die Sache durch und ging zu den Bewerbungsgesprächen, auch wenn sie zu Schulzeiten in Englisch nicht unbedingt immer eine Einser-Schülerin war.

Doch bei dem Verfahren ging es keineswegs darum, Shakespeare im Original zu rezitieren oder philosophische Diskussionen auf Englisch führen zu können. Vielmehr wurden den Bewerbern Situationen geschildert – bevorzugt konfliktbeladen – und anschließend sollten die Teilnehmer eine Lösung finden. Aus dieser Gruppe wurden dann einige Leute zum persönlichen Gespräch mit der zuständigen Bundestagsabgeordneten einladen. Kim war dabei – und sicherte sich am Ende auch das Stipendium.

Foto (Ausschnitt)  Paul Sableman (pasa), CC BY 2.0
Wilmington im Bundesstaat Delaware ist für ein Jahr Kims Zuhause. Foto (Ausschnitt) Paul Sableman (pasa), CC BY 2.0

„Ja, aber Kind, deine Ausbildung…!“

Nun war das Jahr in den USA zwar finanziell abgesichert, doch eigentlich passte es trotzdem nicht in Kims Lebensplanung. Auch ihre Eltern hatten Bedenken: Was sollte aus der Lehrstelle werden, die sie bereits sicher in der Tasche hatte? Kim schilderte ihrer Ausbildungsleiterin die Situation. Diese hatte sofort Verständnis – und auch gleich eine Lösung parat. Freihalten konnte man Kim die Lehrstelle zwar nicht, doch ihr wurde eine Alternative angeboten: Die gleiche Ausbildung, bloß um ein Jahr verschoben. Der einzige Haken an der Sache: Kim müsse in eine andere Stadt wechseln, nämlich nach Berlin. Kim nutzte die Gelegenheit, um der Bundeshauptstadt einen Besuch abzustatten, ein bisschen Atmosphäre zu schnuppern – und war spontan begeistert. „Auf Berlin freue ich mich jetzt fast schon so sehr wie auf die USA“, sagt sie. „Da hat es mir total gut gefallen.“

Freiwillig zurück auf die Schulbank

Doch noch liegt Berlin in weiter Ferne. Ende August ging Kims Flieger, damit sie rechtzeitig zum Beginn des neuen Schuljahres bei ihrer Gastfamilie in Wilmington (Delaware) sein konnte. Ihren Abschluss hat sie zwar bereits, hängt aber freiwillig noch ein weiteres Schuljahr dran: „Man kann nicht ins Ausland reisen, in der festen Absicht, dort die Leute und die Mentalität kennen zu lernen, und dann nur zu Hause hocken“, ist Kim überzeugt. „Die meisten Kontakte bekommt man, wenn man das Leben dort richtig mitlebt!“ – und wo könnte man das besser als in einer Schule?

Ein bisschen Touristenprogramm darf es aber trotzdem sein: Ein Besuch bei Verwandten sowie ein Stadtbummel in New York City steht bereits auf dem Terminplan. Die Details überlässt sie aber der Gastfamilie. Die hat sie übrigens via Skype bereits vor der Reise kennen gelernt und spontan Sympathien entwickelt. Übrigens konnte ihr Gastvater ihr gleich eine typische Sorge nehmen, die sich viele USA-Austauschüler teilen. Beim bisweilen arg Junk-Food-lastigen Essen legt manch einer binnen eines Jahres ordentlich an Gewicht zu. „Mein Gastvater hat mir aber versprochen, dass ich da keine Angst haben muss. Er ist nämlich Koch und sorgt dafür, dass auch viel frisches Gemüse auf den Tisch kommt“, erzählt Kim und lacht.

Hat sie bestimmte Vorstellungen, Pläne oder Erwartungen, was die USA angeht? Oder macht sie sich am Ende gar Sorgen über irgendwelche negativen Klischees? „Weder noch!“, so Kim. „Zu viele Gedanken möchte ich mir vorab gar nicht machen. Das wird mein ganz persönlicher amerikanischer Traum!“

„Leute, traut euch!“

Ein Anliegen hat Kim aber noch: „Ich finde es wichtig, nicht immer alles vom Leistungsgedanken abhängig zu machen. Ich selbst habe lange Zeit auch gedacht, dass man ohne Abitur oder Gymnasiallaufbahn weniger Chancen hätte. Aber wie ich nun erlebt habe, muss das nicht stimmen. Auch auf die Gefahr hin, dass ich nun selbst die Klischees auspacke: Es kommt immer darauf an, was man daraus macht.“ Mit diesem Wissen im Hinterkopf hätte Kim es vielleicht sogar darauf ankommen lassen, wenn sie sich zwischen Austausch oder Lehrstelle hätte entscheiden müssen. Denn: „Inzwischen weiß ich ja: Es stehen einen manchmal viel mehr Möglichkeiten offen, als man denkt. Also Leute: Traut euch ruhig mal etwas zu!“


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Oktober 2013

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