Kultur

Im Rhythmus des Trashfolk

BiorchestrBiorchestr in voller Besatzung. Foto: © Biorchestr

Biorchestr in voller Besetzung. Foto: © Biorchestr

Sie sind zu zweit, aber eigentlich doch zu dritt, manchmal melancholisch, aber immer verspielt und originell. Sie haben zwar herkömmliche Musikintrumente, aber von Zeit zu Zeit spielen sie auch auf dem Leierkasten, auf einer Schaufel, auf leeren Flaschen oder einer chinesischen Flöte. Damit nicht genug, wurde eines ihrer Lieder zur offiziellen Hymne im Mittelschul-Tunier von „Drei gewinnt“. Die Musikgruppe Biorchestr ist ganz entschieden keine Band, die man wieder vergisst. Es sieht eher so aus, als würden wir noch mehr von ihr hören.

Die Geschichte dieser alternativen Brünner Gruppe geht zurück bis ins Jahr 2009, als der Musiker Aleš Pilgr mit seiner künftigen Frau Jana Pilgrová (gebürtige Koukalová) das Duo Biorchestr gründete. Da er schon in den Gruppen Květy und Ty syčáci als Schlagzeuger und Perkussionist gespielt hat, ist er sich absolut im Klaren darüber, wie schwierig es ist, eine Musikkarriere und eine Beziehung unter einen Hut zu bringen. „Ich habe das Glück, dass Jana musikalisch talentiert ist und dafür war, die Sache ins Laufen zu bringen. Von dieser Zeit an gehen wir gemeinsam auf Konzerttour, aus einer kleinen Wohnung haben wir einen Proberaum gemacht und aus den Mitglieder anderer Bands gemeinsame Freunde“, erzählt Aleš.

Musik mit einem Schuss Poesie

Es ist einigermaßen schwer, die Gruppe Biorchestr in eine Schublade einzuordnen, denn in jedem Lied gibt es eine andere Stimmung und Atmosphäre. Sie selbst bekennen sich stolz zum Trashfolk. Aber was soll man sich darunter eigentlich vorstellen? „Das Wort Trash haben wir vom musikalischen Stil des Trash-Metal geklaut, den ich als Kind gehört habe“, erklärt Aleš Pilgr. „In Verbindung mit dem Folk kann ein ganz neues Gefühl entstehen. Darin steckt ein bisschen Spaß, aber auch die Sehnsucht, dass akustische Liedermacher-Musik anders klingen kann“, legt er nach.

Die Texte leben vor allem von ihrem Humor, einer ganz eigenen Sicht auf die Dinge, und oft genug rufen sie das Gefühl hervor, es handle sich um ein Gedicht, das sich zwanglos und gefühlvoll mit der Musik vermählt. Aleš Pilgr bestätigt diesen Eindruck und räumt ein, dass er sich von Zeit zu Zeit ein Gedicht seines Freundes Tomáš Klášterecký „leiht“. „Die Lieder komponiere ich auf der Gitarre, der Mandoline oder einfach so im Kopf. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich mich dafür nicht schämen muss, dann stelle ich sie der Band vor und erkläre, wie sie klingen sollten. Dann arbeiten wir schon gemeinsam daran und denken uns aus, wie wir das angehen“, beschreibt Aleš den Schaffenprozess. Zugleich aber sagt er, dass die endgültige Version ein Ergebnis langer Arbeit und langen Ausprobierens auf den Konzerten ist.

Die Band schränkt sich auch nicht in sprachlicher Hinsicht ein, so dass ab und zu neben dem Tschechischen auch Polnisch erklingt – zum Beispiel im Stück Žyto, das die tschechisch-polnische Sängerin Beata Bocek singt.

„Das Schlagen mit dem Gürtel darf kein Selbstzweck sein“

Biorchestr, das waren am Anfang nur Jana und Aleš. Aber immer häufiger spielten sie mit dem Kontrabassisten Tomáš Jenček, und am Ende ist er ein Mitglied der Band geworden, so dass man sie gegenwärtig nur noch als Trio hören kann. „Das klingt viel lebendiger, der Sound ist viel natürlicher und das macht uns daran Spaß“, sagt Aleš.

Die Band hat drei Platten herausgebracht und gleich die erste von ihnen Nos na stůl (Nase auf den Tisch) hat gezeigt, dass das Biorchestr keine Angst hat zu experimentieren. In vielen Liedern verwenden sie unkonventionelle Instrumente, aber für die Musiker ist immer wichtig, dass die außergewöhnlichen Instrumente nicht zum Selbstzweck werden. „Unser Ziel ist es, dass sie das Stück von der klanglichen Seite her eher ergänzen und nicht entgegen ihrer ursprünglichen Verwendungsweise eingesetzt werden“, erklärt Aleš und erzählt, dass das Lied Zubařka (Zahnärztin), bei dem Jana Pilgrová Hiebe mit dem Gürtel vollführt, die größte Resonanz hat.

Das erste Album ist – so erzählen es die Bandmitglieder von Biorchestr – aus reiner Freude an den Aufnahmen zu Hause entstanden, während das zweite Album Papučka (etwa: Pantoffel) vom Genre her eher ein Spagat ist. „Bei der letzten Platte Umakartové haben wir uns bemüht, ein kompaktes Ganzes zu schaffen, das wie aus einem Guss wirkt.

Aleš und Jana in einer vollkommenen Harmonie. Foto: © Biorchestr

Aleš und Jana in vollkommener Harmonie. Foto: © Biorchestr

Genauso eigenständig wie die Musik des Biorchestr, ist auch die künstlerische Gestaltung der Album-Cover. Die jüngste, schon erwähnte Platte Umakartové enthält zudem das gleichnamige Gesellschaftsspiel, das die Schwester von Aleš Pilgr, Jana Pešková, gedruckt hat. Und woran arbeitet das Biorchestr derzeit? „Demnächst werden wir einen Video-Clip zum Lied Sklenka (Trinkglas) drehen, in dem die Hauptrolle unser Bassist spielen wird. Im kommenden Sommer würden wir dann gern eins Studio gehen, um im Herbst ein neues Album herauszugeben. Das soll dann so ähnlich klingen wie unsere Konzerte“, beschreibt Aleš Pilgr die Pläne der Band.

Übersetzung: Christian Rühmkorf

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Januar 2014
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