Kultur

Der bürgerliche Hausbesetzer

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Mark Divo: „Kunst ist ja eine Sache, die man nicht braucht, aber es ist von Vorteil, wenn man sie hat.“

Der Neo-Dadaist und Lebenskünstler Mark Divo hat sich vor etwa zehn Jahren in Prag niedergelassen. In seiner Galerie in Žižkov und einer Kunstvilla in Kolín gibt der Schweizer jungen Künstlern Gelegenheiten, sich zu treffen und auszustellen.

Was ist eine „bewohnte Skulptur“? Ein großes Gebilde, in dem sich Bett, Schrank und Küche befinden? Eine Skulptur, in der sich Parasiten eingenistet haben? Für den Künstler Mark Divo, Schöpfer des Ausdrucks, sind es Räume, in denen Kunst und Leben zusammenkommen. Er bestückt sie mit zusammengewürfelten Polstermöbeln, Tischen, Teppichen, Bildern, Wandbildern, Installationen von ihm und befreundeten Künstlern, Regalen voll mit Büchern, Nippes, Spielzeug. In dieses überladene, aber doch atmosphärische Sammelsurium aus Kunst, Kitsch und Müll lädt er ein zum lustigen Beisammensein, veranstaltet darin Ausstellungen, Performances, Konzerte oder Partys.

Wie auch an einem Samstagnachmittag im böhmischen Kolín, etwa sechzig Kilometer entfernt von Prag. Dort leben um die 30.000 Einwohner, es gibt eine Disko, ein paar Kneipen und mittendrin das D.I.V.O. Institut, das dadaistische Grillabende und Picknicks veranstaltet. Hier will Mark Divo, geboren 1966, internationale zeitgenössische Kunst auf eine lokale Ebene bringen und unbekannten Künstlern Raum für ihre Arbeiten bieten. Die Akteure leben zeitweilig dort und arbeiten an ihren Projekten. In der dadaistischen Villa finden nicht einfach nur Kunstveranstaltungen statt, Kunst und Leben sollen so weit wie möglich im Einklang sein. „Es geht mir darum, alte Denkstrukturen in einem kollektiven Zusammenhang aufzubrechen, nicht als Einzelkämpfer. Ich will ein Netzwerk zusammenbringen und mir zusammen mit anderen Leuten etwas ausdenken“, erzählt Mark Divo, in der einen Hand seine Zigarette, mit der anderen rückt er ab und zu seine dunkle Hornbrille zurecht.

Kunst ist Politik

Warum zieht es den Schweizer gerade in eine kleine Stadt in Tschechien, nachdem er schon in Berlin, New York, Genua lebte? „Orte wie Kolín sind viel interessanter als große Städte, wegen der Menschen, die sich in der Provinz aufhalten, viele Euroskeptiker und so weiter. 70 bis 80 Prozent der Besucher kommen aus Kolín, die haben da halt nichts Anderes. Und mit Kunst kann man Menschen ganz anders erreichen.“ Kunst ist für Mark Divo also ein politisches Ausdrucksmittel. „Für mich gehen Politik und Kunst Hand in Hand, das ist kein Widerspruch.“ Er sieht darin eine Chance, Werte neu zu definieren. „Rechts, links, das ist alles überholt. Das beste Beispiel ist der tschechische Präsident Miloš Zeman, der eigentlich Sozialdemokrat ist, aber gegen nichtexistierende Minderheiten in diesem Land hetzt. Die etablierten Begriffe haben ausgedient, sind leer und inhaltslos.“


Neben seiner Künstlervilla in Kolín hat Mark Divo aber auch noch eine Galerie in Prag. Im Stadtteil Žižkov befindet sich das Dadaistische Seminar, ein Offspace für zeitgenössische Künstler aus Europa. Auf Partys, Lesungen, Ausstellungen kann man sie, ihre Kunst und andere Menschen kennenlernen. Zuletzt arbeitete er vor allem mit Tschechen und Schweizern, in Zukunft will er auch seine Kontakte nach Deutschland mehr nutzen. Ist er vor Ort, stehen die Türen der Galerie offen. Besucher werden von seiner schwarzen Bulldogge Motoráček begrüßt. Laufkundschaft, die durch die Müllinstallationen im Schaufenster neugierig wird, gibt es hier genug. Während unseres Gesprächs kommen zufällig zwei junge polnische Künstler vorbei. Sie suchen Möglichkeiten zum Ausstellen. Kontaktdaten werden ausgetauscht, man will sich in den nächsten Tagen noch einmal treffen.

Künstlernomade trifft Bürgerlichkeit

„Im Moment versuche ich, ein neues Format für meine Arbeit zu finden“, sagt Mark Divo. Herkömmliche Ausstellungen seien ihm zu langweilig, zu dekadent. „Kunst ist ja eigentlich nur eine Ausrede für reiche Leute, um andere Leute kennen zu lernen.“ Stattdessen will er auch in seiner Galerie eine bewohnte Skulptur erschaffen, einen Ort für Begegnungen, von unterschiedlichen Menschen, Nationalitäten, Kunst und Leben.

Vor seiner Zeit in Prag war Mark Divo aktiv in der Hausbesetzerszene. In Berlin gehörte er im Februar 1990 zur Erstbesetzer-Crew des Tacheles. Er verließ das Tacheles aber auch als einer der ersten, da es ihm mit wachsendem Erfolg zu kommerziell wurde. „Irgendwann hab ich immer alles geschmissen. Ich hab das Motto ‚Fuck the System‛ radikal durchgezogen.“ Schon 1992 kehrte Mark Divo in die Schweiz zurück und engagiert sich auch dort in der Hausbesetzerszene. 2002 wurde er in Zürich auf ein Gebäude mit besonderer historischer Bedeutung aufmerksam: das Cabaret Voltaire, dem Geburtsort des Dadaismus. Dank einer Kunstbesetzung konnte das Gebäude, für das die Stadt Zürich schon eine Umbaugenehmigung erteilt hatte, als eine lebendige Gedenkstätte erhalten werden. Die gewerbsmäßige Nutzung des Gebäudes wurde dadurch zwar verhindert, nicht aber die kommerzielle Verwertung des Dadaismus. Heute wirbt die Stadt Zürich mit dem Dadaismus und feierte groß sein 100-jähriges Jubiläum 2016.

Den klassischen Kunstmarkt, auf dem für bestimmte zeitgenössische Werke unverhältnismäßige Summen fließen, bezeichnet Mark Divo als „Pervertierung der Kunst“. In Zürich werde besonders viel Geld dafür ausgegeben. Für Künstler wie ihn aber sei das natürlich vorteilhaft. Mit Kunst-am-Bau-Projekten, Kunstförderungen, Ausschreibungen zur künstlerischen Neugestaltung kann Mark Divo seinen eigenwilligen Lebensstil finanzieren. Er sei nach wie vor auf der Suche nach einem alternativen Lebensstil. Dafür macht er sich die etablierten Strukturen zu Nutze, gibt aber auch zu:„Eigentlich führe ich doch ein recht bürgerliches Leben. Ich habe eine Tochter, eine relativ normale Wohnung, ein Sommerhaus außerhalb der Stadt.“ Er grinst, während er das sagt.



Zwischenräume nutzen

Um an der Biennale teilzunehmen kam der Konzeptkünstler 2005 spontan nach Prag – und blieb. Zwar fehle ihm in Tschechien eine Besetzerszene, die mit der deutschen oder schweizerischen vergleichbar wäre. Trotzdem biete ihm die Stadt mit ihrer „frühkapitalistischen Atmosphäre“ viel Freiraum: „Ich denke, Prag hat enormes Potenzial. Klar ist es kein Geheimtipp mehr, aber es gibt viel Leerstand, viel ungenutzten Raum, der einem Möglichkeiten eröffnet.“ Obwohl auch Žižkov mehr und mehr von der Gentrifizierung betroffen ist, bringt das Viertel vieles mit, was Mark Divo schätzt. „Jetzt ist es hier noch relativ authentisch, in zwei Jahren kippt die Situation. Da kann man dann nichts mehr machen. Es gibt jetzt schon viele Stellen, wo alles überteuert ist und voller Hipster. Früher war das hier eine No-Go-Area voller Junkies und komischer Menschen. Da konnte man auch nichts machen.“ Diese Übergangsphasen sind es, die Mark Divo interessieren, in denen sich Fenster öffnen. Und schließen sie sich wieder, dann zieht er weiter an den nächsten Ort.

Mark Divos Galerie „Dadaistisches Seminar“ befindet sich zurzeit in der Bořivojova 70 in Prag-Žižkov und ist regelmäßig geöffnet. Infos zu Künstlern und kommenden Veranstaltungen gibt es auf dadaisticseminars.wordpress.com.

Die Dada-Saison im D.I.V.O. Institut in Kolín geht 2017 wieder los: www.divoinstitute.org.

Im Kunsthaus Tacheles in Berlin Mitte wurde unmittelbar nach der Wende in ein alternativer Kulturbetrieb in einem leer stehenden ehemaligen Kaufhaus aufgebaut. Als Kunst- und Veranstaltungszentrum existierte das Tacheles von 1990 bis 2012.
Offspaces sind nichtkommerzielle, unabhängige Ausstellungsräume für junge, nichtetablierte zeitgenössische Kunst, die oft in Künstlerateliers, zwischengenutzten Räumen oder in Privatwohnungen geführt werden und eine Alternative zur etablierten Kunstszene bieten sollen.
Anne Weißbach

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Dezember 2016
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