Kultur

Der Punk ist gar nicht tot

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Jaroslav Rudiš geht mit knapp 43 Jahren gerade noch als Mitglied der Generation Y durch. Foto: © Jan Rasch

Die Generation Y sei passiv und unpolitisch. Das wird den heute 20- bis 40-Jährigen immer wieder unterstellt. Hochschulprofessoren beklagen studentische Apathie, politisch aktive Studenten werfen ihren Kommilitonen dasselbe vor. Jaroslav Rudiš, der mit knapp 43 Jahren gerade noch als Mitglied der Generation Y durchgeht, hat mit „Vom Ende des Punks in Helsinki“ ein Buch geschrieben, das man als Klageschrift lesen könnte – auf den längst vergangenen Protest, auf den toten Punk. Doch so will der Schriftsteller seinen 2014 auch auf Deutsch erschienenen Roman gar nicht verstanden wissen. jádu-Autorin Isabelle Daniel hat mit Jaroslav Rudiš gesprochen.

Bist du eigentlich Nostalgiker?

Nostalgiker! Das ist eine schwere Frage für den Anfang. Das sind wir alle, denke ich. Auf jeden Fall spielt die Geschichte, das Verpasste in meinen Büchern schon eine ziemlich große Rolle. Es geht ja immer wieder um die Geschichte, die uns im Griff hat. Was ich allerdings nicht bin, ist ein Ostalgiker.

So sollen wir also auch „Vom Ende des Punks in Helsinki“ nicht verstehen?

Nein, Vom Ende des Punks in Helsinki ist auf keinen Fall ein ostalgisches Buch! Es ist eigentlich eine ziemlich brachiale Abrechnung, die da gezogen wird. Ich schreibe über die Punks in den Achtzigern in der Tschechoslowakei und der DDR, und das ist auch durchaus eine traurige und düstere Geschichte.

Traurig, weil unsere Generation aufgehört hat zu protestieren?

Das ist gerade die Frage. Es heißt immer, der Punk sei tot. Aber ist er das denn wirklich? Vielleicht schlummert er nur irgendwo und die Energie wird wieder geweckt, wenn etwas passiert. Wir sehen sie nur im Moment nicht. Auch in dem Roman ist die Rede vom Punk von damals, aber auch vom Widerstand von heute. Der Punk von heute spiegelt sich im Buch in der Tochter des Protagonisten Ole. Mehr will ich nicht verraten, weil das eine kleine Überraschung ist, die da auf den Leser wartet.

© Luchterhand Literaturverlag

Den Tschechen eilt der Ruf voraus, nicht gern zu protestieren. Ist da etwas Wahres dran? Scheuen die Tschechen den Widerstand?

Es gibt diesen großartigen polnischen Witz: Zwei Polen treffen sich. Fragt der eine: „Warum gab es bei den Tschechen keinen Widerstand gegen die Nazis?“ Sagt der andere: „Weil die Nazis das nicht erlaubt haben.“ Es ist schon ein sehr böser Witz, aber die Tschechen lachen auch selbst darüber. Und sie wissen ganz genau, warum sie lachen. Die Wahrheit ist doch: Es gab Widerstand. Würde man behaupten, wir hätten keinen Widerstand gehabt und hätten nicht gekämpft, dann wäre das eine Ohrfeige für all jene, die im Kampf gegen die Nazis ihr Leben riskiert oder sogar verloren haben. Einer der hochrangigsten Nazis – Reinhard Heydrich – wurde in Prag von Tschechoslowaken umgebracht. Das war schon ein Riesending. Da ist der Widerspruch zu der Bequemlichkeit, die man den Tschechen nachsagt und die es ja auch gibt. Vielleicht ist das so eine Art Überlebensstrategie, die wir irgendwie in uns haben.

„Vom Ende des Punks in Helsinki“ ist das jüngste Buch von dir, das auf Deutsch erschienen ist. Reagieren die deutschen Leser auf den Roman anders als die tschechischen?

Ehrlich gesagt, sind die Reaktionen ziemlich ähnlich. Es freut mich sehr, dass das Buch auch in Deutschland gelesen wird. Ein paar Leute, die das selbst betroffen hat, haben sich sogar bei mir gemeldet. Sie waren Teil der Szene und haben die Geschichten selbst miterlebt. Einige von ihnen waren sogar unterwegs nach Pilsen zu dem Konzert der Toten Hosen im September 1987. Das fand ich echt spannend, weil das für mich die kleine Kerngeschichte ist.

Eine deutsch-tschechische Geschichte also?

Die deutsch-tschechische Geschichte ist oft der Kern in meinen Büchern, aber nicht in jedem. In der Stille in Prag zum Beispiel nicht, und auch nicht im neuesten Buch Narodní trida, das auf Deutsch noch nicht vorliegt. Aber sonst – ja. Ich komme selbst aus dem Grenzgebiet, unterschwellig ist das Thema natürlich die ganze Zeit präsent. Ich habe außerdem auch Geschichte studiert, spreche Deutsch und mag die Sprache sehr. So kam das irgendwie.

Gibt es in Deutschland gelegentlich Irritation darüber, dass ein junger tschechischer Schriftsteller über die Vertreibung schreibt – und das auch noch in einer Graphic Novel oder einem Roman über Punk? Nimmst du solche Reaktionen wahr?

Irritationen eigentlich nicht. Bei fast jeder meiner Lesungen in Deutschland ist irgendjemand dabei, der so eine Migrationsgeschichte hat. Es ist immer wieder spannend zu sehen, wie wichtig den Leuten diese deutsch-tschechischen Wurzeln sind – das geht oft bis in die dritte Generation. Und ich schreibe ja keine politische Literatur. Für mich ist das Wichtigste, eine schöne spannende Geschichte zu erzählen mit Charakteren, die so richtig abgefahren sein müssen. Ein bisschen verrückt eben. Gerade zur Graphic Novel Alois Nebel gibt es in Deutschland ganz tolle Reaktionen. Es freut uns, also mich und den Zeichner Jaromir 99, sehr, dass wir eine richtige Fangemeinde haben in Deutschland. Manche Leute fahren sogar ins Altvatergebirge und suchen die Orte auf, wo sich die Geschichte abspielt. Aber es stimmt schon: Die Wahrnehmung der Geschichte wird manchmal ein bisschen vereinfacht. Das deutsch-tschechische Zusammenleben im 20. Jahrhundert, um das es in dem Buch geht, wird oft ein bisschen zugespitzt auf die Vertreibungsgeschichte. Man kann das irgendwie auch verstehen. Für mich ist das aber keine Graphic Novel über die Vertreibungsgeschichte. Ganz wichtig sind zum Beispiel auch das Thema Wende, und dadurch die Frage nach den Wendeverlierern und den Wendegewinnern. Alois Nebel ist kein Gewinner der Wende – genauso wie Ole im Ende des Punks keiner ist. Beide gewinnen die Freiheit, aber letztendlich müssen sie zu hart für ihre Existenz kämpfen.

Im Buch heißt es: „Deutsch ist Punk“. Gilt das immer noch?

Also in den Achtzigern war das auf jeden Fall noch so. Ich bin so aufgewachsen, in der Schule war man ständig damit konfrontiert. Mein Großvater, der war ein überzeugter Stalinist, hat immer gesagt: „Die bösen Deutschen sind in der Bundesrepublik und die guten in der DDR, aber bei denen muss man auch aufpassen.“ Und so bist du einfach aufgewachsen. Unterschwellig, in den Taschen von vielen tschechischen Politikern, ist diese antideutsche Karte noch immer da. Letztlich hat ja auch unser Präsident, Miloš Zeman, bei der letzten Wahl diese Karte ausgespielt.

Mir kommt das natürlich total lächerlich und blöd vor, diese ganzen Nationalismen. Ich bin auch erstaunt, wie wenig in Tschechien immer noch Deutsch gelernt wird und finde das auch traurig. Oder andersrum: Man denkt, die Sprache wird nicht so viel gesprochen oder gelernt. Das stimmt aber nur zum Teil. Jeder Tscheche kennt zumindest 100 oder 200 deutsche Wörter. Ich habe nur davon profitiert, Deutsch zu sprechen.

Liest du eigentlich auch die deutschen Übersetzungen deiner Bücher?

Ja klar. Deutsch ist auch die einzige Sprache, in der ich sehen kann, ob das mit der Übersetzung geklappt hat und bei der ich noch etwas umschreiben kann. Ich habe hohen Respekt – grundsätzlich vor allen Übersetzern – aber vor allem auch vor meiner deutschen Übersetzerin Eva Profousová. Vom Ende des Punks in Helsinki war für sie wirklich nicht leicht zu übersetzen. Was die Sprache angeht, ist das teilweise ein richtig punkiges Buch. Die deutsche Fassung ist ganz leicht von mir umgeschrieben, einige Dialoge zum Beispiel. Deshalb steht da auch „überarbeitete Fassung“.

Das Interview führte Isabelle Daniel auf Deutsch.

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
April 2015

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