Kultur

Die Achse des Schönen


Der Name ist eigentlich auch eine Beschreibung des Inhalts: ArtMap ist eine Landkarte der Kunst. Sie existiert derzeit sowohl in Papier- als auch in elektronischer Form. Wenn man sich nicht entscheiden kann, welche Ausstellung man sich anschauen soll, dann findet man hier Empfehlungen bekannter Künstler und Kunsttheoretiker. Nun gibt es auch einen ArtMap-Online-Shop für Bücher, und das ist erst der Anfang.

Foto: © ArtMap.cz
Tomáš und Petr Hrůza. Foto: © ArtMap.cz

ArtMap wurde 2007 von den Brüdern Tomáš und Petr Hrůza gegründet. Der Nachname ist jedoch nicht besonders passend – denn sie sind beide schlichtweg sympathisch [hrůza bedeutet auf Deutsch Schrecken, Grauen; Anm. d. Übers.]. „Sicherlich spielte auch eine Rolle, dass wir beide etwas gemeinsam machen wollten“, sind sich die Brüder einig. Die Anregung zu ihrem Projekt kommt aus London, wo Tomáš an einem ähnlichen Projekt gearbeitet hat. Dabei ging es um die Kunstszene im Osten der britischen Hauptstadt. „Das war aber viel kleiner angelegt, und ich weiß gar nicht, ob es noch existiert“, so Tomáš.

Als Tomáš aus London zurückkehrte, entschlossen sich die Brüder, etwas Ähnliches in ihrem Heimatland aufzuziehen. Allerdings sollte sich das Projekt nicht nur auf eine Stadt beziehen, sondern die Kulturszene des ganzen Landes erfassen. „Als wir damals ArtMap gründeten, gab es in Prag keinen Galerieführer, der sich mit zeitgenössischer Kunst beschäftigte“, erklärt Petr. „Uns gefiel der Gedanke, mit einer Karte durch die Stadt zu laufen und zu entdecken, was wo los ist.“

Tomáš und Petr waren überzeugt, dass einer der Gründe für das geringe Interesse an Kunst der Mangel an Informationen ist, was wo stattfindet. „Entweder gab es gar keine Informationen über Ausstellungen oder sie gingen in der Flut sonstiger Informationen unterschiedlicher Kulturprogramme unter“, sagt Petr. Gerade bei den gängigen Kulturprogrammheften hatten sie das Gefühl, dass sie sich eher an ein Fachpublikum richten. Deshalb war es ihnen von Anfang an wichtig, mit ihrem Projekt ein möglichst breites Publikum anzusprechen.

Foto: © Veronika Rollová
Die ArtMap Brno erscheint alle drei Monate mit einem eigenen Thema. Foto: © Veronika Rollová

Kunst ist überall

ArtMap.cz erscheint einmal monatlich sowohl in gedruckter als auch in elektronischer Form. Informiert wird über große repräsentative Ausstellungen, aber auch über kleine Aktionen der alternativen Szene. „Für die ist es gut, wenn sie in einer Übersicht neben großen Ausstellungen auftauchen, das gilt aber auch umgekehrt“, erklärt Petr. In gedruckter Form liegt ArtMap in Cafés, Theatern und an Ausstellungsorten aus, und zwar gratis. „Wir tun was wir können, um präsent zu sein und um damit das Interesse an Kunst zu wecken – die hat den Menschen oft viel mehr zu sagen, als manche überhaupt ahnen“, ist Petr überzeugt.

Am Anfang gab es nur eine Prager ArtMap, als man jedoch 2010 online ging, hat sich der Focus auf die gesamte Tschechische Republik erweitert. Deshalb gibt es mehrere unterschiedliche Ausgaben für bestimmte Regionen oder Städte. „So hat jede Ausgabe der ArtMap Brno, die alle drei Monate erscheint, ein eigenes Thema. Ansonsten sieht sie genauso aus wie alle anderen“, erklärt Petr. Manchmal erscheint der Galerie-Atlas auch in einer anderen Stadt – entweder aus Anlass eines besonderen Ereignisses oder einfach nur um die örtliche Szene zu beleben und um auf das dortige Geschehen aufmerksam zu machen. So ist beispielsweise 2011 die ArtMap Olomouc anlässlich des Internationalen Filmfestivals PAF erschienen. Jetzt wird gerade die ArtMap Ústí nad Labem vorbereitet. „Das ist eine Stadt mit einer ganz eigenen interessanten zeitgenössischen Kunstszene“, so Petr. Aber auch in der Prager Version wird regelmäßig über ausgewählte Aktionen außerhalb der Hauptstadt berichtet.

Die Zeichen stehen auf Wachstum

Als das Projekt immer größer wurde, mussten weitere Mitarbeiter eingestellt werden. Neben den beiden Brüdern sind jetzt noch ein einige Leute in Prag und Brünn mit ArtMap beschäftigt. „Keiner von uns kann aber von ArtMap leben. Wir gehen deshalb zahlreichen anderen Aktivitäten nach um unseren Lebensunterhalt zu verdienen“, beschreibt Petr den wirtschaftlichen Hintergrund des Projektes. „Auf das Projekt selbst wirkt sich das aber positiv aus“.

ArtMap-Playlist auf Youtube

Im Herbst 2012 bezog ArtMap neue, eigene Räume im Prager Zentrum, in der Školská 28. Hier entsteht auch die ArtMap-Buchhandlung. Sie ist als Vertriebskanal für Kunst-Publikationen gedacht, die entweder gar nicht im normalen Buchhandel erhältlich sind oder dort einfach untergehen. Angeboten werden sollen sowohl große repräsentative Monografien als auch Bücher mit niedrigen Auflagen sowie Publikationen über Kunst, Design oder Kunsttheorie. „Wir möchten die Kunstbuchproduktion in ihrer ganzen Breite präsentieren, also mit einer ähnlichen Philosophie wie es beim ArtMap-Projekt der Fall ist. Ich bin davon überzeugt, dass uns die Buchhandlung auch hilft, ArtMap finanziell am Laufen zu halten“, erläutert Tomáš die zukünftigen Pläne.

Darüber hinaus wird der kleine Raum in der Školská auch für weitere Zwecke genutzt werden – geplant sind Vorträge, Filmvorführungen, Workshops, Diskussionen und gesellige Zusammenkünfte. „Es gibt hier am Ort noch mehrere Galerien, mit denen wir gemeinsame Aktionen organisieren möchten. Wir teilen uns einen hübschen Hof, da bietet sich nachbarschaftliche Zusammenarbeit geradezu an“, so Petr.

Zur Zeit entfaltet ArtMap sehr vielfältige Aktivitäten: Im Frühjahr 2013 beteiligt man sich organisatorisch am Prager Galerien-Wochenende, und es wurde eine eigene App für iPhone und iPad entwickelt, die man sich gratis im App Store herunterladen kann. „Jetzt würden wir noch gerne eine Version für Plattformen anderer mobiler Geräte programmieren“, fügt Petr hinzu.

Dennoch liegt ihnen die gedruckte Version der ArtMap am Herzen. „Vielleicht deshalb, weil man sie tatsächlich in der Hand halten kann. Und zu Weihnachten kann man damit sogar Geschenke einpacken“, lacht Petr. „Manchmal begegne ich auf der Straße auch Leuten mit der ArtMap im Arm, das freut mich dann ganz besonders…“

Veronika Rollová
Übersetzung: Ivan Dramlitsch

Copyright: Goethe-Institut Prag
Februar 2013
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