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Wecker auf sechs Uhr und lesen

Foto: © Karolína OpatřilováFoto: © Karolína Opatřilová
Petr Král in seinem Antiquariat im Herzen des jüdischen Viertels von Boskovice. Foto: © Karolína Opatřilová

Petr Král lebt in der Welt der Bücher. Er hat sich seinen Kindheitstraum erfüllt. Vor elf Jahren eröffnete er ein Antiquariat im Herzen des jüdischen Viertels von Boskovice. In den Regalen stehen stolze 8000 Bücher. Den Großteil von ihnen hat Král gelesen und über jedes einzelne Buch kann er etwas erzählen.

Wann sind Sie den Büchern verfallen?

Schon als ich fünf Jahre alt war, hat es mich gestört, dass meine Schwester lesen konnte und ich nicht. Ich blätterte durch Comics und wollte wissen, was dort geschrieben stand. Lesen lernte ich, als ich sechs war. Die Eltern machten mit uns Ausflüge nach Brno (Brünn), Prag und in andere Großstädte und ich ging dort in Antiquariate und kaufte mir von meinem bescheidenen Taschengeld Bücher. Das Lesen faszinierte mich. Seit ich sechs Jahre alt war, lese ich – bis heute.

Und was haben Sie als Sechsjähriger gelesen?

Ich habe mit Comics für Kinder angefangen, dann folgten Jules Verne und Karl May. Ich habe mir das Ziel gesetzt, täglich 50 bis 100 Seiten Jules Verne zu lesen. Mit sechs Jahren war das ziemlich schwierig. Aber ich habe durchgehalten. Das wird mir wohl keiner glauben, aber als ich älter wurde und um acht Uhr in der Schule sein musste, stellte ich meinen Wecker auf sechs Uhr, damit ich noch eine Stunde lesen konnte.

War es schwer ein Antiquariat zu eröffnen? Wie haben Sie das vorbereitet?

Als ich so um die 40 war, habe ich eines schönen Tages entschieden, dass es an der Zeit ist, meinen Kindheitstraum wahr werden zu lassen. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, wie ein Antiquariat funktioniert. Zwei oder drei Monate lang habe ich mir die nächstgelegenen Antiquariate in Brno, Prostějov und Olomouc (Olmütz) angesehen, dort ein bis zwei Stunden verbracht und mir angeschaut, was sie dort haben und wie es sortiert ist.

War es schwierig an die ersten Bücher heranzukommen?

Ich wollte meinen Laden am 1. Mai – dem Tag der Arbeit –eröffnen. Das habe ich meinen Freunden und Bekannten gesagt. Die haben dann zuhause Bücher aussortiert, die sie zweimal hatten, auch ich hatte viele Bücher doppelt. Ich habe aber auch Annoncen in der örtlichen Zeitung aufgegeben. Darauf haben sich einige Menschen aus der Umgebung gemeldet. Es gab zu Beginn also genug Material, ich habe mit rund 3000 Büchern angefangen. Jetzt habe ich immer so um die 7000 bis 8000.

Warum wollen Menschen ihre Bücher loswerden?

Die Hälfte der Bücher kommt aus Nachlässen. Die Erben stellen dann aber fest, dass sie zuhause manche Titel sogar schon dreimal haben. Die andere Hälfte wird wegen Umzügen in eine kleinere Wohnung bei mir abgegeben. Selten bringt jemand Bücher vorbei, weil er Geld braucht.

Was ist das Untypische an Ihrem Antiquariat?

Ich habe nicht nur Bücher zu bieten. Ich sammle schon mindestens 30 Jahre lang alte Postkarten, außerdem gibt es hier auch Briefmarken, Münzen, Geldscheine, Uhren, Tassen, Schallplatten mit Musik aber auch Erzählungen, Graphiken, Exlibris, Bilder und kleine Möbelstücke. Dagegen wehre ich mich nicht, warum sollte ich hier nicht auch ein altes Glas, eine Tasse oder etwas anderes Schönes haben? Das sind keine Antiquitäten, eher kleine Sammlerstücke. Viele Antiquariate sind spezialisiert auf eine bestimmte Art Bücher, wie zum Beispiel Lehrbücher. Ich habe alles.

Foto: © Karel Šuster
Während des Boskovice-Festivals 2014, Foto: © Karel Šuster

Sind Sie während der elf Jahre, die Sie ihren Laden nun betreiben, auf etwas gestoßen, das Sie überraschte, was Ihnen viel Wert war?

Es ist furchtbar, ich kaufe manchmal acht Kisten voller Bücher, sehe sie durch und nehme dann vier Kisten mit nach Hause, weil ich sie selbst behalten will. Das sind dann zum Beispiel Bücher über den Mährischen Karst vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Früher war ich Amateur-Höhlenforscher, für mich sind das also Lernmaterialien. Auch Dinge, die mit der Stadtgeschichte von Boskovice und Umgebung und zu tun haben und Bücher zur Geographie der Region, behalte ich. Vor ungefähr fünf Jahren gelang es mir, Archivalien und verschiedene Schriften mit Siegeln zu ergattern. Dort sind Signaturen von den damaligen Herren des Boskovicer Schlosses Dietrichstein und Mensdorff, Vermerke über das Verpachten von Feldern und dem Verkauf von allerlei Dingen. Man kann dort auch die Namen derer nachlesen, die im 18. Jahrhundert im jüdischen Viertel lebten, sogar auf Hebräisch geschriebene Einschübe. Darüber habe ich mich gefreut.

Was darf in einem echten Antiquariat nicht fehlen?

Um das zu erklären, bräuchte ich Stunden! In keinem Antiquariat dürfen meine zwei Lieblinge fehlen, das sind bei den tschechischen Autoren Bohumil Hrabal und Ladislav Klíma, aber auch Mňaček, Škvorecký und Vladimír Škutina. Der Letztere war zu Zeiten des Präsidenten Novotný in Haft, weil er gesagt hatte, der Präsident sei ein Idiot. Als Husák Präsident war, kam er wieder in den Knast. Während des Kommunismus haben meine Eltern mir diese Bücher empfohlen. Sie lasen Autoren, die Ende der 60er Jahre noch etwas schreiben durften. Danach endete der Großteil von ihnen entweder im Gefängnis, sie emigrierten oder bekamen Schreibverbot. Von den internationalen Autoren muss ich John Steinbeck erwähnen, oder Isaak Babel, dessen Bücher zwar hart sind, aber wunderschön. Und ganz bestimmt auch Mika Waltari. Selbst wenn ich seinen Sinuhe der Ägypter hundertmal hier hätte, ich würde alles innerhalb eines Jahres verkaufen. Ich lese jedes Buch, das ich hier habe, also kann ich den Kunden sagen, worüber darin geschrieben wird.

Wie hat sich der Lesergeschmack über die Jahre verändert?

Als ich anfing, wurden hauptsächlich Kriminalromane gelesen, aber das trifft nicht mehr zu. Fixpunkt bleibt aber Agatha Christie und dann sind da noch die historischen Krimis über China im 6. Jahrhundert und den Richter Ti, geschrieben von Robert van Gulik. Van Gulik war Holländer, der in den 1920er Jahren am Konsulat in China tätig war und alte Schriften gesammelt hat. Das, was er entziffern konnte, hat er aufgeschrieben. Richter Ti war eine reale Person und jedes der Bücher erzählt von einem seiner Fälle. Die Handlungen sind interessant und auch die Beschreibungen über die Arbeitsweise des Gerichtshofes, wie es auf dem Markt zuging, was die Menschen damals trugen und ihre Gewohnheiten. Ausgezeichnet!

Was hat sich während der Zeit noch verändert?

Viele interessieren sich jetzt für technische Literatur, sie fragen nach Büchern über Autos und Motorräder aus der Zeit der Ersten Republik oder der Kriege. Sie begannen Oldtimer zu sammeln, aber nicht nur Autos, sondern auch technisches Gerät. Ich habe sogar ein Buch über Pumpen aus den 20er Jahren verkauft. Auch das Sammeln von Radios boomt.

Ist die heutige Zeit Antiquariaten und Büchern überhaupt gut gesonnen?

Die Zeiten haben sich geändert, es steht schlecht um die Bücher, die Leute lesen viel online und nutzen eBook-Reader. Und nicht nur das. Interessiert sie der Inhalt des Buches, schauen sie oft einfach die DVD mit der Verfilmung. Aber der Film ist ein anderes Medium, noch dazu schafft es der Regisseur nur selten das einzufangen, was der Schriftsteller beschreiben wollte. Ein Film hat auch eine zeitliche Begrenzung, ein Buch hingegen liest man über drei, fünf, zehn Tage. Hält man ein Buch in der Hand, hat das seinen Zauber. Allein der Einband und dass man es überall hin mitnehmen kann, es braucht keinen Akku oder Strom, ein Buch braucht nur ein wenig Licht. Aber wer nicht lesen will, sollte auch nicht dazu gezwungen werden. Ich habe meine Eltern lesen gesehen und solche Vorbilder prägen, es liegt also an der Familie.

Das Interview führte Karolína Opatřilová
Übersetzung: Ria Ter-Akopow

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Mai 2015

    Petr Král

    Petr Král ist 21. 1. 1962 in Boskovice geboren. Er ist studierter Gießereitechniker und wechselte oft seinen Beruf. Er war zuerst Gemüselieferant, dann Erzieher, danach Operator für automatische Systeme. Während des Wehrdienstes wurde er wegen seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem kommunistischen Regime zu helfenden Arbeitseinheiten beordert. Anschließend war er Arbeiter in einem Galvanisierungsbetrieb, dann Energetiker und Wirtschafter in einem Lebensmittelladen. Nach der Samtenen Revolution fuhr er LKW und gründete gemeinsam mit einem Freund einen Basar, der sich auf die Restaurierung von Möbeln spezialisierte. Seit 2003 führt er in Boskovice sein eigenes Antiquariat.

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