Kultur

Poesie in der Öffentlichkeit

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Nimm dir ein Gedicht mit!!! :-) Foto: © Martin Straka

Die Zeiten, als Dichter für die Schublade schrieben oder ihre Verse nur heimlich der Geliebten widmeten, sind lange vorbei. Heute sind die Poeten in den Straßen unterwegs, sie kleben ihre Verse in den öffentlichen Raum und wollen damit vor allem den unbekannten Leser erfreuen. Diese neue Art des Dichtens im öffentlichen Raum nennt sich Guerilla Poetring.

Auf den ersten Blick ist es ein Stück weißes Papier, das an einer Mauer klebt. Es handelt sich jedoch nicht um gewöhnliches Papier, sondern um ein Gedicht für dich. Wenn man sich umschaut, dann ist da niemand anderes. Die Verse gelten also direkt dem Leser, um ihm eine Freude zu machen. Unter der Eisenbahnbrücke, auf dem Bürgersteig, in der Straßenbahn, in den Ästen eines Baumes, auf der Straßenlaterne, auf dem Fernrohr des Rathausturmes – überall dort sind Gedichte versteckt, überall dort lauert Guerilla Poetring. „Trauen Sie sich zu dichten?“, fragt die Dichterin Blanka Fišerová aus Ostrava (Ostrau), als sie mit Klebeband ein Gedicht auf der Motorhaube eines Polizeiautos befestigt. Es ist ihr Verdienst, dass sich die Städte regelmäßig für einen Tag in einen poetischen Irrgarten verwandeln.

Das Grundprinzip des Guerilla Poetring besteht darin, auf originelle Art und Weise Poesie öffentlich zu präsentieren. Ein Mitglied der Guerilla platziert im öffentlichen Raum ein Gedicht für zufällige Passanten, fotografiert es und postet es bei Facebook, damit auch für andere die Möglichkeit besteht, gezielt nach dem Gedicht zu suchen. „Die Idee entstand ursprünglich, als ich darüber nachdachte, wie ich meine Gedichte auf ausgefallene Art und Weise unter die Leute bringen könnte“, erzählt die Gründerin des Projekts Blanka Fišerová. Mit dem Dichten im Zentrum von Ostrava habe ich im vergangenen Jahr während des Straßenfestivals V ulicích (In den Straßen) angefangen. Ich nannte die Aktion Guerilla Poetring, weil das so einen Partisanen-Charakter hatte. Ich will Leuten eine Freude machen, die unter normalen Umständen vermutlich keine Gedichte lesen würden.“

Foto: © Martin Straka
„Trauen Sie sich zu dichten?“ Foto: © Martin Straka

Die Idee hat schnell Fuß gefasst. An der vierten Aktion, die dieses Jahr am Valentinstag stattfand, nahmen bereits über 20 Städte teil. Die fünfte Aktion folgte am Tag der Poesie (21. April), die Partisanengedichte hingen an diesem Tag auch in der Slowakei oder im französischen Lyon. Den bisher größten Einsatz eines Guerilla-Dichters gab es in Ostrava, als im April 113 Gedichte des Dichters Roman Drobiš am Baum hingen.

„Wir leben in einer Zeit, in der es notwendig ist, den Leuten beizubringen auf die Bremse zu treten, mal anzuhalten und durchzuatmen, einen Moment man selbst zu sein und die Schönheit in den kleinen Dingen zu entdecken. Guerilla Poetring ermöglicht genau das“, meint Eleni Akritidu, die in Jeseník ein kleines alternatives Café betreibt und sich dort für die Ideen der Guerilla einsetzt, obwohl sie selbst keine Gedichte schreibt.

Verse aus dem Papierkorb

In Brno konnte man sich davon überzeugen, dass Guerilla Poetring nicht nur eine Handvoll Enthusiasten interessiert. Die dortige Guerilla platzierte 90 Rollen mit Gedichten von neun Dichtern in die Glühbirnen-Skulptur auf dem Malinovský-Platz in der Innenstadt. Die Idee dazu hatte der bildende Künstler und Grafiker Leoš Knotek. „Ich denke, es ist eine gute Angewohnheit der Leute, die sich in Tschechien mit Literatur beschäftigen, dass sie selbst aktiv werden und sich bemühen – sie präsentieren, publizieren, rezensieren und so weiter. Wenn es also so etwas gibt, ist es fast selbstverständlich, dass man mitmacht“, erklärt der Brünner Dichter Pavel Zajíc, warum er an der Veranstaltung teilgenommen hat. Gemeinsam mit Vojtěch Kučera und Leoš Knotek hat er die Gedichte im Brünner öffentlichen Raum installiert.

Foto: © Martin Straka
Foto: © Martin Straka

„Das Gute an Guerilla Poetring ist, dass sie die Lyrik mehr an die Öffentlichkeit bringt, und das ist notwendig, weil es derzeit so aussieht, als würde sich die Lyrik-Szene eher isolieren“, betont Pavel Zajíc. „Es hat mir gefallen, dass schon der eigentliche Akt des Hineinsteckens der Gedichte in die Glühbirnen auf Resonanz gestoßen ist. Die Leute haben spontan angehalten und sich die Gedichte genommen. Es würde uns freuen, wenn auch die Leute einen Weg zur Lyrik finden, die sich normalerweise nicht für Gedichte interessieren. Und die Mitte des Marktplatzes ist ein guter Ort dafür“, so Zajíc über die Brünner Veranstaltung. Nach drei Stunden waren nur noch 30 Gedichte übrig; oft lasene Leute die Gedichte und legten sie dann wieder zurück. Pavel Zajíc hat von der Aktion nur ein hervorragendes Gedicht mitgenommen, das er in einem nahe gelegenen Papierkorb entdeckt hatte. „Das ist das Schöne an dieser Sache“, sagt er und lächelt.

Einfach durch die Stadt tollen

Guerilla Poetring ist nicht nur für Dichter, sondern etwa auch für die, die ihre Gedichte mit einer Melodie schmücken wollen. Wie zum Beispiel Tereza Holušová und Jakub Vank mit ihrem Ostrauer Musik-Poesie-Projekt Azaret. „Guerilla Poetring ist vor allem deshalb sinnvoll, weil es frei ist, weil es dabei um Gedanken- und Meinungsfreiheit geht. Wir konnten auf diese Art und Weise unsere Texte, Lieder und Motive frei verbreiten. Es ist immer schön, vorher nicht zu wissen, was passiert, einfach so durch die Stadt zu tollen, um jemanden zum Nachdenken zu bringen oder einfach nur so eine Freude zu machen“, schwärmt Tereza Holušová von dem Projekt. Blanka Fišerová bringt die Dichter mit den Musikern im Rahmen des Projekts Poezie v barvách (Poesie in Farben) zusammen. Dabei handelt es sich teilweise auch um Improvisationen, da sich die Künstler oft nicht kennen. Daraus entstehen inspirierende Auftritte.

Eine Reihe von Dichtern begreift diese Aktion lediglich als Möglichkeit, Werbung für sich selbst zu machen, andere lehnen das im Gegenteil ab. Die Bedeutung und die Auswirkungen des Guerilla Poetring werden sich jedoch erst mit einem gewissen zeitlichen Abstand zeigen: „Die Bedeutung für die Lyrik allgemein kann ich nicht einschätzen. Darüber hinaus ist das eine Momentaufnahme, der Zauber des Augenblicks und vielleicht auch eine Provokation, um Menschen zum Nachdenken anzuregen. Für mich bestand die Motivation nicht nur darin, die eigenen Gedichte zufälligen Lesern nahezubringen, sondern es war auch eine Möglichkeit, aktuell auf die Dinge zu reagieren, die in unserer Gesellschaft, unserer Kultur, unserer Welt geschehen. Auch um den Preis einer gewissen Grenzüberschreitung“, sagt Blanka Fišerová.

Foto: © Martin Straka
Ein Gedicht auf dem Fernrohr des Rathausturmes von Ostrava, Foto: © Martin Straka

Ein Gedicht zum Frühlingskuss

Die nächste Gelegenheit, Gedichte unter die Menschen zu bringen, wird der Tag der Verliebten am 1. Mai sein. Dabei muss es jedoch nicht nur ausschließlich um die Liebe gehen. „Ich werde Gedichte platzieren, die sich zur Gegenwart äußern und werde dafür Orte suchen, die mit Konsum und dem Mainstream zusammenhängen“, erklärt Blanka Fišerová, die kürzlich auch persönlich Gedichte an Menschen in den Straßen und Parks verteilte.

„Ich würde in Zukunft gern Guerilla Poetring mit dem Musikfestival Colours of Ostrava verbinden. Und man kann sich wieder auf einige Überraschungen gefasst machen“, lässt Blanka Fišerová zunächst offen, wie ihre nächste Guerilla- Aktion wohl aussehen wird.

Iva Grajcarová, Lenka Požárová, Pavel Kotrla, Pavel Zajíc, Norbert Holub, Miroslav Olšovský, Radek Štěpánek, Václav Vomáčka und Vojtěch Kučera
Ester Dobiášová
Übersetzung: Ivan Dramlitsch

Copyright: Goethe-Institut Prag
April 2014

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