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„Wer schikaniert, genießt das Machtgefühl“

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Die 26-jährige Anwaltsreferendarin Jitka Jordánová beschäftigt sich mit Mobbing- und Bossingfällen. Foto: © Karolína Opatřilová

Scheinbar unschuldiges Gestichel zwischen Kollegen kann Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen auslösen oder sogar in den Selbstmord treiben. Wo ist Grenze überschritten und wie kann sich das Opfer wehren? Schikane am Arbeitsplatz sei in Tschechien ein unterschätztes Thema, behauptet die 26-jährige Anwaltsreferendarin Jitka Jordánová aus Olomouc (Olmütz). Sie beschäftigt sich mit Mobbing- und Bossingfällen.

Ist Schikane am Arbeitsplatz in Tschechien ein aktuelles Problem?

Ganz sicher. Die breite Öffentlichkeit und die Arbeitgeber wissen über Schikane am Arbeitsplatz nicht viel. Die Schwierigkeit dieser Rechtsproblematik liegt darin, dass die Opfer von Schikane oft psychisch geschwächt sind und sich schämen, über ihr Problem zu sprechen. Teilweise wissen sie aber auch gar nicht, wie sie sich verteidigen und zum Beispiel eine Entschädigung bekommen könnten. Aus diesem Grund landen solche Fälle in Tschechien nur selten vor Gericht. Schwierig ist die Thematik auch deshalb, weil es sich um einen Rechtsbereich handelt, in dem es nur wenig Beweise zum Beleg einer Behauptung gibt. Ich habe mich entschlossen diese Situation zu ändern, indem ich gemeinsam mit Eva Šimečková das Handbuch Gewalt am Arbeitsplatz und deren Lösung in der Rechtsordnung der Tschechischen Republik, Frankreichs und Italiens geschrieben habe.

Welche Unterschiede gibt es zwischen Schikane in Tschechien und im Ausland?

Ein Benehmen, dass im chaotischen Italien üblich ist, könnte zum Beispiel im peniblen Deutschland für Schikane gehalten werden. Die italienische Arbeitsumgebung ist voller Konflikte und durch starke Familienbindungen geprägt. Während in Deutschland und Skandinavien junge Menschen bereits im frühen Alter selbständig werden, leben ungefähr 50 Prozent der 30-jährigen Italiener noch bei ihren Eltern. Die weitverzweigten Familien in Italien halten zusammen und unterstützen die Opfer von Schikane, und dadurch kommt es weniger leicht zu Depressionen oder posttraumatischen Belastungsstörungen. Anderseits kann es in Italien paradoxerweise zu sogenanntem doppelten Mobbing kommen. Falls ein Schikaneopfer in die Familie angespannte Stimmung und Angst bringt, kann das dazu führen, dass die Familie es nach einiger Zeit ausschließt, um sich vor diesem Störelement zu schützen. In Italien gibt es auch eine Reihe von Gerichtsentscheidungen, die unterschiedliche Typen der Schikane definieren, was bei uns in Tschechien noch immer fehlt. Unser Handbuch kann somit als ein Inspirationsleitfaden für die tschechische Rechtsumgebung dienen.

Könnten Sie ein Beispiel für einen Rechtsstreit nennen, der vor einem tschechischen Gericht verhandelt wurde?

Ich erinnere mich an den Fall eines Chefarztes, der über einen langen Zeitraum schikaniert wurde. Dass konnte sogar bei einer Gerichtsverhandlung bewiesen werden, und das Krankenhaus, vertreten durch seinen Direktor, sollte sich entschuldigen. Darauf folgte aber ein zweites Gerichtsverfahren, in dem der Arzt das Krankenhaus auf Schadensersatz verklagte, da er frühzeitig in den Ruhestand gehen musste. Der Anspruch des Chefarztes wurde weder in erster Instanz noch durch das Berufungsgericht anerkannt, weil das Arbeitsverhältnis per Vereinbarung aufgelöst wurde. Das Oberste Gericht hebte diese Entscheidung zum Glück auf und führte an, dass der Grund für die Unterzeichnung dieser Vereinbarung eindeutig die Schikane und unerträgliche Bedingungen am Arbeitsplatz waren und der Arzt durch diese Umstände zur Unterschrift gezwungen war.

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Über ihre Erfahrungen aus der juristischen Praxis hält Jitka Jordánová Vorlesungen vor Studenten. Foto: © privat

Was für Fälle von Schikane haben Sie selbst beobachten können?

Beispielweise Computerviren, die Kollegen per E-Mail versenden oder in Abwesenheit des Opfers direkt auf den Computer übertragen, um dadurch seine Arbeitsleistung zu schwächen und ihn später ganz aus dem Arbeitsumfeld auszuschließen. Vorsätzliche Schikane kann es quer durch verschiedene Berufsfelder geben. So haben etwa Angestellte einer Bäckerei einem unbeliebten Kollegen heimlich zu viel Backpulver in den Teig gemischt. Häufiger und noch gefährlicher ist allerdings das sogenannte Bossing, also Schikane durch einen Vorgesetzten. Denn dieser verfügt über mehr Möglichkeiten, seine Mitarbeiter zu unterdrücken und zu demütigen. Das Arbeitsgesetzbuch der Tschechischen Republik erlaubt zum Beispiel die Installation von Kameras am Arbeitsplatz, um den Besitz des Arbeitgebers zu schützen. Dieses Recht kann allerdings seitens des Arbeitgebers missbraucht werden, indem er etwa beobachtet, ob sein Arbeitnehmer die Kunden anlächelt oder nicht, die Aufnahmen anschließend bei Mitarbeiterbesprechungen vorführt und den Angestellten dabei für sein Verhalten tadelt.

Welche Charakterzüge zeichnen einen Schikanierer üblicherweise aus?

Egal, ob es sich um einen Vorgesetzten oder einen Kollegen handelt, meistens geht es ihm um Macht. Ein Schikanierer ist meistens ein psychisch beständiger, starker Mensch, der sich eine unterwürfige und schwächere Person aussucht mit dem Ziel, diese in die Ecke zu treiben. Manchmal ist der Grund für eine Schikane völlig unlogisch. Manche Menschen stört es beispielsweise, wenn ein Kollege gebildeter ist oder im Privatleben zufriedener.

Wie kann man sich gegen Schikane wehren?

Ein Fall von Schikane muss beim Arbeitgeber gemeldet werden, weil dieser für die Arbeitsbedingungen verantwortlich ist, also auch dafür, wenn es unter seinen Untergebenen zu Schikane kommt. Falls das nicht reicht, kann das Schikaneopfer seinen Fall der Arbeitsinspektion melden. Leider sind die meisten Inspektoren nicht genügend geschult, um unterschiedliche Vorsätzlichkeiten und Details zu erkennen, welche mit der Anwesenheit von Schikane am Arbeitsplatz einhergehen.

Die Opfer können sich auch an den Ombudsmann wenden. Dieser kann eine methodische Hilfe leisten, jedoch nur in Fällen, wo es sich bei der Schikane gleichzeitig auch um eine Diskriminierung handelt. Schikaneopfer können auch einen Rechtsanwalt einschalten, der mit ihnen die Situation analysiert und eventuell eine Klage auf Ausgleich des immateriellen Schadens vorbereitet.

Falls es sich aber um eine intensive Schikane handelt, empfehlen Psychologen dem Geschädigten, seinen Arbeitsplatz zu verlassen. Die Beziehung zwischen ihm und dem Arbeitgeber ist dann nämlich bereits irreparabel. Ich bin der Meinung, dass die Arbeitnehmer in solchen Situationen besser geschützt werden sollten. Eine der Möglichkeiten wäre gesetzlich eine Arbeitsschutzregelung zu verankern, gemäß der in Fällen einer nachgewiesenen Schikane der Anspruch auf eine höhere Abfindung besteht, zum Beispiel in Höhe des sechsfachen Durchschnittslohnes. Schikaneopfer sind nämlich aufgrund von psychosomatischen Beschwerden oft mehrere Monate arbeitsunfähig. Neulich las ich, dass 15 Prozent der Selbstmordfälle in Schweden auf Schikane am Arbeitsplatz zurückzuführen sind. Auch bei uns ist ein solcher Fall bekannt: Eine Frau sprang während ihrer Arbeitszeit aus dem Fenster.

Ist es in solchen Fällen schwierig für einen Rechtsanwalt, Gerechtigkeit herzustellen?

In einigen Bereichen ist das sehr schwierig, mühsam ist ebenfalls die lange Dauer des ganzen Verfahrens. Ein Gerichtsverfahren kann nicht nur einige Monate, sondern eher einige Jahre dauern. Während einer solch langen Zeit bekämpfen sich beide Parteien gegenseitig so stark, dass sie nicht einmal mehr in der Lage sind, miteinander zu kommunizieren. Wenn ein Streit hingegen innerhalb von einigen Monaten beigelegt werden kann, etwa mit Hilfe von Rechtsanwälten, sind die Wunden nicht so tief. Oftmals bemühe ich mich, die Parteien zu einer außergerichtlichen Schlichtung zu bewegen, damit sich die Betroffenen auch in der Zukunft treffen und in die Augen schauen können, denn nach einem Gerichtsverfahren ist das meistens nicht mehr möglich. Was Schikane am Arbeitsplatz betrifft, konnte ich alles mehr oder weniger friedlich lösen. Den gerichtlichen Weg konnten wir bisher immer vermeiden.

Was reizt Sie am meisten auf Ihrer Arbeit?

Es ist nicht nur Papierarbeit, sondern der tägliche Kontakt mit Menschen, die einem viel anvertrauen. Gerade aufgrund dieser engen Beziehung ist es dann auch leichter, die Mittel zu wählen, mit deren Hilfe man für ihre Rechte kämpfen kann.

Das Interview führte Karolína Opatřilová.
Übersetzung: Lenka Waisová

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Februar 2016

    Jitka Jordánová

    Jitka Jordánová (*1989) schloss 2013 ihr Studium der Rechtswissenschaften an der Palacký-Universität in ihrer Heimatstadt Olomouc (Olmütz) ab. Derzeit arbeitet sie als Referendarin in einer Anwaltskanzlei und promoviert gleichzeitig am Lehrstuhl für Privatrecht und Zivilverfahrungen an der Palacký-Universität. Im Rahmen ihres Magisterstudiums war sie 2009/2010 für ein Auslandssemester an der Università degli Studi di Milano (Mailand), wohin sie 2014/2015 für einen einen einsemestrigen Forschungsaufenthalt zurückkehrte. Sie ist eine der beiden Autorinnen des Handbuches Gewalt am Arbeitsplatz und deren Lösung in der Rechtsordnung der Tschechischen Republik, Frankreichs und Italiens, das im September 2015 erschien.

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