Kultur

„Wir bleiben, bis wir sterben“

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Den Kampf um ihr Eigentum an der „Grube“ hat sich Natascha Jurtschenko zur Lebensaufgabe gemacht. Foto: © Jáma | nutprodukce.cz

Der sehenswerte Dokumentarfilm „Jáma“ des tschechischen Regisseurs Jiří Stejskal begleitet eine Frau bei ihrem Kampf gegen den ukrainischen Staat.

Hinter dem Bauernhof, auf dem Natascha Jurtschenko mit ihrer Familie lebt, erstrecken sich Plattenbauten in die Höhe wie als Kulisse in einem Theaterstück. Einer Bühne gleich kommt auch die „grüne Grube“, wie das Grundstück im Sprachgebrauch Nataschas und ihrer Nachbarn heißt. Die Bewohner in den Hochhäusern ringsum kennen alle ihre Geschichte, den Konflikt mit den staatlichen ukrainischen Behörden um die Eigentumsverhältnisse des Anwesens, den Natascha öffentlich und mit großer Hingabe austrägt.

Im Kiewer Stadtteil Pozniaki ist Natascha die letzte Verbliebene einer vergangenen Zeit, in der sich noch keine Investoren für das von Bauern bewohnte Gebiet interessierten. Den Kampf um ihr Eigentum an der „Grube“ hat sich Natascha zur Lebensaufgabe gemacht. Von der Hartnäckigkeit und dem Optimismus einer Unangepassten, die sich den seit dem Ende des Kalten Krieges geltenden Spielregeln verweigert, erzählt der junge Regisseur Jiří Stejskal in seinem Dokumentarfilm Jáma (Die Grube).

Fünf Jahre lang, von 2009 bis 2014, hat der heute 30-jährige Stejskal Natascha begleitet. Entstanden ist nicht nur ein sehenswerter Film über die Entwicklung des Feldzugs einer Privatperson gegen den Staat, der in dieser Art in Kiew einmalig sein dürfte.

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Natascha Jurtschenko, Foto: © Jáma | nutprodukce.cz

Gegen den Strom

Stejskal portraitiert in seinem Debüt vor allem eine nonkonformistische Frau, die ihr Leben auf 70 Hektar mit einer Reihe anderer außergewöhnlicher Menschen teilt. Da ist ihr Ex-Mann Mikhail, von dem sie sich 1991 scheiden ließ, der aber dennoch in ihrem Haus wohnen blieb. „Wir leben zwar unter einem Dach, doch der Kontakt ist minimal. Nur die Kinder halten uns zusammen“, sagt Natascha in die Kamera. Zwei der drei Kinder leben noch zu Hause. Katja, die Jüngste, ist eine junge Frau mit großen Plänen. Ihr schwebt eine Karriere als Model oder Flugbegleiterin vor, zu Beginn der Dreharbeiten träumt sie von einem Leben ins Ausland. „Wir lassen sie aber nicht gehen“, erklärt Natascha, „Katja soll dabei helfen, aus der Ukraine ein besseres Land zu machen.“

Natascha identifiziert sich mit den Protesten auf dem Maidan. „Die Jurtschenkos waren schon immer demokratisch denkende Menschen“, sagt Stejskal. Der Regisseur wurde auf die Familie aufmerksam, als er von einem der nahen Hochhausbalkone auf die Grube blickte. Die Freundin, die er dort besuchte, bewohnte eine der modernen Wohnungen in den Hochhäusern. „Als ich aus dem Fenster sah, konnte ich kaum glauben, was ich da sah – eine Ziegenfarm mitten in Kiew!“ Kurzentschlossen ging Steijskal zur Grube. „Natascha und ich waren uns sofort sympathisch. Am Tag, nachdem wir uns kennengelernt haben, habe ich mit den Dreharbeiten begonnen.“

Patchwork auf der Farm

Dass Natascha ihre Tochter nicht ins Ausland gehen lassen möchte, hat noch einen anderen Grund. „Sie hat immerhin drei alte Eltern.“ Denn mit im Haus lebt auch der kauzige Sláva, mit dem Natascha seit 1993 verheiratet ist und der als heimlicher Star unter den Nebencharakteren gelten darf. Seinen schwierigen Status des immer Zweitplatzierten – als Ehemann, aber auch als Projekt, das im Leben der dominanten Natascha im Vergleich zu deren Streit mit den Behörden einen geringeren Stellenwert einnimmt – kompensiert Sláva mit einer an Kuriosität kaum zu überbietenden Selbstheroisierung. Zwei Mal habe er die Welt gerettet, erzählt Sláva jedem, der es hören will – auch in einer im Privatfernsehen ausgestrahlten krawalligen Talkshow, in der Natascha in ihrer Rolle als Kämpferin gegen die staatlichen Autoritäten auftritt.

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Natascha und Sláva, Foto: © Jáma | nutprodukce.cz

Das erste Mal, so Sláva, habe er die Welt während des Afghanistan-Kriegs in den siebziger Jahren gerettet, als er den sowjetischen Staatschef Breschnew überzeugt habe, keinen Atomkrieg gegen die Nato zu beginnen. Auch der spätere russische Präsident Boris Jelzin habe auf ihn gehört. Letzterer habe, so erzählt es Sláva, während des Jugoslawienkrieges zunächst der Bitte Slobodan Miloševićs zugestimmt, Serbien mit Nuklearwaffen zu unterstützen. Erst ein Brief von ihm, Sláva, habe Jelzin in letzter Minute umgestimmt.

Natascha soll die Dinge richten

Die Frauen im Haus bringen diese immer wiederkehrenden Geschichten zum Schmunzeln – auch wenn Slava das gar nicht lustig findet. „Sie demütigt mich vor den Ausländern!“, beschwert er sich in einer Szene bei Natascha über deren Tochter Katja, nachdem diese ihren Stiefvater mal wieder aufgezogen hat. Es ist eine charakteristische Szene im Film – nicht nur mit Blick auf das Verhältnis zwischen Natascha und ihrem Mann, sondern überhaupt: Natascha soll die Dinge richten, alle und immer.

Es ist schließlich ihre Hilfsbereitschaft, die Natascha zum Verhängnis wird. Mehrere Jahre mit etlichen Verhandlungstagen im Eigentumsprozess sind vergangen. Jahre, in denen sich Katjas Haarfarbe immer wieder verändert und sie zur Zeugin Jehovas wird, Natascha Enkelkinder bekommt und ihr Gelände wegen verlorenen Prozessen schrumpft. Zugleich gehen in Kiew Menschen auf die Straße gegen die Politik der amtierenden Regierung. Auch Natascha nimmt an den Demonstrationen teil und lernt so einen Anwalt kennen, der sie im Prozess gegen die Behörden vertritt.

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Regisseur Jiří Stejskal bei der Vorstellung von „Jáma“ auf dem Internationalen Dokumentarfilmfestival in Jihlava 2014, Foto: © Jáma | nutprodukce.cz

Die gute Hirtin

2011 zeigt Stejskal Natascha in ihrer Küche beim Streit mit ihrem Anwalt. Seit zwei Jahren wohnt er in ihrem Haus, ohne sich am Haushalt zu beteiligen. Das ist gegen Nataschas Spielregeln, doch um eine Chance im Prozess zu haben, braucht sie den Juristen. Der Anwalt ist die Antithese zu den restlichen Mitbewohnern in der Grube, die Nataschas Unterstützung brauchen und nicht umgekehrt. Sei es Igor, der ohne die Arbeit, die Natasha ihm gegeben hat, obdachlos wäre, oder Vitja, der selbsternannte Prediger, der erzählt, dass Gott ihm 70 Lieder geschickt habe, die er nun, ausgestattet mit einem Holzkreuz, in christlicher Mission singt: in der U-Bahn, auf der Straße und in den Kirchen, die Vitja zufolge ein falsches Bild von Jesus vermitteln.

Für sie alle ist Natascha die gute Hirtin. Ihre Verletzlichkeit wird erst in einer späten Szene deutlich. Da brennt ihr Hof lichterloh, so wie es vor vielen Jahren die Häuser ihrer einstigen Nachbarn taten, kurz bevor sie von ihren Grundstücken vertrieben wurden. Auch wenn Natascha mittlerweile sogar ihre einst skeptische Tochter Katja auf ihre Seite gebracht hat und sich in ihrem Optimismus unzerstörbar gibt – es klingt alles andere als prophetisch, wenn Stejskal seinen Film mit Nataschas Worten schließen lässt: „Wir werden bleiben, bis wir sterben.“

Stejskals Intention war es, die Kontraste in der Kiewer Stadtentwicklung filmisch umzusetzen. Das ist ihm ohne große Effekthascherei gelungen. Wirklich sehenswert ist die Dokumentation jedoch nicht wegen ihrer filmischen Mittel. Was hängenbleibt, ist vielmehr das Gefühl, eine besondere Familie kennengelernt zu haben, deren Geschichte es wert ist, erzählt zu werden.


Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Oktober 2015

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