Kultur

Heute kocht ein Mexikaner

Foto: © Vítek GroeslFoto: © Vítek Groesl
Der Mexikaner Carlos Carmonamedina hat diesen und weitere fotogene Leckerbissen im Rahmen des Projekts „Fooding Plzeň“ zubereitet. Foto: © Vítek Groesl

Im Flussschwimmbad am Ufer der Radbuza in Plzeň (Pilsen) schwimmt schon lange niemand mehr. Und wahrscheinlich wird hier nie wieder jemand schwimmen. Wenn heute Besucher kommen, dann haben sie keine Badesachen dabei, sondern Besteck.

Ein aus einer Gurke geschnitzter Hai taucht aus dem Teller hervor und erinnert dabei an sein gefürchtetes Vorbild aus der Natur, wenn es auf seinem Raubzug die Wasseroberfläche durchbricht. Auf dem Teller nebenan hat sich eine Paprika in Gestalt eines Tintenfischs niedergelassen. Die Tische sind reichlich gedeckt, denn auch das Essen soll auf den Fotos voll zur Geltung kommen. Zuerst wird fotografiert, dann gegessen. Der Star des Tages sind aber nicht die „Fotomodelle“, sondern der Koch.

Der Mexikaner Carlos Carmonamedina hat all die fotogenen Leckerbissen im Rahmen des Projekts Fooding Plzeň zubereitet. Der Künstler erhielt eine mehrmonatige Residenz in Plzeň, die durch das Projekt Europäische Kulturhauptstadt 2015 unterstützt wird. Den Sommer über kochte er regelmäßig auf dem Gelände des Schwimmbads. Mal geht es ihm beim Kochen vor Allem um die Optik unter dem Motto Fotofood. Dann wieder bereitet er einen Salat aus Pflanzen zu, die er am Straßenrand sammelt, oder er kocht eine Suppe nach traditionellem Rezept. Der Titel Sunday Soaps verrät dabei bereits, dass im Schwimmbad wohl öfters ein Süppchen gekocht werden soll. Die türkische Suppe, die er im August servierte, war für viele Besucher vielleicht eine Überraschung. „Ich mag sie gern. Ich koche oft mexikanische Gerichte und wollte eine Abwechslung,“ erklärt Carlos seine überaschende Wahl.

Und womit verbringt Carlos seine Tage in Plzeň sonst? Er kreiert, kocht oder sammelt Rezepte, wie übrigens schon an allen anderen Orten des Planeten, an denen er war. Lange Zeit verbrachte er zum Beispiel in Rumänien, das ihn stark beeindruckt hat. Wo er in Europa schon überall war? „Ich zähle lieber die Länder auf, in denen ich noch nicht gewesen bin, das ist einfacher“, antwortet Carlos mit einem Lächeln.

Es ist kein Zufall, dass der Künstler in Plzeň kocht. Essen und Gastronomie sind für ihn ein wichtiger Teil des kulturellen Lebens, genau wie das Reisen. Er beobachtet das kulturelle Geschehen und zieht Vergleiche. Welche Unterschiede gibt es zum Beispiel zwischen der europäischen und der mexikanischen Kultur? „In Europa wird die Hochkultur stärker gepflegt, die Galerien sind voll, es gibt Denkmäler und Ähnliches. In Mexiko dagegen sind die Galerien zwar halb leer, aber dafür ist die Kultur des Volkes lebendiger. Sie lebt überall auf den Straßen, seien es die der Großstädte oder der kleinen Dörfer.“ Etwas Ähnliches soll nämlich in Plzeň entstehen. „Es ist wichtig für uns, dass sich der Akt des Schaffens im öffentlichen Raum abspielt, damit die Menschen dabei sein können. Sie sollen sehen, wie ein Werk entsteht, wo der Künstler seine Inspiration erhält und warum er so vorgeht, wie er es tut. Sie sollen den Schaffensprozess miterleben.“ sagt Tereza Svášková. Sie ist Koordinatorin für die Künstleraufenthalte in Plzeň für das Projekt Europäische Kulturhauptstadt 2015.

Abgestimmt wird mit Löffeln

Auf dem Gelände des Schwimmbads hört man die Gäste hier Italienisch, dort Slowakisch und natürlich Englisch und Tschechisch sprechen. Alle Gäste des Pilsener Schwimmbads verbindet Eines: das Interesse am Essen. Trotzdem ist das Kochen und Verspeisen der Suppe nicht der einzige Programmpunkt des Abends. Während der Veranstaltung haben sich vier wohltätige Initiativen vorgestellt und das Publikum sollte die beste auswählen. Am Ende hoben alle zur Abstimmung die Löffel, mit denen sie ihre Suppe gegessen hatten. Der Sieger bekam eine Spende für die Unterstützung seines Projekts. Das Geld stammte aus den Einnahmen für die Suppe.

Vítek Groesl
Übersetzung: Hanna Sedláček

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Oktober 2014

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