Kultur

Reflexionen mit Licht

Foto: © Anna Nádvorníková | Nakladatelství HostFoto: © Anna Nádvorníková | Nakladatelství Host
Jan Němec, Foto: © Anna Nádvorníková | Nakladatelství Host

Was ist eigentlich genau der Unterschied zwischen einem Roman, einem Gemälde und einer Fotografie? Liest man den Debütroman „Geschichte des Lichts“ von Jan Němec, dann kommt man nicht umhin, zu überlegen, wie es genau zusammenhängt, dass bestimmte Kunstformen gerade in einer bestimmten historischen Situation funktionieren; oder eben auch nicht...

Auf der Buchmesse in Prag wurde im Mai 2014 zum dritten Mal der Preis Česká kniha verliehen. Eines der Ziele dieses Preises ist es, eine Übersetzung des ausgezeichneten Buches in andere Sprachen zu fördern. Der Preis ging in diesem Jahr an den Roman Dějiny světla (Geschichte des Lichts) von Jan Němec. Es handelt sich um das Romandebüt des Brünner Autors handelt, der zuvor bereits Gedichte und Erzählungen veröffentlicht hatte.

© Nakladatelství HostDie Handlung von Geschichte des Lichts folgt der Lebensgeschichte des Fotografen František Drtikol. Als erster tschechischer Künstler brachte Drtikol die Aktfotografie in die Museen, als Art-Deco-Fotograf wurde er in den 1920er Jahren weltberühmt. Später wandte Drtikol sich aber von der Fotografie ab – und dem Buddhismus zu. Ein Teil des Romans widmet Němec auch dem Studium, das Drtikol um 1900 an der Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie in München absolvierte.

Man kann aber keinesfalls schlicht von einer fiktionalen Künstlerbiographie sprechen, die Art und Weise, wie der Stoff zum Roman verarbeitet wurde, ist immer wieder überraschend. Der Aufbau folgt zwar zunächst der Chronologie des Künstlerlebenslaufs, dennoch entsteht im Ganzen ein Fresko aus berichtenden Absätzen, Vorträgen, Gesprächen, Traumsequenzen, Gedankengängen, die sich mit Leichtigkeit verbinden und jeweils ineinander greifen. Die Erzählerstimme des Romans spricht dabei den Künstler, dessen Leben sie so nah begleitet, mit Du an – eine ständige Dialogsituation, die den Leser umso mehr hineinzieht in die Fragen nach Kunst, Alltag und der Suche nach dem eigenen Weg.

Erhellend

Eine Hauptrolle spielt im Roman auch das Licht selbst. Es entzündet sich zu Beginn als Brandkatastrophe in den dunklen Silberminen von Drtikols Geburtsort Přibram, macht dann seinen Weg über die Hürden des gesellschaftlichen Misstrauens gegen die fotografische Kunst hin zu Weltruhm und wird zum Licht der Öffentlichkeit, um sich gegen Ende wieder zurückzuziehen, sich nach innen zu wenden und als Suche nach spiritueller Erleuchtung nun das Schattendasein des Fotografen symbolisch weiter zu begleiten. Der Leser taucht zum einen in die Geschichte der Fotografie ein, darf sich zum anderen der Geschichte des Lichts hingeben, des Lichts als Symbol, Metapher, als Feld teilweise jahrhundertealter Bedeutungsdimensionen. Licht als Erkenntnis, Licht als Erleuchtung, Licht ins Dunkel bringen, Suche nach dem Licht der Wahrheit, Experimentieren mit Perspektiven und Reflexionen, immer begleitet von historischem Kontext, Einfluss der technischen Möglichkeiten, des gesellschaftlichen Fortschritts, der Moderne.

So handelt Geschichte des Lichts unentwegt von der Form: Warum rief die Fotografie als neue Kunstform Misstrauen hervor? Wie ändert sich die gesellschaftliche Reflexion mit dem Entwickeln anderer Formen, in denen künstlerisch gearbeitet wird? Arbeitet der Fotograf mit dem Licht oder arbeitet das Licht mit dem Fotografen? Ist das Objektiv denn objektiv? Ist das Fotografieren so etwas wie das Vollschreiben eines Notizbuches, nur mit Licht? Braucht man noch Gedichte und Gemälde, wenn es Fotografien gibt? Was passiert, wenn eine neue Kunstform entsteht, wie hängt sie mit dem technischen Entwicklungsstand der Gesellschaft zusammen und wie wirkt sie wieder zurück und verändert die Art und Weise, wie die Menschen die Realität wahrnehmen?

Auch auf die eigene Form und ihr aktuelles Potential wirft dieses Buch damit ein besonderes Licht, denn es ist ja gerade ein Roman, der diese Themen verhandelt und die bildreiche Geschichte präsentiert, mit allen seinen erzählerischen Möglichkeiten sowie den offenen Fragen nach den Grenzen des Erschaffens von Bildern durch Wörter. Eine Kunstform muss innerhalb des konkreten gesellschaftlichen Kontextes auch mit ihren Grenzen umzugehen suchen. Das künstlerische Dasein des Lichts in dieser Geschichte erweist sich durchaus auch als problembehaftet, mit den großen Visionen, auf die wiederholtes Scheitern folgt. Dieser Widerspruch tritt doch gerade in unserer flexibilisierten Welt immer wieder zutage: Agiert eine neue Kunst als Gegenbewegung, so schafft sie zunächst neue Freiräume, doch je mehr sie sich Gehör verschafft, desto weniger kann sie Gegenbewegung sein, wird tendenziell vereinnahmt und verliert ihr kritisches Potential.

Leseprobe aus dem tschechischen Original, einen Auszug in deutscher Übersetzung gibt es unter diesem Artikel als pdf-Download.

Und Reflexionen mit Worten?

Um mit diesem Widerspruch umzugehen, bemüht man doch oft eine weitere Licht-Metapher: Die Reflexion – und literarische Sprache kann eines der vielen Mittel dieser Reflexion sein. Für das Licht gesprochen: Unsere Augen brauchen zum Sehen Licht und das Sehen ist mit dem Erkennen von Dingen verknüpft. So stellt es sich zunächst mal auf der Handlungsebene des Romans dar. Aber nicht nur Licht und visuelles Wahrnehmen, auch die Sprache ist mit der Möglichkeit von Erkenntnis verknüpft, und dies ist der Schritt zur selbstreflexiven formalen Ebene des Romans. Es ist auch bei literarischen Kunstwerken zu beobachten, dass sie manches Mal ausbleichen, wenn sie sich ins Rampenlicht emporkämpfen. Das kritisierend kantige und progressive Potential von Sprache funktioniert im Halbdunkel manchmal besser, wo man genauer hinsehen muss und wo nicht so viele andere Lampen und Leuchtschriften ablenken.

Jan Němec, geb. 1981, arbeitet in Brno als Redakteur der Zeitschrift Host und schreibt für die Wochenzeitung „Respekt“. Mit einem Erzählungsband war er 2009 bereits für den Jiří-Orten-Preis nominiert. Der Roman Dějiny světla (Geschichte des Lichts) erschien 2013 im Verlag Host. Da er bislang seinen Weg über die Grenze noch kaum gefunden hat, stellen wir eine von Lena Dorn ins Deutsche übersetzte Leseprobe zur Verfügung. Der betreffende Ausschnitt spielt in München und damit in Drtikols Studienzeit, während welcher er in eine neue Reflexionsphase über das Licht und die Möglichkeiten der Fotografie eintritt.

Download SymbolLeseprobe aus Dějiny světla (Geschichte des Lichts) in deutscher Übersetzung (PDF, 190 KB)

Lena Dorn

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
September 2014

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