Job

Ein Traum wird wahr in Addis Abeba

Foto: © privatFoto: © privat
Dana Siedemová auf einem Ausflug in den Westen Äthiopiens, Foto: © privat

Dana Siedemová (29) ist gerade von einem einjährigen Aufenthalt im äthiopischen Addis Abeba zurückgekehrt. Als zum damaligen Zeitpunkt einzige Tschechin absolvierte sie das UNO-Freiwilligenprogramm. Tschechien schickt jährlich nur sechs ausgewählte Kandidaten in dieses Programm. Mit uns sprach Dana über die außergewöhnlichen Lebenserfahrungen, die Besonderheiten der äthiopischen Kultur, das internationale Umfeld der UNO und über die Erfüllung ihrer Träume.

Was wusstest du vor deinem Studienaufenthalt über Äthiopien und die UNO? Hattest du vor dem Flug nach Afrika irgendwelche Bedenken?

Über Äthiopien war ich recht gut informiert, da unsere Hochschule (die Universiät für Landwirtschaft Tschechien) dort landwirtschaftliche Projekte betreut. Ich hatte so die Gelegenheit, eine Menge nützlicher Informationen direkt von Professoren oder Komilitonen zu erhalten, die vor Ort gearbeitet hatten. Abgesehen davon hatte ich in meinem Magisterjahrgang auch Mitstudenten aus Äthiopien. Ich wusste, dass die äthiopische Kultur einzigartig ist, was ihr Alter, ihre Bräuche und Sprachen betrifft. Was die UNO angeht war für mich alles Neuland. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich noch nie mit der UNO gearbeitet und hatte auch keinen Auslandsaufenthalt absolviert. Alle meine Kenntnisse waren rein theorethisch. Ich musste mich zum Beispiel erst an die Art der Kommunikation innerhalb der Organisation und all die Sicherheitsvorschriften gewöhnen. Das war natürlich Teil der Arbeit im Land selbst. Obwohl die UNO eine internationale Organisation ist, sind die meisten Angestellten Einheimische. Das heißt, dass man sich anpassen muss.

Foto: © privat
Die UNO-Angestellten fahren regelmäßig auf Dienstreisen durch ganz Äthiopien. Im Freiwilligenprogramm, das Dana absolvierte, gehören solche Reisen allerdings nicht zum Arbeitsumfang. Foto: © Petra Vytečka Šedinová

Addis Abeba ist nicht der angenehmste Ort zum Leben. Die Verkehrsabgase nehmen den Einwohnern die Luft zum Atmen, die allgegenwärtige Armut, die Lebensmittelknappheit, die hohe Lage von 2500 Meter über dem Meeresspiegel, die manchen gesundheitliche Probleme bereiten kann. Das Fehlen von Parks und Grünflächen oder das beschränkte kulturelle Angebot. Hast du während des Aufenthalts mal Deine Wahl bereut?

Afrika war mein Wunschziel. Deswegen ist die Wahl für den Aufenthaltsort auf Addis Abeba gefallen, da es meinen Vorstellungen und Interessen entsprochen hat. Dabei war auch die Organisation UNEP mit ihrer Ausrichtung auf Ökologie und nachhaltige Entwicklung wichtig. Auf der Liste standen außerdem zum Beispiel Kambodscha, Vietnam oder der Kosovo. Ich habe meine Entscheidung nicht bereut, auch wenn der Aufenthalt in Addis Abeba nicht immer ganz einfach war.

Was genau meinst du damit?

Die Afrikansiche Union hat ihren Sitz in Addis Abeba. Die Zahl der diplomatischen Missionen ist groß und es gibt dort über 2000 UNO-Mitarbeiter der. Deswegen sind die Mieten sehr hoch und es ist nicht leicht, eine passende Wohnung zu finden. Während meines Jahres dort musste ich fünfmal umziehen. Direkt nach der Ankunft in Addis habe ich sogar einen Monat im Hotel gewohnt. Ich hatte auch oft Probleme mit der Wasserversorgung, da Addis eine einzige große Baustelle ist. So kommt es sehr oft sogar für mehrer Tage zur Unterbrechung der Wasserzufuhr ohne eine Notversorgung.

Das klingt nicht gerade wie ein gemütliches Jahr...

Wenn man nach einem langen Arbeitstag nachhause kommt, das Wasser nicht fließt und das Licht nicht geht, kann man schonmal den Mut verlieren. Bei all den Baustellen in ganz Addis Abeba war auch fast die ganze Straße vor unserem Haus aufgerissen und man kaum durch. Außerdem wird es in der dortigen Höhenlage nach Einbruch der Dunkelheit schnell kalt. Denn auch wenn die Temperatur am Tag meistens die 25 Grad erreicht, fällt sie zum Abend hin bis auf acht bis zwölf Grad. Die Regenzeit beginnt Ende Juni und dauert bis September. Dann regnet es tagsüber im Grunde ununterbrochen, der Himmel ist grau und es ist kühl und vor Allem feucht. Für gewöhnlich verlassen in dieser Jahreszeit die meisten Ausländer Äthiopien zumindest für eine Weile, um irgendwo in der Sonne ihre „Baterien aufzuladen“.

Foto: © privat
Vor dem UNO-Gebäude in Addis Abeba, Foto: © Petra Vytečka Šedinová

Was waren deine beruflichen Aufgaben?

Ich habe mich überwiegend der Planung und Organisation der ökologischen Aktivitäten und Kampagnen gewidmet. Auch die Kommunikation und Zusammenarbeit mit dem Umweltministerium, mit Bürgerinitiativen, aber auch mit Privatpersonen lagen in meinem Aufgabengebiet. Das Büro der UNEP in Addis ist sehr klein, insgesamt arbeiteten dort sechs Leute. Ich teilte mir den Raum mit einem Kollegen aus Italien, einer Kollegin aus Südkorea und zwei äthiopischen Kollegen. Unsere Chefin hat das Büro in Addis hauptsächlich von Nairobi aus geleitet, also haben wir uns nur selten gesehen. Leider gab es keine dienstlichen Reisen in andere Regionen Äthiopiens.

Ich habe aber privat zum Beispiel die Stadt Lalibela mit ihren aus dem Fels gehauenen Kirchen aus dem 13. Jahrhundert und Gondar mit all seinen Schlössern besucht (beide Sehenswürdigkeiten sind UNESCO-Welterbe). Auch Bahir Dar mit Tana, dem größten See Äthiopiens, die Wasserfälle am blauen Nil, die Stadt Gambela an der südsudanesischen Grenze und die abgelgenen, ländlichen Gebiete, die für ihren Kaffeeanbau bekannt sind, habe ich gesehen.

Wie sinnvoll sind solche studienbezogenen Auslandsaufenthalte für junge Leute?

Ich bin wirklich überzeugt davon, dass diese Aufenthalte für junge Leute sehr wichtig sind. Nicht nur, weil es sich oft um kulturell, ökonomisch und klimatisch recht unterschiedliche Aufenthaltsorte handelt. Ein Freiwilliger der UNO muss sich in allen möglichen Situationen zurechtfinden und lernen, die Probleme auf eine andere Art als in der Heimat zu lösen. In beruflicher Hinsicht habe ich während des Aufenthalts neue Erfahrungen gesammelt, die mir hoffentlich in Zukunft nützen werden. Ich habe wirklich viel Neues gelernt, was zum Beispiel die Kommunikation, Planung oder die Arbeitsweise betrifft. Dank des internationalen Umfelds habe ich viele interessante Leute aus unterschiedlichen Branchen getroffen.

Foto: © privat
Kaffeebohnen vor der Röstung auf einer Kaffeefarm in West-Oromie, Foto: © privat

Was passiert nach Beendigung des Programms? Gibt es irgendeine Möglichkeit weiter mit der UNO zusammzuarbeiten?

Dieses Programm ist strikt auf ein Jahr begrenzt. Nach dem Studienaufenthalt kommt es darauf an, wo genau der Freiwillige gearbeitet und wie er sich bewährt hat. Die automatische Übernahme kommt eher selten vor. Als Tschechin finde ich es schade, dass unsere Regierung keine Programme zur Weiterführung der Freiwilligenarbeit in der UNO abietet. Eine norwegische Kollegin bekam zum Beispiel die Gelegenheit, in Addis als JPO (Junior Professional Officer) weiterzuarbeiten. Diese Stelle wird nämlich von der norwegischen Regierung finanziert. Die tschechische Republik bietet das JPO-Programm nicht an. Zudem denke ich einfach, dass ein Jahr nicht ausreicht, um Kontakte zu knüpfen, um sich in Äthiopien zurechzufinden und zu verstehen, wie das Land funktioniert.

Was war für dich das schönste Erlebnis in Äthiopien, und welches das schlimmste?

Dafür, dass Addis geschätzte drei bis fünf Millionen Einwohner hat, ist es im Großen und Ganzen sicher. Nie bin ich im Stadtverkehr bestohlen oder überfallen worden. Manchmal war es schwer, wenn in der Arbeit die Organisation durch defekte Telefon-und Internetverbindung behindert wurde, wenn daheim das Wasser nicht floss oder die Elektrizität nicht funktionierte. Aber zum Glück ist mir während meines Aufenthalts nichts Dramatisches widerfahren.

Wunderbar war das Reisen durch Äthiopien, denn es ist wirklich schön dort. Es gibt eine weitläufige Landschaft mit wogendem Getreide verschiedener Farben und den Tukulen. Diese Hütten der Einwohner sind aus Gras und Kuhmist gebaut und man sieht sie überall. Ein besonders unvergessliches Erlebnis war für mich die Reise nach Gambela, das an der Grenze zum Südsudan liegt, oder der Besuch der Kaffee-Farm in Oromia, wo auf traditionelle Art der Arabica-Kaffee direkt im Wald zwischen den Bäumen angebaut wird.

United Nations Environment Programm (Umweltprogramm der Vereinten Nationen)
Das Gespräch führte Petra Vytečka Šedinová
Übersetzung: Hanna Sedláček

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Juni 2014

    Überall auf der Welt leben Menschen für eine bessere Zukunft. Wir sammeln ihre Geschichten und zeigen, was heute schon möglich ist. jadumagazin.eu/zukunft

    Freiwillige bei der UNO

    Der Studienaufenthalt der UNO, genauer das UNV Internship, ist altersbeschränkt und wird vom Außenministerium finanziert. Das Mindestalter liegt bei 23, das Höchstalter bei 27 Jahren. Vorausgesetzt wird mindestens der Bachelor-Abschluss. Seit Beginn der Zusammenarbeit der Tschechischen Republik mit dem Freiwilligen-Programm der UNO 1995 haben 281 tschechische Freiwillige teilgenommen. Jährlich sind 20 bis 25 tschechische Freiwillige in Entwicklungsländern und Kriesengebieten der Welt, vor Allem in Afrika, Asien und auf dem Balkan tätig.

    Weitere Beiträge zum Thema

    Der Wert von Essen und Wasser
    Kristýna Lungová hilft in Haiti, Brunnen zu bohren und betreut Schulkinder. Im ärmsten Land der westlichen Hemisphäre sei ihr der Wert von Essen und Wasser bewusst geworden, sagt sie.

    Ein Traum wird wahr in Addis Abeba
    Dana Siedemová (29) lebte ein Jahr im äthiopischen Addis Abeba. Als zum damaligen Zeitpunkt einzige Tschechin absolvierte sie das UNO-Freiwilligenprogramm. Mehr…

    „Ans Meer, immer wieder ans Meer!“
    Johanna wohnte während ihres Freiwilligendienstes ein Jahr lang abgeschieden in einem Leuchtturmwärterhaus im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Mehr…

    Ein neues stilles Zuhause
    Für ihren Freiwilligendienst in Guatemala verließ die 24-jährige Karolína zum ersten Mal Europa. Fast jeder wäre aufgeregt. Karolína erst recht, denn sie ist von Geburt an gehörlos. Mehr…

    Lebendige Erinnerung
    Verena aus München macht in Olomouc einen Freiwilligendienst. Im Rahmen des Projekts Lebendige Erinnerung betreut sie Opfer des Nationalsozialismus. Mehr…

    Im Dienst für ein besseres Europa
    Hinter jedem Freiwilligendienst steckt eine Geschichte. Sechs junge Menschen erzählen, was den sperrigen Begriff Europäischer Freiwilligendienst mit Leben füllt. Mehr…

    Bezahlen um zu helfen
    Barbara Deak (21) arbeitete nach dem Abi für drei Monate als Volunteer an einer Schule in Ghana. Im Interview erzählt sie, warum sie viel Geld bezahlt hat, um im Urlaub zu arbeiten. Mehr…

    Waisen aus Bwindi
    Afrika = Hunger, Elend und Armut? Lucie Příhodová, Soziologiestudentin aus Brno, konnte sich vor Ort ein Bild machen. Sie hat in Uganda Waisenkinder betreut. Mehr…

    Themen auf jádu

    Heute ist Morgen
    Oder ist es umgekehrt?! Und war nicht auch gestern schon mal Morgen? In was für einer Welt wollen wir gerne leben? Und wie lange wollen wir warten, bis sie Wirklichkeit wird? Mehr...

    Im Auge des Betrachters
    … liegt die Schönheit. Da liegt aber auch die Hässlichkeit – und alles dazwischen. Als Betrachter sind wir jedoch nur selten allein. Und als Betrachtete sowieso nicht. Mehr...

    Höher, schneller, weiter
    Gewinnen. Besser werden. Den inneren Schweinehund überwinden. Verlieren. Aufgeben. Scheitern. Warum Sport? In einem gesunden Körper ein gesunder Geist? Klar, wollen wir alle. Ein paar Geschichten vom Sport. Mehr...

    Dazugehören
    Seit gesellschaftliche Akteure jeder Couleur ihre Forderung nach Integration einem Mantra gleich herunterbeten, gerät viel zu oft in Vergessenheit, dass Integration ein individueller Prozess ist, der auch von uns selbst etwas verlangt. Mehr...

    Themenarchiv
    Ältere jádu-Schwerpunkte findest du im Themenarchiv. Mehr...