Kultur

Der gute Mensch lebt noch

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Robert Seethaler 2013 auf einer Lesung in München, Foto: Leseskreis, CC0 1.0

Wie soll man im Wien der Nazizeit erwachsen werden, überleben und dabei nicht wahnsinnig werden? Mit seinem Buch „Trafikant“ stellt sich der österreichische Schriftsteller, Drehbuchautor und Schauspieler Robert Seethaler (*1966) zum ersten Mal der tschechischen Leserschaft vor.

Der Roman, der 2012 bereits auf Deutsch erschien, und der jetzt in tschechischer Übersetzung vorliegt, ist nicht Seethalers erster. Und für das Thema musste er wahrhaftig nicht in die Ferne schweifen. Mutig hat er ein schwarzes Kapitel der Geschichte Österreichs und seiner Geburtsstadt Wien aufgeschlagen und erzählt uns von der Machtergreifung der Nazis. Seine Geschichte hat er auf einem historischen Grundriss erbaut und sie mit mehreren realen Figuren bevölkert, an deren Spitze Professor Sigmund Freud steht. Historischer Augenzeuge, als mit den Worten Hamlets „die Zeit (...) aus den Fugen [ist]“, ist jedoch die rein fiktive Gestalt eines Jungen vom Land. Dieser muss unter den widrigsten Umständen in Wien erwachsen werden.

Die Schilderungen beginnen mit dem Jahr 1937, in dem Franz’ Mutter ihren Sohn zu Bekannten in die österreichische Metropole schickt und enden mit der Ankunft der alliierten Bomber über Wien am Montag, dem 12. März 1945. Franz Huchel aus der malerischen Gegend mit dem Namen Salzkammergut ist unerfahren und nicht allzu scharfsinnig, aber ehrlich und liebenswürdig. Er wird zum Gehilfen des Kriegsverteranen Otto Trsnjek, der seit 1919 Besitzer eines Tabakladens (öst. Trafik) im Zentrum von Wien ist. Franz gelangt zu einer Zeit in die österreichische Metropole, als in den Gesprächen der Wiener Bemerkungen über Juden, Bolschewismus, Sozis und Nazis immer häufiger fallen. Ihn selbst beschäftigen aber vielmehr die opulenten und vielfältigen Eindrücke seiner neuen Umgebung. Diese schildert der Autor mit ungewöhnlichem sprachlichem Einfallsreichtum und in sinnlicher Farbpracht:

Und in diesem Moment nahm er den Gestank wahr. Unter dem Straßenpflaster schien es zu gären, und darüber waberten die verschiedensten Ausdünstungen. Es roch nach Abwasser, nach Urin, nach billigem Parfüm, altem Fett, verbranntem Gummi, Diesel, Pferdescheiße, Zigarettenqualm, Straßenteer.

Der Lehrling des Trafikanten und Freund von Freud

© Verlag Kein & AberDie Wahl des Schlüsselmotivs der gesamten Geschichte stellt sich als überaus passend heraus: Der Tabakladen ist ein glaubwürdiger Ort für die Zusammenkunft von Leuten unterschiedlicher sozialer Stellung, politischer Orientierung und Glaubensrichtung. Außerdem fungiert er auch als Schaufenster des weiten Spektrums der Druckmedien. Die stetige Veränderung der Kundschaft und häufige Zitate aus der zeitgenössischen Presse (hier wird – zumindest aus Sicht der angesprochenen Leserschaft – das gesamte Angebot der damaligen Zeitungen und Zeitschriften namentlich genannt und kurz charakterisiert) scheinen außerhalb der Romanhandlung zu stehen. Sie sind jedoch aussagekräftiges Spiegelbild der geschilderten geschichtlichen Etappen.

Den jungen Lehrling des Trafikanten plagen die gesellschaftspolitischen Fragen jedoch weniger. Ihn beschäftigen vielmehr die unglückliche Liebe zu einem anziehenden und recht wilden Mädchen und dessen unberechenbare Gefühle. Einige wenige Augenblicke der Lust muss Franz mit zahlreichen Momenten der Enttäuschung und Trauer bezahlen. Für den tschechischen Leser ist sicher die Tatsache von Bedeutung, dass der Name dieses Mädchens Anežka lautet. Hier wird sachte das Thema von der Ausbreitung des tschechischen Elements in Wien in die Geschichte eingeführt.

Eine weitere essenzielle Figur des Romans und Franz’ Leben stellt Sigmund Freud dar. Dieser wird fast automatisch zum Mentor des Protagonisten. Die Beziehung der beiden Figuren lässt sich selbstverständlich nicht in das sich anbietende Schema einer Lehrer-Schüler-Konstellation einordnen, denn in ihren Gesprächen stellen sie sich eher als ebenbürtig heraus. Wenn Freudianische Intelligenz und Bildung über Franz’ gesunden Bauernverstand stolpern, verkehren sich die Verhältnisse sogar ins Gegenteil! Der junge Mann scheut sich nämlich nicht einmal vor dieser anerkannten, wissenschaftlichen Kapazität sein eigenes Urteil über die unterschiedlichsten Themen zu verkünden. Dies tut er mit der ihm eigenen entwaffnenden Ehrlichkeit und Kühnheit:

Stimmt es, dass Sie den Leuten ihre Schädel wieder gerade richten können? Und ihnen hernach beibringen, wie ein ordentliches Leben ausschaut?

Das Altern Freuds und besonders dessen Auswirkung auf die physische Hülle des Professors wird im Buch reichlich thematisiert, angefangen mit Freuds jahrelangem Leid durch die künstliche Zahnprothese bis hin zum allgemeinem Eindruck der Zerbrechlichkeit. Der Autor stattet Freud darüberhinaus mit starken Zweifeln an seiner eigenen Lehre der Psychoanalyse aus. Diese Zweifel werden durch die regelmäßigen Treffen mit dem bodenständigen Franz noch vertieft.

Wien als Kulisse für Juden und Nazis

Im Roman repräsentiert Freud außerdem das jüdische Volk, das sich gerade an der Schwelle einer historischen Katastrophe befindet. Der Professor selbst ist sich der nationalsozialistischen Gefahr vollkommen bewusst. Er glossiert sie offen und rettet zu guter Letzt sich und seine Freunde (er flieht im Juni 1938 aus Wien ins Exil nach London). Nicht alle haben einen solchen Überblick oder gar solches Glück. Eins der ersten Opfer des Naziterrors wird auch Otto Trsnjek, der es ablehnte, seine Kunden unterschiedlich zu behandeln. Für ihn übernimmt Franz die Leitung des Tabakladens, der unter dem Einfluss der fatalen Umstände schnell erwachsen wird. Er ist sogar mutig genug sich den Handlangern des Naziregimes zu widersetzen.

Der Tabakladen selbst wird dabei zum Spiegel des stärker werdenden Antisemitismus und der Neigung vieler Wiener zum Nationalsozialismus. Es häufen sich Drohaufschriften und Schmähbilder und vor allem die Kunden selbst verändern sich grundlegend. Dem Autor gelingt diese Schilderung mit Humor und ungewöhnlich treffsicher in nur wenigen Zeilen:

Viele trugen nun braune Hemden, manche hatten Hakenkreuzbinden oder zumindest kleine Hakenkreuzstecker am Kragen, und die meisten schienen öfter zum Friseur zu gehen als früher. Außerdem hatten sie ein seltsames Leuchten in den Augen. (…) Es hörte sich an, als ob die Kunden erst jetzt wirklich wussten, was sie wollten, beziehungsweise immer schon gesucht hatten.

Auch die formale Vielfalt des Textes verdient Beachtung. Ein Teil der Geschichte wird uns über die Korrespondenz zwischen Franz und seiner Mutter erzählt (zunächst in Form von Ansichtskarten, dann – als sich die Sorgen des jungen Mannes häufen – als Briefe). Später folgen die Traumnotizen, die Franz auf Freuds Rad hin niederschreibt und immer ans Schaufenster des Tabakladens klebt. Genauso wird die Geschichte zum Beispiel durch eine Episode über einen Wiener Kommunisten mit dem Spitznamen Roter Egon bereichert. Diese illustriert gelungen die Macht der Propaganda, deren teuflischen Mechanismus bald auch Franz begreift:

Erinnert wird nämlich meistens sowieso nicht die Wahrheit, sondern nur das, was laut genug herausgebrüllt oder eben fett genug abgedruckt wird. Und wenn so ein Erinnerungsrascheln irgendwann lang genug angedauert hat, dachte er schließlich, wird daraus Geschichte.

Seethaler macht mit seinem Roman zwar keinen Versuch, die tieferen Ursachen der geschilderten historischen Geschehnisse aufzudecken. Es ist ihm aber außerordentlich überzeugend und einfallsreich gelungen, ihren Ablauf und Einfluss auf den sogenannten kleinen Mann darzustellen. Gerade dieser Typ als Hauptfigur füllt glaubwürdig die Rolle des etwas naiven, dabei aber sensiblen und nachdenklichen Beobachters und Kommentators, dessen Persönlichkeit sich ähnlich überstürzt entwickelt wie das Zeitgeschehen. Die unwahrscheinliche Freundschaft zwischen Franz und dem berühmten Psychoanalytiker bringt sicher ein gewisses Maß an Publicity mit sich (das Titelbild der tschechischen Ausgabe ziert übrigens Freud). Zugleich aber bereichert sie diese Prosa, in der der Traum eines der Leitmotive ist, mit humorvollen Szenen und Dialogen. Seethalers Trafikant ist ein hervorragend geschriebener und fesselnder Roman, der es dank einer starken Geschichte, der ungewöhnlichen Figuren und einer breiten Palette von erzählerischen Mitteln schafft, dem Leser von heute ein Bild dieser bewegten Zeit in ungewöhnlich lebhaften Farben zu vermitteln.

Petr Nagy
Übersetzung: Hanna Sedláček

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Dezember 2014

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