Kultur

Alles ist Inspiration

Foto: © Martin SteffenFoto: Roger Murmann, CC BY 2.0
Kai Meyer (rechts) mit Fans bei einer Autogrammstunde, Foto: Roger Murmann, CC BY 2.0

Er ist einer der bekanntesten Fantasy-Autoren in Deutschland. Einige Leser sagen sogar, Bücher von Kai Meyer hätten ihnen geholfen, schwierige Lebenssituationen zu meistern. Valentina Paneková hat Kai Meyer danach gefragt.

Sie haben Theater- und Filmwissenschaften studiert und auch als Journalist gearbeitet. Wann hatten Sie das erste mal die Idee, eine Fantasy Geschichte zu schreiben?

Mit elf, nachdem ich Der Herr der Ringe gelesen habe. Ich setzte mich hin und schrieb auf der alten tragbaren Schreibmaschine meiner Eltern meine erste Fantasygeschichte. Sie hieß Das goldene Schwert und sie liegt noch in einer Kiste in meinem Arbeitszimmer, so wie alle Kurzgeschichten und Romananfänge, die ich als Teenager geschrieben habe.

Was inspiriert Sie bei der Arbeit? Wo kommen die Ideen her?

Alles ist Inspiration. Eine Reportage im Fernsehen, ein Artikel in einer Zeitschrift oder im Internet, ein Buch, ein Film, jegliche Form von Geschichte, die ich mir – egal in welcher Form – erzählen lasse. Das können Sachtexte sein, Interviews oder Fiktionales. Dazu kommen Beobachtungen und Erlebnisse im Alltag, wobei die in meinen Büchern eher eine untergeordnete Rolle spielen.

Wie lange haben Sie das Buch „Frostfeuer“ geschrieben?

Ich hab es etwa vier bis sechs Wochen lang recherchiert und Szene für Szene konzipiert und danach in etwa drei Monaten den Roman geschrieben.

Wie sieht der Arbeitstag eines Schriftstellers aus? Haben Sie einen Plan – zum Beispiel wie viele Seiten Sie täglich schreiben – oder überlassen Sie es nur der Inspiration?

Der Inspiration überlasse ich mich nur bei der Konzeption eines Romans, wenn ich vorab ein sehr ausführliches Exposé – also eine Art Zusammenfassung – schreibe. Das hat meist etwa vierzig bis fünfzig Seiten. Daran hangele ich mich beim Schreiben entlang, es ist das Grundgerüst des Buchs. Wenn ich dann am eigentlichen Roman schreibe, versuche ich, zehn Manuskriptseiten am Tag zu schaffen, von Montag bis Freitag, niemals am Wochenende.

Sie haben mehr als 50 Bücher geschrieben, die in Dutzende Sprachen übersetzt werden. Wie wirkt es sich beim Schreiben aus, dass die Bücher auf der ganzen Welt gelesen werden?

Gar nicht. Ich denke beim Schreiben nicht daran und auch später erst, wenn ich einen Vertrag für das jeweilige Land unterschreibe. Ich nehme Übersetzungen nicht als selbstverständlich hin, sie sind ein Bonus, aber nichts, mit dem ich rechne. Weder inhaltlich, noch finanziell. Wenn ein Verlag in einem anderen Land das Buch herausbringen will, freue ich mich natürlich – aber es ist nach wie vor keine Selbstverständlichkeit.

Viele Ihrer Bücher haben weibliche Heldinnen. Was ist der Grund dafür?

Die Frage wird mir oft gestellt, wobei der Eindruck täuscht: Ich habe auch viele Bücher mit männlichen Hauptfiguren geschrieben, und selbst die anderen haben oft wichtige männliche Nebenfiguren, aus deren Sicht ganze Stränge der Romane erzählt werden. Aber unabhängig davon mag ich starke weibliche Charaktere, auch im wahren Leben, und fühle mich mit ihnen oft wohler als mit Männern. Am Ende ist es wahrscheinlich einfach eine Sympathiefrage.

Trailer zum Film „Das Gelübde“ nach einem Roman von Kai Meyer.

Das Buch „Das Gelübde“ wurde verfilmt. Wie ist es für einen schreibenden Autoren, die Geschichte auf der Leinwand zu sehen? Waren Sie zufrieden?

Ja, ich war sehr zufrieden. Der Regisseur Dominik Graf ist einer der besten deutschen Filmemacher, ich war schon vor über zwanzig Jahren ein großer Fan von ihm. Um so toller war es, als er 2001 anrief und fragte, ob er Das Gelübde verfilmen dürfe. Es hat dann noch einmal sechs Jahre gedauert, bis die Dreharbeiten begannen. Das Filmgeschäft ist unglaublich träge – erst am ersten Drehtag verfallen plötzlich alle in Hektik und Stress.

Den Film mag ich sehr, auch wenn er – wie die meisten Filme – an vielen Stellen von der Vorlage abweicht. Aber es sind noch meine Geschichte und meine Figuren, und Dominik hat einige Elemente hinzugefügt, die sich sehr gut in die Handlung einfügen.

Würden Sie uns bitte ein Erlebnis schildern, das Sie mit Ihren Lesern erlebt haben?

Am beeindruckendsten sind sicher die Signierstunden auf den beiden großen deutschen Buchmessen, in Frankfurt und Leipzig. Dort stehen Hunderte in der Schlange vor meinem Signiertisch und warten oft ein, zwei Stunden auf eine schlichte Unterschrift in ihrem Buch. Ich finde diese Geduld und Freundlichkeit dabei immer sehr eindrucksvoll.

Schön ist auch, wenn mir jemand erzählt, wie er durch meine Bücher ein Problem in seinem Leben gemeistert hat – einfach nur, weil ihm die Geschichte und die Haltung der Helden Mut gemacht haben.

Gibt es einen „deutschen Fantasy Stil“? Was macht die deutsche Fantasy besonders?

Den gab es einmal vor hundert Jahren, als die moderne deutschsprachige Phantastik in Prag geboren wurde – durch Kafka, Gustav Meyrink, Paul Leppin und andere. Aber diese Art von Phantastik hat keinen großen Einfluss mehr auf die heutigen Autoren. Es gibt zwar einige, die sich an diesem Stil und dieser Art von Geschichten versuchen – ich selbst habe das auch schon gemacht, etwa in Das Zweite Gesicht oder Der Schattenesser –, aber viele sind eher von internationaler Fantasy geprägt. Allerdings gibt es seit einigen Jahren offenbar einen Trend, wieder von der epigonalen Tolkien-Fantasy wegzugehen und dunklere Phantastik zu schreiben, auch Horror, der in Deutschland spielt. Das ist dann schon wieder näher an der Stimmung in den Werken von Kafka und Kubin.

Was würden Sie gerne Ihren tschechischen Lesern ausrichten?

Dass ich mich freuen würde, wenn noch weitere meiner Bücher auf Tschechisch erscheinen würden, ich darauf aber leider keinen Einfluss habe. Ich würde gerne Die Alchimistin auf Tschechisch sehen (der dritte Band ist eine einzige Liebeserklärung an Prag), aber auch viele der anderen wie Die Sturmkönige oder Phantasmen.

Das Gespräch führte Valentina Paneková

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Mai 2014
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