Kultur

Stalken erlaubt

Quelle: kareneliot.deQuelle: kareneliot.de
Quelle: kareneliot.de

Die Künstlerin Karen Eliot aus Köln hat 2012 die Zugangsdaten zu ihrem Facebookprofil öffentlich gemacht. Jeder kann sich in ihrem Namen einloggen, posten und Nachrichten schreiben. Über die Schönheit von Schwarmintelligenz und die Schwierigkeiten des Projekts.

Karen Eliot ist heute Abend mies drauf. Sie weiß nicht, ob sie jetzt ein Interview geben soll, das wäre dann mit „ziemlicher Sicherheit nur deprimierend“. Vorhin nämlich schrieb jemand: „So, hab jetzt Feierabend euch noch nen schönen Abend und Karen? ERHÄNG DICH!“ Aufruf zum Selbstmord ist ihr schon öfter untergekommen, diesmal der Grund: Sie hat jemanden kritisiert, der in einer sozialen Tauschbörse kommerzielle Werbung postete. Da ticken manche eben aus. Deswegen hat sie jetzt das normalerweise öffentlich zugängliche Passwort geändert, den Account also dicht gemacht, um ihn vor weiteren „Angriffen“ zu schützen. Denn das Profil Karen Eliot ist fragil, es kann austeilen, aber nicht einstecken.

Das erste Mal in Karens Profil eingeloggt, beschleicht den Nutzer ein seltsames Gefühl: Befugtes Ausspionieren von einem ganz und gar fremden Account! Doch schnell entwickelt man ein gewisses Interesse an den privaten Nachrichten: schon interessant, mit wem sich Karen über den Nahostkonflikt unterhält. Auch kann man nun ungestört alles kommentieren, wozu man immer schon seinen Senf geben wollte, sich aber in der eigenen Haut nicht traute. In Karens aber sehr wohl.

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Kein Körper, keine Eltern, keine Familie, keine Kinder

Die Karen Eliot gibt es aber eigentlich gar nicht. Sie hat – so sagt sie es über sich selbst – „keinen Körper, keine Eltern, keine Familie, keine Kinder“. Denn Karen Eliot ist eine multiple Identität: ein Pseudonym, das Künstler seit 1985 benutzen, um gemeinsam und in vollkommener Anonymität zu schöpfen – also gegen die Vorstellung, ein jeder Künstler stehe für Individualität oder für eine ganz eigene, besondere Darstellung in der Kunstszene. Somit sei nur noch das Werk an sich wichtig.

Und doch steht hinter dieser Karen Eliot eine einzelne Person: zwei Tage nach dem vereinbarten Interview kratzt sie das Klebeband von ihrer Webcam und gewährt der Reporterin Einblick in ihr Kölner Wohnzimmer. Eine junge Frau, an den Armen trägt sie Tattoos – einen Körper hat sie also sehr wohl. Das erste, was sie sagt: „Deine Webcam geht nicht, was hast du denn für einen Datenverkehr? Mach mal Facebook zu, dann müsste es gehen.“ Das Netz ist für sie schon lange kein Neuland mehr. Sich selbst nennt sie einen „Datenfreak“ und ihre Kunst „sehr politisch“.

Indem sie ihr Facebook-Profil freigab thematisiert die Künstlerin vor allem den Begriff der Privatsphäre. Einerseits kann sich jeder anonym austauschen, andererseits hat sie selbst zu spüren bekommen, was es heißt, das eigene virtuelle Leben zur freien Verfügung zu stellen. Heute weiß sie: „Ich mache Kunst, aber ich bin ja auch noch ein Mensch.“ Der Facebook-Account ist nun also öffentlich, E-Mails und andere Netzwerke gehören nur ihr. Obwohl: „Wirklich wichtige Sachen bespreche ich nicht über das Internet. Ich will nicht, das NSA und Co. mitlesen.“

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Viele sehen die Freiheit als Bedrohung

Auf ihrer Webseite gibt es eine Liste „Brothers and Sisters“, auf der andere Künstler mit dem Namen Karen Eliot aufgeführt sind. Daneben steht ihr eigenes Portfolio zum Download bereit.

Schon 2012 trat sie auf Facebook zum ersten Mal als Karen Eliot auf und hatte durch eine Kunstaktion vor allem Zulauf von Künstlern und Netzaktivisten. Das ist bis heute so geblieben: Das Profil ist heute mit Gruppen wie Occupy Köln, Freie Kunst, Anonymous oder Konsumkritik verlinkt. Karen behauptet zwar, dass auch Hamburger Prostituierte oder Münchner Golfspieler den Account nutzten, trotzdem beziehen sich die geposteten Beiträge und Kommentare hauptsächlich auf Politik oder Kunst, oder beides. Erreicht Karens Profil also doch nur die elitäre Schicht, aus der sie selbst stammt?

Werbung möchte Karen Eliot dennoch nicht machen. „Durch Werbung erreiche ich nur eine von mir gewählte Zielgruppe, ich möchte mir aber eine Community peu à peu durch Mundpropaganda aufbauen. Aber natürlich wäre es toll, wenn sich die Nutzer mehr mischen würden. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass ‚normale‘ Leute oft nicht im Stande dazu sind, diese Art von Meinungsaustausch oder Gemeinschaft zu schätzen und zu verstehen. Die meisten ‚dieser‘ Leute versuchen dann, das Konto zu löschen oder einmal hat jemand alle Freunde entfernt. Zwei Wochen habe ich gebraucht, um sie wieder hinzuzufügen.“ Viele sähen die Freiheit als Bedrohung.

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Auch du bist Karen Eliot

Karens Profil ist eine tolle Gelegenheit zum Austoben der Schwarmintelligenz: gemeinsam Demos organisieren oder einfach Werbung für die nächste Party zu machen. Künstlerisch gesehen bleibt jedoch offen: Macht sich Karen nicht das nunmehr fast 30 Jahre alte Prinzip des kollektiven Pseudonyms zu eigen, weil sie nicht an eine andere Karen Eliot andockt, sondern ihr eigenes Projekt unter dem Kollektivnamen verkauft? Stellt man diese Frage als Statusmeldung online, folgen nur wenige Antworten: „finde es in Ordnung“ und „naja, verkaufen ist auch etwas problematisch als karen eliot. da macht ne hausfrau mit seidenmalerei mehr kohle“.

Nun geht es aber nicht um das ökonomische, sondern um das künstlerische Produkt. So bleibt fraglich, weshalb die Künstlerin den Usern nicht freien Lauf lässt, sondern sich in das Projekt einmischt und es bemuttert. Denn somit ist das anonyme, kollektive Schaffen letztlich doch nur auf die eine Person zurückzuführen, die schlechte Laune hat, wenn man ihr den Tod an den Hals wünscht. Diese Kritik ist im Übrigen gerechtfertigt, auch vor der Künstlerin selbst. Bevor sie wieder ihre Webcam zuklebt sagt sie: „Vergiss nicht: auch du bist Karen Eliot. Du kannst in deinem Artikel schreiben, was du willst, du hättest nicht einmal ein Interview mit mir machen müssen: Du darfst auch alles erfinden.“

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September 2014

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