Kultur

Verloren in München

Foto: © Falcon a.s.Foto: © Falcon a.s.
Schauspieler Martin Myšička mit „Daladiers Papagei“ während der Dreharbeiten zu „Verloren in München“, Foto: © Falcon a.s.

Der neue Film von Petr Zelenka hatte in den tschechischen Kinos Ende Oktober 2015 Premiere – und seither nicht gerade viele Zuschauer. Das ist schade, aber irgendwie auch logisch. In „Ztraceni v Mnichově“ („Verloren in München“) thematisiert Zelenka nämlich ein Kapitel tschechischer Geschichte, wählt dabei aber nicht den Weg der so beliebten eskapistischen, glattgebügelten Nostalgie. Im Gegenteil.

Durch seine neueste Dramödie lässt Zelenka den Historiker Jan Tesař sprechen und dekonstruiert den Mythos über das Münchener Abkommen, das gerne als größter Verrat an der tschechischen Nation dargestellt wird. Die fiktiven Filmfiguren finden im Gegenteil heraus, dass das Abkommen in einem gewissen Sinn sogar ein diplomatischer Sieg für Präsident Beneš gewesen sei, der bereits ahnte, dass Hitler den zukünftigen Krieg verlieren würde. Der „Verrat von München“ ist aber nicht der einzige Mythos, den Zelenka in seinem Film einreißt, es geht auch um die Tschechen selbst und um unfähige Filmemacher...

Die Handlungs des Films Verloren in München lässt sich kaum nacherzählen, ohne dass man für einen Verrückten gehalten wird – beziehungsweise für einen Verrückten, der einem die Spannung verdirbt. Kurz gesagt besteht der Film aus zwei Teilen, einem „Film im Film“ und einem darauf folgenden „Film über den Film“. Das klingt unverständlich? Dann muss ich es im Detail erklären, oder aber ihr hört auf zu lesen und geht ins Kino. Der Genuß des Filmes ist nämlich umso größer, je weniger man vorher weiß.

Der Film beginnt als Geschichte des Journalisten Pavel (Martin Myšička), der in Prag am Jahrestag der Unterzeichnung des Münchener Abkommens den 90-jährigen Papagei des früheren französischen Premierministers Édouard Daladier entführt. Das gefiederte Haustier war bei der Unterzeichnung, „dem historisch größten Verrat an der tschechischen Nation“, dem Abtritt der Grenzgebiete an Hitler, zugegen und kann sich noch an so einiges erinnern. Er wiederholt beispielsweise Sätze vom Typ „Hitler ist super“. Der diplomatische Skandal ist perfekt, doch das hindert Pavel nicht daran, den Papagei ins Herz zu schließen und mit ihm vor den Franzosen und der tschechischen Polizei zu fliehen...

Foto: © Falcon a.s.
Regisseur Petr Zelenka während der Dreharbeiten zu „Verloren in München“, Foto: © Falcon a.s.

Der Clou ist, dass sich das alles bereits in den ersten 20 Filmminuten abspielt. Wirklich witzig ist es nicht, eher handwerklich merkwürdig schlampig, ein wenig uninteressant und unförmig. Aber nach 20 Minuten folgt ein Schnitt und es beginnt der fiktive „Film über den Film“, in dem der Filmstab auftritt und man sofort begreift, warum der Anfang so merkwürdig wirkte. Die Filmemacher mit dem Regisseur (Tomáš Bambušek) an der Spitze hatten nämlich keine Ahnung, was sie eigentlich drehen wollten, und das Set wurde von einer Katastrophe nach der anderen heimgesucht...

Über Zelenkas Film Verloren in München schreibt es sich vielleicht etwas ungelenk, aber auf der Leinwand entwickelt sich alles zusammenhängend und übersichtlich. Wenn Zelenka in den ersten 20 Minuten noch gegen Journalisten stichelt („Heute kann ja jeder Journalist sein!“), bekommen im zweiten Teil die Filmemacher ihr Fett weg. So erfahren wir etwa, dass der Papagei nur gecastet wurde, weil kein französischer Schauspieler gleichen Alters verfügbar war. Wir sehen, wie die Bedürfnisse des Papageis und die Konsistenz seines Kots mehr Aufmerksamkeit erhalten als die Ausarbeitung des Drehbuchs. Drumherum irren „Marionetten“, also professionelle Schauspieler, in deren Riege sich aber einwandfrei auch der französische Metzger aus der Nachbarschaft des Produzenten einfügt. Schließlich zieht Zelenka auch das eigene Projekt und das ganze Thema des Münchener Abkommens ins Ironische. „Dein Film interessiert in Frankreich niemanden! Ich habe gesagt, du sollst eine Familienkomödie drehen!“ schallt es durch das Produktionsbüro.

Es geht aber nicht nur um Filmemacher. Zelenka nutzt das Filmset auch, um allgemeinere Aussagen zu machen über den Charakter der Tschechen und deren Beziehung zu ihrer Geschichte. So benähmen sich die Tschechen gerne als beleidigte Mimosen, gegen die sich die Welt verschworen habe. Eine alternative Sichtweise auf die damaligen Ereignisse in München erklären die Figuren am Ende in einem etwas mühseligen und langen statischen Dialog. Der fand aber in dem fiktiven Film keine Verwendung mehr, weil die Dreharbeiten bereits definitiv gescheitert waren. Die Dreharbeiten, die selbst eine Art kleines München waren und nach denen alle sauer auf die Franzosen sind, obwohl sich die Tschechien eigentlich wieder selbst verraten haben.


Ztraceni v Mnichově (Verloren in München)
Tschechische Republik 2015
105 Minuten
Regie: Petr Zelenka
Schauspieler: Martin Myšička, Tomáš Bambušek, Marek Taclík, Marcial Di Fonzo Bo, Stanislas Pierret, Jana Plodková, Vladimír Škultéty, Václav Neužil ml., Jiří Rendl, Jitka Schneiderová, Michel Fleischmann, Kryštof Mucha, Václav Kopta, Jaroslav Pížl, Edita Levá, Johana Matoušková

Jan Škoda
Übersetzung: Patrick Hamouz

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
November 2015

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