Job

Aberglaube versus Medizin

Foto: © Jessica RiedelFoto: © Jessica Riedel
Jessica Riedel: „Halten Sie mich für besessen oder eine schwere Sünderin?“

Jessica Riedel half Epileptikern in Kamerun. Dort gilt Epilepsie als Besessenheit oder als göttliche Strafe für Sünden. Das Brisante: Jessica ist selbst Epileptikerin.

Nach dem Schulabschluss 2016 wollte Jessica Riedel aus Achim bei Bremen zum Freiwilligendienst ins Ausland. Viele Organisationen lehnten sie ab: Die 21-Jährige ist Epileptikerin und gilt damit als chronisch krank – obwohl sie medikamentös eingestellt ist und beschwerdefrei lebt. Das Versicherungsrisiko wollten die Anbieter dennoch nicht tragen. Jessica wurde trotzdem fündig: Für CAMAAY (Cameroon Association of active youth) reiste sie nach Batibo (Kamerun) und war dort unter anderem in einem Epilepsie-Projekt engagiert. Dabei lernte sie Land und Leute kennen und die Kamerunische Perspektive auf Epilepsie – die für Europäer gewöhnungsbedürftig sein kann.

Was waren deine Aufgaben?

Von allem etwas: Ich habe viel am Schreibtisch gesessen, Berichte geschrieben, herumtelefoniert, Kooperationspartner gesucht. An den Wochenenden bin ich oft in abgelegene Gegenden gefahren, habe Klienten gesucht und Aufklärungsarbeit geleistet. Abgelegene Gegend bedeutet in Kamerun tatsächlich Niemandsland. Viele Orte sind nicht mit dem Auto zu erreichen und die Straßen sind eher eine Art Fahrrinne. Dann saß ich hinten auf dem Motorrad, habe mich am Fahrer festgeklammert und gehofft, dass wir die Fahrt heil überstehen.

Du sprichst von Klienten. Wen meinst du damit?

Epileptiker jeden Alters, deren Familien und Umfeld. Schwerpunktmäßig ging es darum, dafür zu sorgen, dass betroffene Kinder und Jugendliche zurück in die Schule kommen. Tritt bei einem Kind Epilepsie auf, dann behalten die Eltern es meistens zu Hause. Das hat zwei Gründe: Die Familie schämt sich und will nicht, dass die Krankheit öffentlich wird. Oder die Anfälle sind so häufig und so schlimm, dass die Kinder dem normalen Schulalltag nicht mehr folgen können. Eigentlich kann man Epilepsie mit Medikamenten gut in den Griff bekommen. Ich spreche aus Erfahrung: Mein letzter Anfall ist elf Jahre her. In Kamerun sind die Ressourcen aber knapp. Oft werden Medikamente auf gut Glück verschrieben. Nach dem Motto: „Nehmen Sie das mal und hoffen wir, es wirkt.“ Das erhöht das Risiko von falscher Dosierung und Nebenwirkungen. Manchmal sind die Medikamente auch gar nicht zu bekommen. Epilepsie-Medikamente darf man aber nicht einfach absetzen. Dann kommt es zum Entzug, die Anfälle werden schlimmer. Und das ist nur der medizinische Teil des Problems.

Und der andere?

Ein gesellschaftlicher, religiöser. Wer in Kamerun unter Epilepsie leidet, gilt nach Meinung vieler Menschen nicht als krank, sondern als besessen. Kamerun ist ein sehr christliches Land. Die Bibel wird von vielen Menschen wörtlich genommen. Und da gibt es zwei Bibelstellen: Matthäus 17, Vers 15, wer es genau nachlesen möchte, und einen Querverweis zu Lukas. Dort wird ein sogenannter mondsüchtiger Junge geschildert. Seine Symptome sind ziemlich genau die eines epileptischen Anfalls. Die Bibel spricht aber von Besessenheit durch einen starken Dämon. Und gegen diese angebliche Besessenheit hilft Medizin nicht. Teil meines Jobs war es, zu informieren und aufzuklären.

Erfolgreich?

Mal mehr, mal weniger. Vorurteile sind sehr, sehr hartnäckig.

Das klingt nach einigen frustrierenden Erfahrungen.

Oh ja. Manchmal hat mich die Haltung der Menschen unglaublich wütend gemacht. Und auch, wie dort mit Betroffenen umgegangen wird. Viele werden zu Hause versteckt. Weil sie nicht zur Schule gehen dürfen, sind sie nicht ausgebildet und bekommen nur schlechte Jobs. Oder sie leben von Heimarbeit. Die Chancen auf eine gute Partnerschaft sind auch gering. Mädchen werden schnell ausgenutzt, betroffene Frauen häufig verlassen – und bei erkrankten Männern managen die Ehefrauen Arbeit und Familie. Die Familie schämt sich, die Gesellschaft diskriminiert sie. Klar macht mich das sauer! Ehrlich gesagt: Mehr, als ich erwartet hatte. Da ich selbst seit Jahren keine Anfälle mehr hatte, dachte ich, ich könnte mit einer größeren Distanz an das Thema herangehen. Es war aber schon aufwühlend für mich. Auch, weil ich denke: Es gibt so viele Forschungen zu Epilepsie, die Menschen sollten es besser wissen. Epilepsie ist eine Fehlfunktion im Gehirn. Und in Kamerun wird den Menschen nicht nur Besessenheit angedichtet, ihnen wird unterstellt, dass sie den angeblichen Dämon quasi einladen hätten. Sie hätten eben nicht genug geglaubt oder schwer gesündigt. Dann sind sie auch noch selber schuld an ihrem Zustand! Man kann sich denken, wie sich Betroffene dabei fühlen, oder?

Foto: © Jessica Riedel
Viele Epileptiker werden in Kamerun zu Hause versteckt. Weil sie nicht zur Schule gehen dürfen, sind sie nicht ausgebildet und bekommen nur schlechte Jobs.

Siehst du denn Verbesserungsmöglichkeiten? Sind die Leute offen für Aufklärung?

Schwierige Frage. Meine Erfahrung ist: In ländlichen Gegenden ist mangelnde Bildung das Problem. In den Städten sind die Leute dafür abergläubischer, bibelhöriger. Da findet sich ganz schwer ein Zugang. Manchmal habe ich mich selbst als Betroffene geoutet – obwohl ich mir das vorher immer sehr genau überlegt habe. Ich sagte: „Schauen Sie mich mal an! Halten Sie mich für besessen oder eine schwere Sünderin?“ Klar wollte ich damit provozieren. Das hat auch funktioniert, aber selten das gewünschte Ergebnis gebracht. Nein, hieß es dann, so etwas wolle man mir natürlich nicht unterstellen. Und außerdem sei ich doch aus Europa. Könnte gut sein, dass Epilepsie in Europa tatsächlich eine Krankheit sei. Mit anderen Worten: Manche Menschen wollten einfach nicht umdenken und haben sich die Realität einfach zurechtgebogen. Ich denke, langfristig gibt es nur eine Möglichkeit, die Situation von Epileptikern zu verbessern: Weiter aufklären und dabei hartnäckig bleiben.

Wäre das ein Beruf für dich?

Nein, das habe ich während der Arbeit in Kamerun festgestellt. Ich war gern dort und habe die Menschen sehr schätzen gelernt – auch wenn mir die Einstellung zu Epilepsie nicht gefallen hat. Aber ich habe gemerkt, dass eine rein soziale Tätigkeit mich nicht ausfüllt. Mein aktuelles Berufsziel: Ingenieurin. Nebenbei werde ich aber weiterhin sozial engagiert sein. Ganz ohne kann ich auch nicht.


Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Mai 2017

    Epilepsie

    Epilepsien sind neurologische Erkrankungen, die sich vor allem in Krampfanfällen äußern. In Deutschland befinden sich rund 500.000 Menschen in Behandlung. In Kamerun ist die Zahl der Betroffenen, gemessen an der Gesamtbevölkerung, circa 19 Mal so hoch.

    Mehr Informationen über Epilepsie auf den Seiten der Deutschen Epilepsie-Vereinigung.

    Themen auf jádu

    Im Auge des Betrachters
    … liegt die Schönheit. Da liegt aber auch die Hässlichkeit – und alles dazwischen. Als Betrachter sind wir jedoch nur selten allein. Und als Betrachtete sowieso nicht. Mehr...

    Höher, schneller, weiter
    Gewinnen. Besser werden. Den inneren Schweinehund überwinden. Verlieren. Aufgeben. Scheitern. Warum Sport? In einem gesunden Körper ein gesunder Geist? Klar, wollen wir alle. Ein paar Geschichten vom Sport. Mehr...

    Dazugehören
    Seit gesellschaftliche Akteure jeder Couleur ihre Forderung nach Integration einem Mantra gleich herunterbeten, gerät viel zu oft in Vergessenheit, dass Integration ein individueller Prozess ist, der auch von uns selbst etwas verlangt. Mehr...

    Wenn man trotzdem lacht
    Trotzdem lachen! Das soll einem geflügelten Wort zufolge die Definition von Humor sein. Aber was der eine zum Lachen findet, hält ein anderer für lächerlich oder gar peinlich. Auch kulturelle Unterschiede spielen dabei eine Rolle. Mehr...

    Soll und Haben
    Geld ist für viele zum Wert an sich geworden. Ist Geld also etwa gut oder gar böse? Und wer entscheidet das? Mehr...

    Themenarchiv
    Ältere jádu-Schwerpunkte findest du im Themenarchiv. Mehr...