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Sommer, Stiefel und Schwizerdütsch

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Au-Pair Kristýna Talafantová im Kreise ihrer Berliner Gastfamilie, Foto: © privat

Kann bei einem kurzen Aufenthalt als Au-Pair in einer fremden Familie eine tiefe Verbundenheit entstehen? Oder erwartet beide Seiten nach dem Abschied eine allmählich abklingende Facebook-Freundschaft und das schrittweise Auslagern der Erinnerungsfotos auf externe Festplatten? Die drei Brünner Germanistikstudentinnen Jana Mašková, Michaela Holkupová und Kristýna Talafantová haben ein Jahr als Au-Pair verbracht. Ihre Geschichten zeigen, dass die Vorstellungen von einem Au-Pair-Jahr zwar nicht immer wahr werden. Dennoch können tiefe Freundschaften entstehen.

„Als ich einmal am Ende des ersten Semesters gelangweilt von irgendeiner misslungenen Party nachhause gekommen bin, habe ich erkannt, dass es mir hier einfach nicht mehr gefiel und ich eine Veränderung brauchte“, erinnert sich die heute 26-jährige Jana Mašková. Von einem Tag auf den anderen organisierte sie sich damals einen Arbeitsaufenthalt in der Schweiz. Kurz und schmerzlos verkündete sie ihrer Familie und dem Partner, dass sie bald für sechs Wochen auf einer Familienfarm in der Nähe von Bern wohnen würde. „Ich habe der Agentur ihre Gebühren bezahlt und auf die Abreise gewartet.“

Mit der Neugierde und Vorfreude auf neue Erlebnisse kommen am Anfang oft auch Bedenken. „ Je näher der Abreisetag kam, desto nervöser wurde ich natürlich,“ beschreibt Jana. „Ich hatte Angst, ob sie mich annehmen würden, und ich wollte mich nicht von meinem Freund trennen. Die letzte Nacht habe ich nur geheult“, gesteht sie. Selbst während der Reise beruhigte sie sich nicht. „ Die Agentur hat uns in Brünn mit dem Bus aufgesammelt und in Bern rausgeworfen. Na und was jetzt? Du stehst mit einem riesigen Rucksack in einem Land, dessen Sprache du theorethisch kannst, aber praktisch überhaupt nicht verstehst, und du weißt nicht, wohin du musst“, erinnert sich Jana sarkastisch an ihren ersten Zusammenstoß mit dem Schwizerdütsch. Eine Weile studierte sie ratlos Prospekte und Fahrpläne. Dann erfuhr sie, dass sie und paar andere Mädchen dasselbe Reiseziel hatten. Im Gang des Zuges traf sie sogar auf Míša, eine Kommilitonin von ihrer Fakultät. Diese würde bei einer Familie nur ein paar Kilometer von Jana entfernt arbeiten.

Der Zauber des ersten Eindrucks

Am Bahnhof erwartete Jana eine sympathische Frau mit Brille, Tochter und einem großen Auto. Auf dem Weg zur Farm unterhielt sie sich mit ihrer „neuen Mama“ Rosmarie über alles Mögliche – und so blieb es. Bis heute stehen sie in ständigem Kontakt, wenn auch „nur“ per Email.

Während ihres Aufenthalts auf der Farm langweilte sich Jana keinen Augenblick lang, denn es war eben ein Arbeitsaufenthalt mit mit Allem was dazu gehört. „Morgens vor dem Frühstück habe ich den Hasenstall ausgemistet, die Geschirrmaschine ausgeräumt, das Frühstück gemacht. Um sieben haben alle zusammen gefrühstückt. Danach bekam ich immer irgendeine Aufgabe, zum Beispiel bei den Kühen, im Garten, im Haus saubermachen oder kochen. Und in der Hauptsaison ging es schon früh aufs Kartoffelfeld. Nach dem Mittagessen abräumen, eine kurze Mittagspause und wieder zu den Kartoffeln.“ Trotz der vielen Arbeit hat Jana ihren Aufenthalt dank der großartigen Familie sehr genossen. Alle waren freundlich und höflich zu ihr, interessierten sich für ihr Leben und ihre Probleme. Der angenehmste Teil des Tages war gemeinsame Essen. „Milch, Joghurt, Brot, Marmelade, Käse, alles hausgemacht.“ Bei diesen Gelegenheiten schnappte Jana auch das Meiste des örtlichen Dialekts Bärndütsch auf. Auch wenn die Familienmitglieder mit ihr ausschließlich Hochdeutsch sprachen, unterhielten sie sich untereinander „auf ihre Art“. „Wenn ich beim Mittagessen wenigstens ein bißchen was mitkriegen wollte, musste ich die Ohren spitzen und so viel aufschnappen, wie ich konnte.“

In den fünf Jahren danach besuchte Jana die Familie noch ein paar Mal. Dank Rosmarie steht sie bis heute noch mit allen in Kontakt. Auch wenn der Gutshof häufiges Reisen nicht erlaubt, hofft Jana, dass die Familie sie wenigstens für eine kurze Zeit in Tschechien besucht. Der Aufenthalt bei den Stettlers hat ihr viel mehr gebracht, als sie es sich am Anfang vorgestellt hatte. „Als ich diesmal Angst vor Zuhause hatte, habe ich mich wie am ersten Tag aufs Bett gelegt und geweint. Und zwar viel heftiger, als beim ersten Mal“, fügt sie hinzu.

Jana ist nicht die einzige, die eine gewisse Zeit bei einer Familie im Ausland verbracht hat. Jeden Sommer fahren tausende junger Leute als Aushilfe zu ausländischen Familien. Die Meisten träumen davon, dass sich ihre Sprachkentnisse verbessern, von neuen Erfahrungen, vom Reisen und etwas zusätzlichem Geld. „Jedes Jahr reisen über 5000 Kunden mit uns aus. Traditionell besteht das größte Interesse an englischsprachigen Ländern. Eine immer größere Nachfrage gibt es aber auch nach nördlich gelegenen Ländern wie Norwegen oder Island,“ sagt Petra Nováková von der Gesellschaft Student Agency. Und wie die Statistiken zeigen, lässt der Trend zum Au-Pair-Aufenthalt keinesfalls nach. In den letzten Monaten verzeichnet die Firma im Vergleich zum Vorjahr eine erhöhte Anzahl von Interessenten. Am Ende macht aber nicht jeder so anegenehme Erfahrungen wie Jana.

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Jana und Míša betrachten ihre gemeinsame Freundschaft als einen der größten Gewinne der Zeit in der Schweiz. Foto: © privat

Eine Frage des Glücks

Und was, wenn man wirklich kein großes Glück hat und sich mit den „seinigen“ nicht so ganz versteht? Kann man irgendwie verhindern, dass das Zusammenleben mit der Familie nicht zur Hölle wird? „Es ist eine Frage des Glücks,“ meint Jana. „Ich hatte eine perfekte Familie, aber Míša zum Beispiel hat völlig andere Erfahrungen gemacht. Ihre war furchtbar,“ kommentiert sie das fast gegenteilige Erlebnis ihrer Kommilitonin, die sie ganz am Anfang im Zug getroffen hatte. Und Míša bestätigt ihre Aussage. Ihre Familie sei vom „italienischen Typ“ gewesen, Streitereien und Zwist waren an der Tagesordnung. Die Mutter, eine junge Ausländerin aus dem Osten, behandelte sie arrogant und von oben herab. „Am schlimmsten war, dass ich in ihren Augen alles falsch gemacht habe. Ich habe das Geschirr falsch in die Spülmaschine eingeräumt, ich habe den Müll falsch rausgebracht und die Wäsche falsch aufgehängt. Ich erinnere mich auch, wie ich mit ihr einen Schrank die Treppe heruntergetragen habe. Sie sollte mich navigieren, aber weil sie nicht viel Deutsch konnte, habe ich sie nicht verstanden und bin mit einer Ecke ein bißchen an der Wand entlanggeschleift. Und da gab es ein fruchtbares Geschrei.“ Zum Glück haben ihr die Wochenendausflüge mit Jana den Aufenthalt etwas erträglicher gemacht. „Mit Jana bin ich fast kreuz und quer durch die ganze Schweiz gereist. Ein Wochenende haben wir zusammen bei ihrer Familie verbracht. Da habe ich die wahre schweizerische Gastfreundschaft kennengelernt.“ Beide Mädchen betrachten ihre gemeinsame Freundschaft als einen der größten Gewinne der Zeit in der Schweiz.

Das Herumreisen während des Aufenthalts ist durchaus üblich. „Dank des Au-Pair-Programms und des Taschengelds, das die Studenten von ihren Gastfamilien bekommen, können sie entweder sparen oder das Geld in den nächsten Auslandsaufenthalt oder das Umherreisen im jeweiligen Land investieren“, ergänzt Petra Nováková von Student Agency die Erfahrungsberichte der beiden Studentinnen.

Es war schön, aber es hat gereicht

In einigen Fällen sind zwei Monate nicht genug, um sich anzunähern. Manche Menschen benötigen zum Aufbauen einer Beziehung mehr Zeit, sie lassen andere nicht so schnell an sich heran. Familien, die regelmäßig eine Aushilfe oder Au-Pair bei sich aufnehmen, gehen auch schon viel professioneller mit der Situation um. Die Erfahrungen von Kristyna sind dafür ein Beispiel.

Kristýna kam als bereits viertes Au-Pair-Mädchen zu einer gut situierten Familie in Berlin. Hier war die Anwesenheit eines Au-Pairs schon fast eine Selbstverständlichkeit. Das Verhältnis zur Familie war zwar unproblematisch, es existierten aber klar definierte Regeln und Grenzen. „Sie haben mit mir geplaudert, aber sie hielten wirklich Abstand. Keinen allzu großen, und vielleicht war das keine Absicht. Es war prima mit ihnen, aber Freunde sind wir nicht geworden,“ sagt Kristýna. Enttäuscht ist sie angeblich trotzdem nicht. „Ich denke, der Aufenthalt hat meine Erwartungen erfüllt. Die Kinder waren lieb, ich habe Erfahrungen im Umgang mit ihnen gesammelt, mein Deutsch verbessert, meine Schüchternheit abgelegt. Es war gut, aber ein Jahr lang würde ich das wahrscheinlich nicht machen wollen,“ gibt sie am Ende zu.

Dass Jana, Michaela und Kristýna während ihres Aufenthalts als Au-Pair keinen männlichen Kollegen getroffen haben, ist kein Zufall. Es gehen nämlich immer noch hauptsächlich Mädchen als Hilfen zu Familien mit Kindern. „95 Prozent des gesamten Au-Pair-Klientels sind Mädchen,“ bestätigt Petra Nováková. Jungen melden sich vor Allem als Leiter oder Helfer von Ferienlagern für Kinder, für Arbeitsaufenthalte auf Bauernhöfen oder für eine Stelle im Tourismusgeschäft.

Lucie Jandová
Übersetzung: Hanna Sedláček

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
September 2014

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