Kultur

Scharlatan mit rosaroter Brille

Foto: © Ekko von SchwichowFoto: © Ekko von Schwichow
Martin Becker, Foto: © Ekko von Schwichow

Seit zehn Jahren müssen Prag und Tschechien immer wieder die Besuche von Martin Becker „ertragen“. Jetzt hat der Schriftsteller für das Land und vor allem für die Leute, die ihm so ans Herz gewachsen sind, eine „Gebrauchsanweisung“ geschrieben – subjektiv, voller Anekdoten und Erlebnisse aus dem Leben abseits der touristischen Trampelpfade.

Martin, deine „Gebrauchsanweisung für Prag und Tschechien“ ist ein recht unkonventioneller Reiseführer. Du selbst trittst darin als „ungeprüfter Touristenführer“ auf. Warum sollte man das Buch als Prag- und Tschechienreisender trotzdem lesen?

In erster Linie ging es mir darum, meine Begeisterung mitzuteilen. Warum es sich lohnt, viel Zeit zu investieren, und sich nicht nur die Prager Altstadt anzugucken und dann wieder wegzufahren. Ich habe während des Schreibens die ganze Zeit gezweifelt und mich wie ein Scharlatan gefühlt. Denn ich habe nie länger hier in Prag gelebt, und ich spreche die Sprache nicht besonders gut. Ich habe also nicht so getan, als wüsste ich alles. Dann kamen die ersten Reaktionen von tschechischen Leserinnen und Lesern, und die waren tatsächlich begeistert. Da war ich beruhigt und habe gedacht: Sei ein Scharlatan, das Buch ist trotzdem ganz ok.

Warum Tschechien und Prag? Woher kommt deine Begeisterung?

Ich war vor zehn Jahren zum ersten Mal hier, und es ging mir nie vorher in so krasser Form so, dass ich irgendwohin kam und wusste: Das ist es! Als ob man sich so wahnsinnig verliebt, dass der Schmerz der Abweisung furchtbar sein wird. Das Schöne an Prag ist aber: Es kann einen nicht abweisen. Es musste mich dann ja immer wieder ertragen. Ich kam hierhin, und es war so, als würde ich nach Hause kommen, obwohl ich hier überhaupt nicht zu Hause bin. So fing das an.

Du schreibst viel von deinen tschechischen Freunden, die dir den Zugang eröffnet haben in die tschechische Seele.

Ich sollte vor zehn Jahren für den Rundfunk eine Sendung über die junge tschechische Literatur machen. Dabei habe ich relativ bald Jaroslav Rudiš getroffen, und wir haben uns sofort richtig gut verstanden. Das hat mir alle Türen geöffnet. Ich habe damals in diesem Sommer 2006 Leute kennengelernt, die bis heute echte Freunde sind. Ab dann hatte ich auch immer Bezugspunkte hier, und so konnte dieses Netzwerk größer werden. Ich habe das in anderen Städten selten erlebt, dass man auf einen Schlag so viele nette Leute trifft.

Du hast schon eine rosarote Brille auf, nicht wahr?

Ich habe diese rosarote Brille bis heute auf, und ich weiß auch darum. Ich lebe eben nicht dauerhaft hier. Vieles kann ich immer noch als Skurrilitäten verbuchen. Ich glaube, wenn ich hier leben würde, würde es mich wahnsinnig machen. Wenn ich nur an die Politik denke: Einen Miloš Zeman erträgt man aus der Ferne und kann sich darüber amüsieren. Wenn man aber hier lebt, dann ist das alles nicht mehr bloß skurril, weil………………………………………. Kannst du hier ganz viele Punkte setzen, und sagen, dass ich mit den Worten gerungen habe, um Fäkalausdrücke zu vermeiden?

Mache ich…

Vieles gefällt mir nicht. Etwa, dass die Gesellschaft hier ja doch eine recht machistische ist. Das sieht man nicht auf den ersten Blick. Was es letztlich immer schlägt und mir die rosarote Brille ein bisschen bewahrt, sind die Menschen und ihr Humor. Ich habe natürlich auch das Glück, mich in recht alternativen Kreisen zu bewegen. Von konservativen Betonköpfen bekomme ich also nicht viel mit. Insofern bleibt mein Bild sehr positiv.

Welche „Gebrauchsanweisung“ für die Tschechen gibst du?

Vielleicht wäre der bessere Titel „Gebrauchsempfehlung“. Wenn ich diese Künstler- und Autorenkreise sehe, in denen ich mich hier bewege, dann fällt mir immer wieder auf – und ich glaube das ist nicht die rosarote Brille –, dass die Leute zwar sehr ernst nehmen, was sie tun, aber sich selbst nicht so ernst nehmen. Das schätze ich unheimlich, und es war mir wichtig, das zu vermitteln. Dieser Humor, der einen ja auch manchmal nerven kann, immer diese Ironie und Distanzierungen, das ist ein wesentlicher Unterschied. Und ich glaube, wenn das Buch seinen Beitrag dazu leistet, das zu verstehen und zu schätzen, dann kann es eine ganz gute Anleitung sein, tiefer zu gehen.

In der gleichen Buchreihe gab es bereits eine „Gebrauchsanweisung für Tschechien und Prag“, geschrieben Ende der 90er Jahre von Jiří Gruša.

Ich habe darin nicht das wiedergefunden, was ich selbst entdeckt hatte. Das ist nicht schlimm, zeigt aber, dass Gruša das moderne Leben vielleicht nicht ganz abbildet. Der Verlag fand das auch und dann ging es ganz schnell… Die haben sich anstecken lassen von meiner rosaroten Begeisterung.

Ich habe aber auf den Reisen auch noch viel dazugelernt. Der Verlag wollte zum Beispiel, dass es einen Text über Karlovy Vary (Karlsbad) gibt. Nun mag ich Kurstädte überhaupt nicht. Ich wollte da nicht hin. Und ich war furchtbar unglücklich verliebt. Schon als ich im Zug saß, wusste ich, dass ich einen Karlovy-Vary-Blues schreiben werde. Vor Ort haben sich dann natürlich alle Klischees bestätigt. Ich habe die Touristen gehasst. Ich habe mir diese blöden Sprudelquellen gar nicht angucken wollen. Das Tolle war – das war richtig work in progress –, wie es so eine blöde Kurstadt doch schafft, einen um den Finger zu wickeln. Als ich dann noch in diesem unglaublich schönen Casino Geld verspielt habe, war klar: Ich will jetzt vielleicht nicht mein Leben in Karlsbad verbringen, aber für ein paar Tage würde ich wahrscheinlich doch noch mal hinfahren. Das nur als Beispiel…

Was wird es als Nächstes von dir zu lesen geben?

Ich schreibe gerade an einem Roman über meine Familie. Es geht darum, dass mein Vater noch Bergmann war, und um dieses archaische, verschwindende Milieu. Dieser autobiographische Roman wird im März 2017 erscheinen, und ich werde ihm die Bemerkung voranstellen, dass sämtliche Handlungen und Personen in diesem Buch existieren, und dass alles genau so – und zwar wirklich genau so – stattgefunden hat.

© Piper Verlag GmbH 2016Es gibt sie, die Museumsstadt. Die Postkartenidylle mit den 180 Brücken. Aber Martin Becker weiß, wo ihr Geist lebendig wird: in unspektakulären Spelunken und nieselnassen Nächten, in ehemaligen Arbeitervierteln, die zum Szenetreff mutiert sind, und in Fahrradwerkstätten, die gleichzeitig als Café fungieren. Und er weiß auch: Da ist ein Tschechien jenseits der Hauptstadt. Er nimmt uns mit nach Brünn und Karlsbad, nach Ostrava und ins Altvatergebirge. Macht uns vertraut mit der bittersüßen Schwermut der tschechischen Seele, aber auch mit dem „český humor“. Und er zeigt uns, wo heutzutage noch tschechische Wunder geschehen.

[Quelle: © Piper Verlag GmbH 2016]

Mit freundlicher Genehmigung des Piper Verlags präsentieren wir als Leseprobe das erste Kapitel von Martin Beckers Gebrauchsanweisung für Prag und Tschechien.

Das Interview führte Patrick Hamouz.

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Juli 2016

    Martin Becker

    Martin Becker, 1982 geboren, ist in Plettenberg aufgewachsen. Er ist freier Autor für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, Literaturkritiker beim Deutschlandfunk und bei Deutschlandradio Kultur und berichtet in Features und Reportagen unter anderem aus Tschechien, Frankreich, Kanada und Brasilien. 2007 erschien sein mehrfach ausgezeichneter Erzählband Ein schönes Leben, außerdem realisierte er eine Reihe von Hörspielen und Lesungen gemeinsam mit dem tschechischen Schriftsteller Jaroslav Rudiš. Martin Becker lebt mit seinem moldawischen Straßenhund in Leipzig; seine Bücher erscheinen bei Luchterhand, zuletzt der Roman Der Rest der Nacht [Rezension auf jádu].

    Quelle: © Piper Verlag GmbH 2016

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