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Nicht nur Tränen, Angst und Trauer

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Ondřej Nezbeda ist eigentlich Journalist. Er nahm sich eine einjährige Auszeit, während der er für Cesta domů arbeitet, eine Organisation, die sterbenden Menschen und ihren Freunden und Angehörigen professionelle Hilfe leistet. Foto: © Nakladatelství Host

Ondřej Nezbeda nahm sich ein Jahr Pause von seinem Beruf als Journalist. Dank eines Stipendiums der Vodafone-Stiftung Rok jinak (etwa: Ein Jahr anders) arbeitet er für die Organisation Cesta domů (Der Weg nach Hause). Diese setzt sich dafür ein, dass unheilbar Kranke, Sterbende und deren Familien eine bessere Pflege und Betreuung erhalten. Verändert die Erfahrung das Leben von Ondřej Nezbeda? Wie geht er damit um, tagtäglich mit dem Thema Tod und Sterben konfrontiert zu sein?

Ursprünglich haben Sie als Journalist für verschiedene Zeitschriften gearbeitet. Jetzt arbeiten Sie für die NGO Cesta domů, die sterbenden Menschen und ihren Freunden und Angehörigen professionelle Hilfe leistet. Was hat sie dazu motiviert?

Ich hatte einen Burn-out. Ich hatte die Nase voll von Abgabefristen, Schreiben im Stress, davon, dass ich einen Artikel abgeben musste in einem Zustand, mit dem ich nicht zufrieden war. Und mir schien, dass ich begann, mich in einer virtuellen Blase zu befinden, dass ich mit meinen Freunden nicht mehr über gewöhnliche Dinge sprechen kann. Bei Spaziergängen mit meinen Kindern habe ich nervös auf mein Handy geschielt und mich mit überflüssigen Diskussionen auf Facebook gequält. Dazu kamen Meinungsverschiedenheiten mit Vorgesetzten, wie man die Literaturrezensionen, für die ich beim Respekt zuständig war, ändern sollte.

Erst hatte ich geplant aufs Land zu ziehen, ich habe eine Stelle als Lehrer in meiner Heimat bei Semily in Nordostböhmen gesucht. Aber es gab nirgends eine freie Stelle. In letzter Sekunde rettete mich dann Marek Uhlíř, der Leiter von Cesta domů. Er bot mir an, für deren Internetseite zu schreiben, Geschichten ihrer Klienten zu verarbeiten – darüber, wie chronisch Kranke und Sterbende mit ihrer Situation umgehen, wo sie Hilfe finden können. Das hat mich gepackt. Ich wollte ausprobieren, was das mit mir macht und außerdem meinen Frieden machen mit dem Minderwertigkeitskomplex, den ich seit dem Tod meiner Omas mit mir herumschleppe.

Möchten Sie mehr darüber erzählen?

Meine Oma Verona aus der Slowakei starb in Mělník in einer Einrichtung für chronisch Kranke. Wir haben sie zwar jeden Tag besucht, aber die Pflege dort war erschütternd. Bei meiner Oma Zdeňka, die das ganze Leben mit uns gewohnt hatte und die mir näher war als irgendjemand sonst, wollte ich deshalb nichts falsch machen. Aber nicht einmal in ihrem Fall habe ich das geschafft.

Sie litt unter Kurzatmigkeit, hatte eine chronische Lungenobstruktion, aber am schlimmsten waren ihre Schmerzen, verursacht durch das Zuwachsen des Rückenmarksgewebes – Knochenvorsprünge drückten auf ihr Rückenmark und das bereitete ihr Schmerzen, die nicht auszuhalten waren. Ich Idiot habe sie deshalb in mehrere Schmerzambulanzen gebracht und dort machtlos zugeschaut, wie die Ärzte ihr ein Arsenal an Schmerzmitteln verabreichten, von denen ihr übel wurde. Heute würde ich erkennen, dass sie dabei war zu sterben und dass das Einzige, was ihr in dieser Situation hätte helfen können, eine palliative Therapie war. Wir haben sie zu Hause gepflegt, aber als die Atemnot am Ende sehr schlimm wurde, haben wir sie ins Krankenhaus bringen lassen. Sie hasste es dort. Ich habe wenige Stunden vor ihrem Tod mit ihr telefoniert – in Prag war gerade Hochwasser, die Moldau überflutete den Stromovka-Park. Ich hatte noch versucht, vor dem Hochwasser von Letná nach Bubeneč zu kommen. Aber in dem Moment, als mir klar wurde, dass Oma stirbt, und ich es nicht schaffen werde, rechtzeitig zu ihr zu fahren – sie konnte kaum noch sprechen – brauste das Hochwasser gegen mich heran. Das Wasser überflutete den Park, und mich überflutete die Trauer. Ich habe mich auf den Boden gehockt und geweint. Als mein Bruder mich am nächsten Morgen anrief und mir sagte, dass Oma gestorben war, hat mich das nicht überrascht.

Was war für Sie an Ihrem neuen Arbeitsplatz die größte Überraschung? Gab es etwas, das am Anfang schwer war?

Überraschend war für mich, was für liebe und freundliche Menschen bei Cesta domů arbeiten. Nicht diese „Sonnenscheinchen“, die Gutes tun, sondern Profis, die über das Thema Sterben und alles, was damit zusammenhängt, natürlich und empathisch sprechen können. Außerdem, dass mit dieser Arbeit nicht nur Trauer verbunden ist, sondern auch viel Lachen und fröhliche Momente. Direkt schwierig war für mich bisher nichts. Da ist eher eine allgemeine Sache: Ich habe ältere Menschen verstanden, die ihre Arbeit verloren haben und wieder ganz von vorn beginnen müssen. Sie verlieren eine über Jahre hinweg aufgebaute Sicherheit, das Selbstvertrauen. Oft kam ich mir auch unbeholfen vor, ungeschickt. Das ist vor allem bei der unmittelbaren Pflege unangenehm, denn der Kranke sollte fühlen, dass er sich auf einen verlassen kann, dass man weiß, was man tut, und dass man dabei sicher und schnell ist.

Was ist das für eine Arbeit bei Cesta domů? Die Organisation befasst sich mit dem Alter, dem Sterben und dem Tod. Kann man da überhaupt einem bestimmten Gefühl der Hoffnungslosigkeit entgehen?

Das Nichtsterben reicht schon. Wir pflegen auch viele Menschen im mittleren Alter, junge Menschen, und in letzter Zeit kümmern wir uns auch um Kinder. Wir sind ein Heimhospiz, was bedeutet, dass wir sterbende Menschen in ihrem Zuhause pflegen, dort, wo sie sich gut und sicher fühlen. Wir leisten nicht nur rund um die Uhr professionelle medizinische Versorgung, sondern auch psychosoziale Dienste und Entlastung, etwa durch Mitarbeiter, die sich um die Hygiene kümmern, beim Einkaufen und Putzen helfen. Wir haben einen hervorragenden Kaplan, wir verleihen Hilfsgeräte und betreiben eine spezialisierte Bibliothek. Und wie ich schon gesagt habe, bedeutet Sterben nicht nur Tränen, Angst und Trauer. Die belastende Atmosphäre wird gerade durch Gefühle der Sorglosigkeit, durch Gelächter, schwarzen Humor und groteske Momente unterbrochen. Und die Sterbenden stärkt und beruhigt das. Und uns, die Pfleger, eigentlich auch.

Arbeiten für Cesta domů auch Freiwillige?

Ja, wir arbeiten regelmäßig zusammen mit etwa 30 Freiwilligen, die unsere Klienten vor allem in der Nacht und am Wochenende besuchen, zu den Zeiten, zu denen wir nicht in der Lage sind Entlastungsdienste zu leisten. Sie helfen uns Geräte zu transportieren, hauptsächlich Krankenbetten und Ähnliches. Das war für mich eine große Überraschung: wie viele Menschen in unserer als gleichgültig geltenden Gesellschaft bereit sind, bei dieser anstrengenden Pflege zu helfen. Gerade nehmen wir neue Freiwillige auf: Wenn also jemand der Leser Interesse hat, soll er oder sie sich melden.

Wie ist es um die Finanzierung der Palliativpflege in Tschechien bestellt?

Die Situation ist eher trist. Palliativmedizin ist nur an einer einzigen medizinischen Fakultät in Tschechien Teil des obligatorischen Lehrplans. Überall sonst ist sie nur ein Wahlfach. Und während die Heimhospizpflege überall im Westen und vor allem in Amerika eine allgemein verfügbare Dienstleistung ist, die auch eingegliedert ist in das Gesundheitssystem, deckt die Krankenversicherung diese Art der häuslichen Pflege bei uns in Tschechien nicht ab. Laut einer Umfrage würden sich 78 Prozent der Tschechen wünschen, zu Hause zu sterben, aber ungefähr der gleiche Anteil der Sterbenden verbringt seine letzten Stunden oder Tage in Krankenhäusern, Einrichtungen für chronisch Kranke oder Altenheimen. Dabei könnte das ganz anders aussehen. Wir sind nämlich davon überzeugt, dass häusliche Palliativpflege nicht teuer sein muss, dass sie im Gegenteil viel günstiger ist, genauso sicher und dabei viel komplexer als die Pflege im Krankenhaus. Gegenwärtig hat nicht jeder von uns die Kapazitäten zu Hause einen Sterbenden zu versorgen, aber die Situation bessert sich. Unser Team versucht mit den Klienten verschiedene Modelle für finanzielle Erleichterungen zu entwickeln. Die Bedingung ist aber, dass der Betreffende nicht allein ist, dass er auch einen Pfleger aus seiner Familie um sich hat – ohne die Unterstützung der Angehörigen können wir unsere Dienste nicht gewährleisten.

Foto: © Cesta domů
Mitarbeiter von Cesta domů „legen zusammen“ für ein neues Auto. (Teil einer Spendenkampagne) Ondřej Nezbeda, Foto: © Cesta domů

Wie ist Ihrer Meinung nach die Haltung der breiten Öffentlichkeit zum Thema Tod im Allgemeinen und zum Sterben in der vertrauten, häuslichen Umgebung im Besonderen? Ist das immer noch ein Tabu, oder glauben Sie, dass sich in dieser Hinsicht etwas tut?

Ich weiß nicht, ob das ein Tabu oder eher menschliche Gleichgültigkeit ist – in Prag zum Beispiel holt mehr als die Hälfte der Angehörigen die Urne mit der Asche eines Verstorbenen nicht ab. Wir haben den Tod aus unserem Leben verdrängt, wie Jiřina Šiklová das in einem ihrer Bücher ausgedrückt hat. Aber wenn wir das Thema der häuslichen Palliativpflege in den Medien anbieten, überrascht es mich immer wieder, wie riesig das Interesse daran ist – sowohl seitens der Medien als auch seitens der Leser. Es verändert sich also etwas, sehr langsam. Das schlägt sich auch nieder in der wachsenden Zahl der Menschen, die sich mit der Bitte um Hilfe an uns wenden.

Hat Sie diese Arbeit als Mensch verändert?

Ein bißchen wahrscheinlich schon. Ich bin zum Beispiel etwas sentimentaler geworden. Und ich habe größere Angst um meine Kinder und um meine Frau. Mir ist die eigene Sterblichkeit bewusst geworden, mein eigenes Bewusstsein spüre ich nun endlich viel deutlicher. Ich bemühe mich, mir die Arbeit besser einzuteilen. Wenn ich mit meiner Familie zusammen bin, will ich diese Zeit genießen und nicht ständig den Spagat zwischen der Arbeit und dem Privaten machen. Aber so richtig funktioniert das immer noch nicht.

Möchten Sie irgendwann in eine Redaktion zurückkehren oder hat Sie die Arbeit bei Cesta domů so beeindruckt, dass sie auch weiterhin dort tätig sein wollen?

Ich würde gerne weitermachen, gleichzeitig auch Interviews führen und Rezensionen für Medien schreiben. Das lässt sich aber verbinden. Noch werde ich aus Fördergeldern bezahlt. Wenn das Stipendium ausläuft, weiß ich nicht, ob ich von einem NGO-Gehalt meine Familie ernähren könnte. Aber daran möchte ich jetzt noch nicht denken.

Das Gespräch führte Alžběta Šemrová.
Übersetzung: Patrick Hamouz

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Juni 2015
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