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Wärme für die Ukraine

Foto: © Chuť pomáhatFoto: © Chuť pomáhat
Neben weiteren Projekten baut die Hilfsorganisation Chuť pomáhat (Lust zu helfen) Öfen für die Menschen im Kriegsgebiet im Osten der Ukraine. Foto: © Chuť pomáhat

Michal Kislicki, genannt Kody, stammt aus Brno (Brünn), wo er lebte und arbeitete. Dann aber machte er sich eines Tages auf den Weg in die Ukraine – und blieb… um den Menschen im Donbass zu helfen, wo Krieg herrscht. Die meisten seiner Antworten begleitet ein „So Gott will...“, seinen Glauben nötigt Kody aber niemandem auf.

Krieg und Glaube

2014 zog Michal alias Kody irgendetwas in die Ukraine. Er wusste nicht genau, was das war, aber er gab dem Impuls nach. Er fuhr in die Westukraine und ließ sich zunächst in Chust in den Karpaten nieder. Er fand Freunde, die ihn beherbergten, und verdingte sich sieben Monate lang mit allem Möglichen. Als handwerklich geschickter Elektriker aus Brno beherrscht er nämliche verschiedenste Arbeiten. Er verliebte sich in die Karpaten, dennoch zog es ihn weiter in den Osten der Ukraine, wo schon seit mehr als zwei Jahren Krieg herrscht.

Also machte Kody sich auf nach Slowjansk, eine 100.000 Einwohnerstadt im Oblast Donezk, die früher vor allem für ihre Salzminen bekannt war. Im April 2014 war die Stadt von russischen Einheiten besetzt, die Ukrainer konnten die Stadt jedoch militärisch zurückerobern, Anfang Juni desselben Jahres zogen sich die Rebellen aus Slowjansk zurück. Momentan ist die Stadt die Basis für humanitäre Hilfsorganisationen, die in der Region tätig sind. Als Kody dort ankam, war er nicht religiös und auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Die Nähe des Krieges änderte alles: „So nah an der Front kann man gar nicht anders als im Glauben leben, die Tage beginnen und enden mit einem Gebet“, sagt Kody, dem der Inhalt dieser Worte in Fleisch und Blut übergegangen ist. Selbst wenn er über ernste Angelegenheiten spricht, verliert er sein Lächeln nicht.

Das Leben der Hilfe für andere geweiht

Während seiner ersten Monate im Donbass beobachtete Kody das Geschehen nur und dachte darüber nach, wie er helfen könnte. Er hatte Angst an die Front zu fahren, denn dort ist es gefährlich. Schließlich aber überwand er diese Angst. Schon seit über einem Jahr begibt er sich regelmäßig in die Kampfzone mit materieller und seelischer Hilfe im Gepäck, vor allem in die Stadt Krasnohoriwka, die unmittelbar auf der Frontlinie liegt. In Slowjansk wurde Kody Teil einer Gruppe von Menschen, die helfen, wie sie nur können. Und er hat hier seine Liebe kennengelernt. Bald wird er heiraten. Auch seine zukünftige Frau hilft als Freiwillige. Sie stammt aus Horliwka, musste aber wegen des Krieges von dort fliehen. „Die Liebe gibt meinem Leben im Osten einen neuen, entscheidenden Rahmen“, sagt Kody.


Kody hat sein Leben der Hilfe für die Menschen im Osten der Ukraine geweiht. Gemeinsam mit Freunden hat er die gemeinnützige Organisation Chuť pomáhat (etwa: Die Lust zu helfen) gegründet. Sein Team arbeitet ausschließlich auf ehrenamtlicher Basis dank Spendengeldern, die mithilfe der sozialen Netzwerke, Sammlungen in Kirchen oder auf Benefizveranstaltungen gesammelt wurden. Kody ist der einzige, der direkt vor Ort hilft. Unterstützt wird er von Einheimischen. Der Rest des tschechischen Teams ist in Tschechien.

„Wenn bombardiert wird, funktioniert nichts: weder Strom, noch Wasser, noch die Versorgung. Es gibt nichts, woran wir gewöhnt sind. Die Atmosphäre ist voller Aggression und Angst, im Winter frieren viele Menschen“, beschreibt Kody das Leben an der Front. Die Hälfte der Bevölkerung des Donbass ist geflüchtet – in den Westen der Ukraine, nach Russland oder ins westliche Europa. Mindestens eine Million Menschen aber wollten ihre Heimat in der gefährlichen Region nicht verlassen. Gegenwärtig haben diese Menschen kaum Möglichkeiten, Geld zu verdienen, und die Versorgungslage ist sehr schlecht. Sie sind angewiesen auf die Hilfe humanitärer Organisationen oder Freiwilliger wie Kody und seiner Mitarbeiter.

Kody erwähnt, dass im Osten auch tschechische Organisationen wie Člověk v tísni (Mensch in Not) oder Adra hervorragende Hilfe leisten. Er selbst hat jedoch beschlossen, auf eine andere Art zu helfen, und zwar als Seelsorger: mit den Menschen sprechen, sie anstacheln, sich nicht nur auf die Hilfe von außen zu verlassen, sondern selbst aktiv zu werden. Er erwähnt als Beispiel eine Geschichte mit Happy end: Oleg hat trotz der kritischen Situation eine Bäckerei aufgemacht und 20 Menschen angestellt.

Essen, Wärme, Kleidung, Gelegenheiten zum Verschnaufen

Chuť pomáhat vereint verschiedenste Projekte, die spontan entstehen, je nach dem, was gerade am meisten gebraucht wird. Kody und sein Team fahren Lebensmittel aus, im Winter helfen sie auch denen, die nichts haben, womit sie heizen können. An der Front leben die Menschen nämlich entweder in Kellern oder in den Erdgeschossen verfallener Behausungen, in denen es nur um wenige Grad wärmer ist als draußen.

Kody hatte die Idee in Krasnohoriwka eine Schweißerwerkstatt aufzubauen und in ihr einfache Öfen zu fertigen. Im letzten Winter wurden insgesamt 106 Öfen gebaut und zudem fünf Kubikmeter Brennholz gesammelt, an denen sich etwa 500 Einwohner von Krasnohoriwka wärmen konnten. Es wurden insgesamt 700.000 Kronen (knapp 26.000 Euro) gesammelt: „So viel Geld hatte ich als einfacher Elektriker noch nie gesehen, aber auf einmal ging es durch meine Hände und ich habe es dort eingesetzt, wo es am meisten benötigt wird.“ Erfolgreich war auch eine materielle Sammlung, dank derer 80 Tonnen an Kleidung, medizinischem Material, Spielzeug, Decken und Material zum Abdecken von Dächern in die Ukraine geliefert werden konnten. Für ökonomisch am wertvollsten hält Kody es aber, das Material in der Ukraine selbst einzukaufen.


Weg von der Front und spielen

Ein wichtiges Projekt der Organisation sind Ausflugs- und Ferienlager für Kinder. „Der Krieg frustriert die Kinder und sie tragen in sich auch die Sorgen ihrer Eltern. Ich habe Kinder auf der Wiese spielen sehen und mir fiel ein, dass das, was man in der Kindheit am meisten braucht, Ruhe zum Spielen ist“, sagt Kody. Vor einem großen Ferienlagerprojekt fanden direkt an der Front mehrere Wochenendfreizeiten statt. Das Leben in dieser Gegend ist unvorstellbar schwer: das donnernde Artilleriefeuer, die allgegenwärtige Bewaffnung, manchmal betrunkene Soldaten, Hunger und Kälte. Kody organisierte Wochenendausflüge für Kinder, während derer nur herumgetollt, getanzt und gespielt wurde.

Im vergangenen Sommer fand eine längere Kinderfreizeit mit dem programmatischen Namen „Sicherheit“ statt. Ziel war es, so viele Kinder wie möglich weg aus der Kampfzone zu bringen und ihnen Ferien vom Krieg zu ermöglichen. Dank Spendengeldern konnten so 65 Kinder im Juni 2015 aus Krasnohororiwka und Donezk weg von der Front fahren. „Die ersten fünf bis sechs Tage waren die schwierigsten. Die Kinder konnten sich nicht daran gewöhnen, dass in ihrer Nähe nichts passiert. Sie wachsen im Krieg auf, so dass sie auf viele Dinge anders reagieren. Wenn man etwa einen Ball in die Luft wirft, werfen sich alle Kinder auf die Erde. Sie hatten auch Angst im Fluß zu baden, denn da könnte ja etwas explodieren“, erzählt Kody während er Fotos der Kinder zeigt.

Seit anderthalb Jahren, seit Kody im Donbass lebt, kommen tschechische Freiwillige zu ihm, um zu helfen. Manche bleiben nur einen Woche, andere für drei Monate, insgesamt waren es bisher fast 40. Mittlerweile ist Kody es allerdings müde, immer wieder neue Helfer anzulernen. Er möchte deshalb Leute finden, die mindestens für ein Jahr kommen würden und an die er im Rahmen der bewährten Projekte einige Aufgaben delegieren kann.

Jede Frau ist wie eine Blume

Kody versteht seine Arbeit als Mission. Er bringt den Menschen nicht nur Lebensmittel, sondern er fährt zu ihnen als ein jemand, der sich für sie interessiert. Denn an der Front führen sie ein einsames Leben, unentwegt droht Gefahr, jeder Tag ist ein Kampf ums Überleben. „Die Menschen freuen sich, wenn wir ankommen, und wir freuen uns, dass sie noch leben. Jedes Mal unterhalten wir uns eine Weile“, erzählt Kody. Seine Hilfe, und sei es die materielle, hat auch eine seelische Dimension.


Am Internationalen Frauentag am 8. März hat er zum Beispiel ein Programm für Frauen organisiert. „Jede Frau ist wie eine Blume, manche wie ein Kaktus, manche wie eine Lilie. Das ist eins der Dinge, an die ich glaube. Die Frauen an der Front aber haben sich schon lange nicht mehr als Frauen gefühlt. Sie sind verhärtet, sie haben ihre Weiblichkeit vernachlässigt, sie beschäftigen sich nur noch mit der Sicherung der grundlegenden Bedürfnisse. Ich möchte, dass sie sich wenigstens an einem Tag im Jahr als Frauen fühlen können. Also habe ich sie gefragt, womit ich sie beschenken könnte. Sie aber antworteten, dass das schade um das Geld sei, dass ich ihnen lieber Waschpulver kaufen sollte oder so etwas. Schließlich habe ich ihnen Kleinigkeiten wie Schokolade mitgebracht und der Pastor hat 25 engagierte Frauen ausgewählt, die sich am meisten für andere aufreiben. Unter ihnen wurden dann weitere Geschenke verlost wie etwa ein Friseurbesuch, Maniküre, ein Cafébesuch oder einen Heimwerker, der ich selbst war. Die Frauen sollten eine Weile ohne Sorgen verbringen, sich einfach nur unterhalten in einem improvisierten Café, was die Frauen, die an der Front leben, schon lange nicht mehr erlebt hatten“, erzählt Kody. „Es war wunderbar. Die Babuschkas haben sich gegenseitig ihre neuen Fingernägel oder Frisuren gezeigt, es war für sie sehr erfrischend.“

Je mehr du gibst, desto mehr bekommst du

Kody hat das Gefühl, dass nicht nur Hilfe gebraucht wird, sondern dass es nötig ist, mehr über den Krieg in der Ukraine zu sprechen. Er fährt deshalb regelmäßig nach Tschechien und hält Vorträge über sein Engagement. Es gebe mehrere Möglichkeiten wie ein einfacher Bürger helfen könne: erstens, indem man betet, zweitens finanziell, und drittens, indem man selbst als Freiwilliger in die Ukraine fährt und vor Ort Hand anlegt. Spenden können an konkrete Zwecke gebunden werden. Manche spenden für Lebensmittelpakete, andere für Öfen oder Kinderfreizeiten, wieder andere für die Finanzierung der Freiwilligenarbeit. „Einmal habe ich unser öffentlich einsehbares Konto geöffnet und festgestellt, dass uns ein anonymer Spender 200.000 Kronen (rund 7400 Euro) für die Arbeit der Freiwilligen überwiesen hatte. Das ist ein großes Glück, denn dann weiß ich, dass ich ein paar Leute anstellen kann, dass diese dann einen Lohn bekommen können und ihre Arbeit anderen hilft. Je mehr du gibst, desto mehr bekommst du“, so Kody.

Politische Aspekte erwähnt Kody in seinen Vorträgen und auch in den anschließenden Diskussionen kaum. Er sagt lediglich, dass er Menschen auf beiden Seiten helfe. Er erklärt, dass die Ukraine einen hohen Reformbedarf habe, und dass die Menschen nicht für die gegenwärtige ukrainische Regierung kämpften, sondern für ihr Land. Kody selbst sagt, er habe sich in die Ukraine verliebt und bete für sie. „Jeden Abend um sechs Uhr beginnt der Beschuss. Danach kann man die Uhr stellen. Politisch ist der Krieg für beide Seiten vorteilhaft, aber die Zeche zahlen die einfachen Leute“, schätzt er die Situation ein, in der sich der Konflikt in der Ukraine befindet. „Es sind schon mindestens 50.000 Soldaten und Zivilisten ums Leben gekommen. Die Wahrheit über die Zahl der Opfer erfahren wir aber erst, wenn der Krieg vorbei ist und die Massengräber entdeckt werden.“

Und was hat Kody gemacht bevor er „Lust zu helfen“ bekam? In Brno war er Elektriker gewesen, habe täglich zwölf bis dreizehn Stunden gearbeitet und viel Geld verdient. In seinem Leben sei jedoch eine Leere gewesen. „Also hast du einfach eine andere elektrisierende Kraft gefunden?“ Er nickt nur und lächelt.

Tereza Semotamová
Übersetzung: Patrick Hamouz

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
April 2016
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