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Stress mit der Abiturlektüre

Foto (Ausschnitt): Juliana Dacoregio (heresialoira), CC BY 2.0

Tipps für’s Abiturlesetagebuch von einer leidenschaftlichen Leserin

Foto (Ausschnitt):  Juliana Dacoregio (heresialoira), CC BY 2.0
Foto (Ausschnitt): Juliana Dacoregio (heresialoira), CC BY 2.0

Langsam ist der Moment gekommen, an dem ich anfangen sollte, über meine Literaturliste fürs Abitur nachzudenken. Ich lese leidenschaftlich gerne und habe kein Problem, ein Buch von 350 Seiten in eineinhalb Tagen zu verschlingen. Etwas länger dauert es allerdings, wenn mir das Werk nicht gefällt. Aber es hilft ja nichts. Für’s Abitur muss man ein bisschen was von allem haben. Also tatsächlich einen aus Prosa, Poesie und Drama gekochten „Eintopf“ und das alles auch noch aus verschiedenen Epochen der Menschheit. Unsere Tschechischlehrerin ist zum Glück ziemlich liberal, daher dürfen wir uns die Titel selbst aussuchen. Umso schwieriger…

Am schwierigsten sind für mich tschechische und internationale Werke, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben wurden. Und ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin. Als ich darüber nachdachte, was ich lesen könnte, fiel mir Emily Brontë ein und ihre Sturmhöhe. Ich dachte naiv: „Da geht es um Liebe. Das ist bestimmt entspannt.“ Was für ein Irrtum. Nachdem ich das Buch schon angefangen hatte, wollte ich es auch zu Ende lesen. Aber ich musste mich gewaltsam dazu zwingen. Die unaufhörlichen Streitereien zwischen den Figuren ermüdeten mich. Catherine, die Heathcliff ihre Liebe gesteht, aber am Ende Edgar Linton heiratet. Das Drama in diesem Werk kam mir oft fast absurd vor. Es war, als würde ich mir eine Telenovela anschauen, die allerdings nicht in Venezuela spielt, sondern in einem englischen Dorf.

Foto (Ausschnitt):  Kamil Porembiński (paszczak000), CC BY-SA 2.0
Foto (Ausschnitt): Kamil Porembiński (paszczak000), CC BY-SA 2.0

Shakespeare ist immer noch „in“

Ganz überrascht bin ich dagegen vom guten alten Shakespeare und seinem vierhundert Jahre alten Drama Romeo und Julia. Meine Tschechischlehrerin sagte einmal: „Romeo und Julia liest man nicht, das schaut man sich im Theater an.“ Da ist bestimmt was dran. Trotzdem bin ich in die Buchhandlung gegangen und habe es mir gekauft. Ich bin davon ausgegangen, dass es eine tragische Geschichte ist, aber beim Lesen bin ich auch auf witzige Momente gestoßen. Super ist ein Gespräch zwischen Romeo und seinem Freund Benvolio, der im 21. Jahrhundert ungefähr so klingen würde.

Romeo: „Ich bin total verknallt in so ein Mädchen, aber sie kann mich nicht leiden.“
Benvolio: „Echt jetzt, und in wen?“
Romeo: „Ach, du solltest sie mal sehen. Da wirst du blind von, wie heiß die ist.“
Benvolio: „Na, du zumindest bist schon komplett blind.“

Ich würde sagen, bis auf den tragischen Tod der Hauptfiguren am Ende könnte eine ähnliche Geschichte durchaus auch in unserer Zeit passieren. Zum Beispiel direkt in der Nebenstraße.

Und damit komme ich zum 20. Jahrhundert. Kürzlich las ich den Arc de Triomphe von Remarque. Es leuchtete mir nicht ein, warum der Eiffelturm auf dem Umschlag ist und nicht dieser Arc de Triomphe. Ich weiß, dass er ein Symbol für Paris ist, wo die Handlung spielt. Aber das ist ja auch der Louvre oder der Obelisk auf der Place de la Concorde. Wie dem auch sei. Die Geschichte vom deutschen Chirurgen auf der Flucht, Ravic, hat mich unerwartet schnell in ihren Bann gezogen. Er war ein guter Mensch, der illegal als Chirurg gearbeitet hat. Trotz aller persönlicher Probleme versuchte er seinen Patienten zu helfen, auch außerhalb des Operationssaals. Von Zeit zu Zeit musste ich den Roman beiseite legen, weil es auch eine sehr traurige Geschichte ist. Zum Beispiel, als Ravic seine Geliebte Joan Madou verliert. Ein düsteres, aber gut geschriebenes Buch.

Vertraut nicht auf Vorurteile

Vor einiger Zeit wurde ich gezwungen, Vom Winde verweht zu lesen. Ich war voreingenommen und absolut überzeugt, dass mir dieses Werk von tausend Seiten nicht gefallen würde. Und wieder habe ich mich geirrt. Das Schicksal von Scarlett O’Hara, der Tochter eines reichen Plantagenbesitzers, fesselte mich total. Am Ende habe ich sogar geweint, als (ACHTUNG SPOILER!) die geliebte Tochter von Rhett und Scarlett starb. Schade, dass Margaret Mitchell, die Autorin dieser epischen Erzählung, so früh den Folgen eines Autounfalls erlag. Ich hatte noch nicht genug und las auch noch Scarlett von Alexandra Ripley. Das gefiel mir gut als Fortsetzung der Ereignisse am Ende von Vom Winde verweht.

Selbstverständlich habe ich mich auch vor der Poesie nicht gedrückt. Genauer gesagt vor den Werken Máj und Kytice. Leider sind Gedichte überhaupt nicht mein Ding, mal ganz davon abgesehen, dass ich ein happy-end-Fan bin. Durch die Lektüre dieser Werke hat sich meine Haltung, dass aus mir niemals eine Poesieliebhaberin werden wird, nur bestätigt.

Und dann fallen mir noch die Worte einer klugen französischen Fernsehsendung ein, die auf dem deutsch-französischen Sender Arte läuft: „Klassiker sind gefeierte Werke, die niemand liest.“ Ob das stimmt? Ich persönlich glaube es nicht. Es gilt zumindest nicht für die Abiturienten.

Werke der Romantik, die für den Aufschwung der tschechischen Literatur im 19. Jahrhundert wichtig waren und daher quasi Pflichtlektüre sind. Autoren K. H. Mácha (Máj) und K. J. Erben (Kytice)
Valentina Paneková
Übersetzung: Lena Dorn

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Juni 2014

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