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Sprachkurs mit Hus

Foto: © Katharina WiegmannFoto: © Katharina Wiegmann
Alberto Rocchini trat schon in jungen Jahren aus der katholischen Kirche aus. Sie war ihm zu konservativ und autoritär.

Ein italienischer Hussit, der in Prag auf Deutsch predigt? Der angehende Pfarrer Alberto Rocchini trotzt seinem Frust über religiöse Gleichgültigkeit.

Eine Handvoll Besucher hat sich immerhin eingefunden. Zwei Paare und einige ältere Damen sitzen andächtig auf den Holzbänken der Nikolauskirche am Altstädter Ring. Draußen ist es ein eisiger, sonniger Februartag. In das Innere der Kirche dringen die Sonnenstrahlen nicht; die Kälte dagegen kriecht in alle Winkel. Vor Alberto Rocchinis Mund bilden sich Atemwolken, während er vor barocker Kulisse aus der Bibel vorliest. Rocchini studiert an der theologischen Fakultät der Karls-Universität und bereitet sich derzeit auf eine Laufbahn als Pfarrer vor. Das Ungewöhnliche daran: Der Italiener gehört der Tschechoslowakischen Hussitischen Kirche an. Und er predigt auf Deutsch. Jeden Montag um 17 Uhr.

„Es kommen vor allem Touristen”, sagt Rocchini ein wenig bedauernd im Gespräch vor dem Gottesdienst. Von den vielen Deutschen würde aber eigentlich immer jemand sitzen bleiben und eine Weile zuhören. Zu den Predigten auf Italienisch, die er immer montags nach dem deutschsprachigen Gottesdienst hält, komme manchmal gar niemand. Es scheint trotzdem nicht so, als müsse sich Rocchini in der Nikolauskirche jemals einsam fühlen. An diesem Nachmittag öffnen sich die Türen ständig aufs Neue: Eine Gruppe von Asiatinnen mit Pudelmützen und Mundschutz fotografiert den barocken Innenraum, zwei junge Frauen aus Österreich unterbrechen ihr aufgeregtes Gespräch über den Winterschlussverkauf, verstummen für einen kurzen Moment und bekreuzigen sich, während sie die Hussitenkirche betreten.

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Auf der Suche nach Heimat

Die Tschechoslowakisch Hussitische Gemeinde macht sich die prominente Lage am Altstädter Ring zu Nutze und wirbt mit dem fremdsprachigen Angebot auch ein bisschen um Bekanntheit. Denn die „Neuhussiten“ bilden eine eher kleine Glaubensgemeinschaft: Bei der Volkszählung von 2011 bekannten sich nur rund 40.000 Tschechinnen und Tschechen zur Zugehörigkeit. Gegründet wurde sie 1920 durch Abspaltung von der römisch-katholischen Kirche. Tschechische und slowakische Geistliche forderten damals Modernisierung und beriefen sich dabei auf Jan Hus, den böhmischen Reformator. Die Regierung der Ersten Tschechoslowakischen Republik förderte die Gründung und erhoffte sich umgekehrt Unterstützung bei der Verbreitung ihrer nationalen Idee.

Kennt man Jan Hus im überwiegend römisch-katholischen Italien überhaupt? Alberto Rocchini lacht: „Nein. Martin Luther schon, Calvin vielleicht noch. Aber Hus ganz sicher nicht.” Der heute 41-Jährige ist schon in jungen Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten. Sie war ihm zu konservativ und autoritär, „wenn es darum geht, wie man leben soll“. Mit dem Protestantismus setzte er sich das erste Mal in Deutschland auseinander: Ende der 1990er Jahre studierte er ein Semester in Mainz, damals noch Italienisch und Geschichte. Danach zog er nach Südtirol, wo er früher mit seiner Familie fast jeden Urlaub verbracht hatte und schon als Kind mit der deutschen Sprache in Kontakt gekommen war. Später fand er als Italienischlehrer eine Stelle in Wien. „Ich war auf der Suche nach einer neuen, einer eigenen Heimat“, erzählt er. Die österreichische Hauptstadt wurde es nicht. Er fand keinen Anschluss und reiste an den Wochenenden immer öfter nach Tschechien. In Brno (Brünn) knüpfte er Freundschaften, ihm gefiel die Atmosphäre, die er als „weltoffen“ beschreibt. 2010 zog Rocchini um, arbeitete auch in Tschechien zunächst in seinem Beruf als Lehrer und fing schließlich an, an der hussitischen theologischen Fakultät zu studieren. Wenn er erzählt, klingt es, als wären die Stationen seines bisherigen Lebens eher Ergebnisse von Zufällen gewesen. In Tschechien hatte er schlicht ein gutes Gefühl, deshalb hat er hier weitergemacht.

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Alberto Rocchini würde sich freuen, wenn neben den Touristen auch Tschechen zu ihm kämen, die Deutsch lernen wollen.

Mehr Möglichkeiten zu Kreativität und Dialog

„Im Hinterkopf habe ich mich schon immer nach diesem Weg gesehnt“, sagt er. Er spricht leise, ein bisschen Melancholie schwingt mit, in Denkpausen schaut er nachdenklich zur Seite. Zusammengesunken sitzt er auf seinem Stuhl im schmucklosen Nebenraum der Kirche. Als er ein paar Minuten nach 17 Uhr zu den Klängen der Orgel durch den Mittelgang aufrecht zum Altar schreitet, ist davon jedoch nichts mehr zu spüren. Lächelnd begrüßt er die Besucher und hebt mit fester Stimme zum Gesang an. „Großer Gott, wir loben dich...“ Auf Brusthöhe seines schwarzen Talars leuchtet ein aufgestickter roter Kelch. Die Hussiten hatten einst gefordert, dass der Kelch während des Abendmahls nicht nur den Prälaten vorbehalten bleiben solle. Rocchini sieht das als Symbol für die „Demokratisierung der Kirche und des Glaubens.“ Seit vier Jahren studiert er an der Fakultät der Tschechoslowakisch Hussitischen Kirche, die priesterliche Ordination fehlt ihm noch. Bislang darf der Italiener nur Wortgottesdienste abhalten, nicht aber das Abendmahl. „Ich bin ganz am Anfang meiner Laufbahn hier.“ Mit der Entscheidung für das Studium habe er sich auch für eine langfristige Bindung an die Region entschieden. Die Tschechoslowakisch Hussitische Kirche gibt es in anderen Ländern nicht.

Und auch in Tschechien sind Gläubige eher in der Minderheit, Religion spielt im Alltag der meisten Menschen keine große Rolle. Wie geht Alberto Rocchini damit um? „Natürlich ist es manchmal frustrierend, dass die Tschechen so gleichgültig gegenüber dem Glauben sind. Das ist für mich der schwierigste Aspekt bei der Arbeit hier“, gibt der Geistliche zu. Auf der anderen Seite habe es aber auch Vorteile, dass die Gesellschaft offener und weniger konservativ sei, als in seinem Heimatland Italien. „Es dreht sich nicht alles um die Familie und es gibt ein bisschen mehr Möglichkeiten zu Kreativität und zum Dialog.“

Während des Gottesdienstes will der angehende Priester aber scheinbar – zumindest heute – keine kreativen Risiken eingehen. Die Predigt bleibt allgemein; aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen außen vor. „Die Botschaft ist immer das Evangelium vom Sonntag. Aber manchmal spreche ich schon andere Themen an, die gerade relevant sind“, sagt Rocchini. „In Italien gab es vor kurzem Erdbeben, dann habe ich natürlich auf die Situation hingewiesen.“ Vor allem wolle er den Gottesdienst an das Publikum anpassen. Er würde sich freuen, wenn neben den Touristen auch Tschechen zu ihm kämen, die Deutsch lernen wollen. Und vielleicht ja auch etwas über Jan Hus: „Viele wissen, dass er hingerichtet wurde, seine Ideen zur Reformation kennen die meisten aber nicht.“

Katharina Wiegmann

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
März 2017

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