Kultur

Eine schöne (Film)-Bescherung!

Falcon
Eine Szene aus dem Film „Přijde letos Ježíšek? (Kommt dieses Jahr das Christkind?)“ Foto: © Bioscop.

Gleich zwei neue Weihnachtsromanzen starten zum Jahreswechsel in den tschechischen Kinos. Lohnt es sich sie anzuschauen? Oder taugen beide nichts? Fragen über Fragen. Hier ein paar Antworten in Form einer Doppelrezension.

Kommt dieses Jahr das Christkind? (Přijde letos Ježíšek?)

Nein, es kommt nicht, wollte ich schluchzen und schreien, als der Abspann lief. Das neue tschechische, liebe Kuschelweihnachtsmärchen Kommt dieses Jahr das Christkind? (Přijde letos Ježíšek? ) der Regisseurin und Drehbuchautorin Lenka Kny ist nämlich überhaupt nicht lieb und kuschelig. Jedenfalls dann nicht, wenn einem für das Wohlfühlgefühl nicht nur die bloße Leinwandpräsenz der tschechischen Wohlfühl-Schauspiel-Altstars Libuše Šafránková und Josef Abrhám genügt. Die beiden stehen im Zentrum einer Geschichte, die dermaßen absurd ist, dass sie sich nur im weihnachtlichen Prag abspielen kann, welches allerdings in ein ziemlich schräges Paralleluniversum transferiert wurde.

Es ist nämlich so: Irgendein unglücksseliger Produzentenboss (Koproduzent des Film ist der Fernsehsender TV Nova) dachte sich, dass es eigentlich eine ganz hübsche Idee wäre, so eine Art tschechische Variante von Tatsächlich…Liebe (Love Actually) zu drehen. Einfach eine von weihnachtlicher Atmosphäre durchtränkte, nach Glühwein vom Altstädter Ring duftende und vor reiner Liebe und leuchtenden Weihnachtsketten strahlende Romanze. Die darin auftretenden rund 15 Personen würden verschiedenen Geschlechtern, Alters- und sonstigen Gruppen angehören, ihre Geschichten würden sich in der vorweihnachtlichen Großstadt auf unterschiedliche Art und Weise verschränken, dazu gäbe es eine Menge Weihnachtsmelodien zu hören und hin und wieder einen witzigen Dialog.

Eigentlich eine schöne Idee. Der Weg in die Hölle ist aber häufig mit guten Vorsätzen gepflastert. Und ja, genau das ist hier passiert: Mit viel filmischem Krampf und Stümperhaftigkeit im Gepäck schreitet der Streifen Kommt dieses Jahr das Christkind? auf direktem Wege in die brennende Hölle. Anstatt eine tschechische Variante von Love Actually zu sein, bewegt sich dieser Film irgendwo zwischen dem Spätwerk der Regisseurin Marie Poledňáková und einem frühmorgendlichen Schlag auf den Kopf, den man mit einer Schneekugel versetzt bekommt.

In dem Film geht es darum, dass die Tochter des tschechischen Emigranten José (Josef Abrhám) nicht schwanger werden kann, deshalb entscheidet seine mexikanische Ehefrau, dass die ganze Familie ins weihnachtliche Prag reist. Dort gibt die Ehefrau das echte Prager Jesulein zurück, das sie zu Hause in Mexiko hatte, und stimmt damit die höheren Mächte gnädig, woraufhin die Tochter endlich schwanger wird. In Prag trifft die ganze Familie dann die Familie von Libuše Šafránková, die frühere große Liebe Abrháms, die einen Sohn hat, der vielleicht der Sohn Abrháms ist und der Abrhám an einer Krippe in einer Kirche begegnet, in der ein verlorengegangenes lebendiges Kind liegt… und so weiter.

Die Handlung lässt sich nicht besonders gut nacherzählen, da sie absolut keinen Sinn ergibt. Das Agieren der Personen ergibt keinen Sinn, die einzelnen Szenen, die keinerlei logische Verknüpfung haben, ergeben auch keinen Sinn. Die Handlung wird durch die absolut unwahrscheinlichsten Zufälle vorangetrieben. Schlussendlich ist das eigentlich auch egal, weil in Wirklichkeit die Handlung nie irgendwohin voranschreitet. Die meiste Zeit passiert in dem Film überhaupt nichts: Es werden Weihnachtslieder gesungen und es werden Erwägungen darüber angestellt, wie viel Erbsen ein Kartoffelsalat verträgt. Zum Schluss kommt es auch zu keiner Katharsis. Abrhám fliegt mit seiner Familie einfach wieder zurück, man erfährt nicht, ob Abrhám der Vater von Šafránkovás Sohn ist. Abrháms Tochter wird schwanger, indem sie einen armen Karpfenverkäufer an der Nase herumführt, sich von ihm schwängern lässt und dann zurück nach Mexiko abhaut. Böse, gemeine, hinterhältige, berechnende und unsympathische Figuren, die wir aber aus einem unbekannten Grund für positive Helden halten und ihnen die Daumen drücken sollen, sind offenbar eine Tradition, die nicht nur den Filmen von Zdeněk Troška zu eigen ist.

Es ist einfach zum Verzweifeln. Das Ganze wirkt wie ein weihnachtlicher Werbespot für einen beliebten tschechischen Softdrink, für den es aber kein ausreichendes Budget gab, so dass schrecklich viele technische Mängel zu sehen sind, und bei dem es schlechte PR-Fritzen und Marketingleute zu verantworten haben, dass die ganze Sache überhaupt nicht witzig sowie ohne Pointe ist und ungefähr so weihnachtlich rüberkommt, wie die Schlangen in riesigen Supermärkten, wenn am zweiten Adventswochenende Backfett im Sonderangebot ist.

In einer der zahlreichen sinnfreien, unverständlichen Szenen erscheinen Fußstapfen im Schnee, die von einem unsichtbaren Wesen verursacht werden. Vielleicht soll das das Christkind sein, eher aber der Zuschauer, der aus dem Kino flüchtet, soweit ihn die Füße tragen…

Křídla Vánoc (Weihnachtsflügel)

Eine erbauliche Weihnachtsromanze will zweifellos auch Křídla Vánoc (Weihnachtsflügel) sein, der neue Film der Regisseurin und Drehbuchautorin Karin Babinská, die 2007 das erfrischende Teenager-Roadmovie Pusinky gedreht hatte. In Křídla Vánoc geht es nicht mehr um die Zeit des Heranwachsens, sondern – voilà – um die ewige Pubertät.

Die Helden dieser Wintergeschichte sind vier Freunde, die sich als Dreißigjährige durch das Leben wursteln. Alle arbeiten sie in einer riesigen Shopping-Mall am Stadtrand und leiden darunter. Der Optiker Tomáš (der Hauptstar des Films, der „tschechische Brad Pitt“, Richard Krajčo) trifft sich auf dem Dach des Einkaufzentrums zu Bier und Zigarette mit Ráďa (David Novotný), dem Verkaufsmanager, der mit seiner vielköpfigen Familie in einer kleinen Wohnung lebt, mit Zajíc (Jakub Prachař), einem erfolglosen Schauspieler, der in einem albernen Hasenkostüm durch die Mall streift, und vor allem mit der unnahbaren Nina (Vica Kerekes), die in dem Einkaufszentrum für Kunden Geschenke einpackt. Dieses mehr oder weniger verlorene Quartett würde ohne weiteres Weihnachten verschlafen, wenn Tomáš nicht ein Engel erschienen wäre, der ihm die Fähigkeit gibt, in die Menschen hineinzusehen. Und nicht nur das, der Engel will auch die Wünsche von Tomáš und seinen Freunden erfüllen. Natürlich auf ganz besondere Art und Weise…

Eine erstaunliche Wendung, oder? Křídla Vánoc würzt die Weihnachtsromanze mit zusätzlichen Fantasy-Elementen. Schade, dass diese Elemente in dem Film ganz unterschiedlich funktionieren, nur eben nicht phantastisch. Zum einen sind sie vollkommen überflüssig: Krajčo nutzt sein „drittes Auge“ niemals richtig aus (zum Beispiel um das freudlose Leben seiner Freunde zu verbessern?). Er gibt diese Fähigkeit unvermittelt auf, in dem er sich eine rosa Brille aufsetzt (Symbolik!), mit der er nicht mehr in die Menschen hineinsehen kann. Die Bühne überlässt er dann einem auf gewisse Weise bösartigen Engel, dessen tieferer Sinn, Identität und Pläne im Verborgenen bleiben. Es sei denn, man gibt sich mit der Redewendung „Be careful what you wish for“ zufrieden, also „Sei vorsichtig, was du dir wirklich wünschst, es könnte in Erfüllung gehen.“

Eine Szene aus dem Film „Křídla Vánoc (Weihnachtsflügel)“ Foto: © Falcon.

Der Fantasy-Überbau verläuft sich im Nirgendwo. Und was ist mit der zu erwartenden Romanze zwischen Tomáš, der in seinem Wohnwagen hinter dem Einkaufszentrum vornehmlich verheiratete Frauen empfängt, und Nina, die Angst davor hat, sich zu verlieben? Man kann es vergessen, auch diesmal findet kein tschechisches Love Actually statt. Die potentiell interessante Liebesgeschichte wird von der Regisseurin nämlich permanent mit kleinen Teilepisoden und Unterhandlungssträngen anderer Figuren konterkariert, wodurch die Aufmerksamkeit zerstreut wird und keine Fokussierung stattfindet. Was bleibt, ist ein komplett zerfranstes Ganzes, das zwar hübsch anzuschauen ist, aber nichts beinhaltet. Oder vielleicht doch, es liegt aber unter tonnenschwerem Ballast begraben.

Auch hier findet also keine Bescherung statt. Wenn ihr also vor die Wahl gestellt würdet – Křídla Vánoc oder Přijde dneska Ježíšek –, dann schaut euch die Weihnachtsflügel an. Der Film ist nämlich nicht ganz so aggressiv dümmlich mit schmerzhaft unmöglichen Figuren. Oder anders gesagt – Kommt dieses Jahr das Christkind? ist wie eine Karpfengräte, die einem im Hals stecken bleibt, während die Weihnachtsflügel nur ein etwas hart gewordener Lebkuchen sind. Und den kann man noch essen…

Das Prager Jesulein oder Prager Jesuskind ist weltweit eines der bekanntesten wundertätigen Jesus-Gnadenbilder. Es befindet sich in der Kirche Maria vom Siege (Kostel Panne Marie Vítězné) im Karmeliterkloster in der tschechischen Hauptstadt Prag. Quelle: wikipedia
Jan Škoda
Übersetzung: Ivan Dramlitsch

Copyright: Goethe-Institut Prag
Dezember 2013

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