Kultur

An der Grenze, die keine mehr ist

Foto: Pimvantend via wikimedia commons, CC BY-SA 3.0
Hügellandschaft bei Jelení / Hirschbergen, Foto (Ausschnitt): Pimvantend via wikimedia commons, CC BY-SA 3.0

„Manchmal empfinde ich es als Leichtsinn
an einem Kartenhaus weiterzubauen,
während die Erde Risse bekommt“

Robert Musil

Seit William Shakespeare ist das Rezept bekannt. Man nehme allgegenwärtige Angeberei, menschliche Geltungssucht, eine Prise Neid, die zu einer gefährlichen Portion Hass aufgeht, vermenge alles mit Denunziation und Intrige, knete es mit einem guten Schuss Sturheit zu einem Gerüchtebrei und füge in diesem speziellen Fall noch ein enges Tal, zwei Dutzend Häuser, einen romantischen Bach hinzu und man wird nicht erstaunt sein, wenn ein Mord serviert wird. Dabei ist die Erzählung Wo das Tal endet von Johannes Urzidil über die Hirschbergner Links- und Rechtsbächler keine Kriminal- oder Wilderergeschichte im eigentlichen Sinn.

Sie ist eher tragikomisch und eine der Hauptpersonen, der Bierschimmler Alois, ein schöner aber geistig behinderter junger Mann, der bei jedem Unglück lachen muß und über das Glück weint, verstärkt diese Züge. Am Ende der Geschichte kommt er aus dem Lachen nicht mehr heraus, so verrannt haben sich die Hirschbergner, die bei Urzidil Hirschwaldener genannt werden. Selbst der Pfarrer, der seine Gemeinde am Sonntag von der Kanzel herunter ermahnt, alle Menschen seien Kinder Gottes, kann kein Wunder vollbringen. Zum schlechten Schluß bleibt dem Chronisten nur festzuhalten: „Das jedem von Natur zugerüttelte Maß an Leid genügte nicht. Krankheit, Sterben und Kindbett genügten nicht. Der Baum, der den Hauer fällt, der verblödete Sohn, dessen Sprache nur Schluchzen und Gelächter war, genügten nicht.“ Die persönliche Katastrophe der Hirschbergner mündet in die allgemeine, die diesen Kulturraum in der Mitte des letzten Jahrhunderts zerstörte.

Wer heute diesen Ort besuchen möchte, hat dank der genauen Wegbeschreibung des Autors wenig Mühe ihn zu finden. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb nur noch der tschechische Name Jelení übrig, der Hirsch ist also geblieben.

Die meisten Besucher kommen wegen des nahen Plöckensteinsees, von Adalbert Stifter als „versteinerte Träne“ bezeichnet. Früher war er eingerahmt von einem dunklen Hochwald, der sich an sonnigen Tagen im Moorwasser spiegelte. Manche kommen wegen des Obelisken aus grauen, unpolierten Granitquadern. Er wurde von fünf Steinhauern zu Ehren des Dichters innerhalb eines Sommers auf einer Wiese direkt an einer überhängenden Felswand errichtet. Bis vor einigen Jahren war er noch zugewachsen, die Fichten überragten ihn gut um das Doppelte. Heute überwiegt der Kahlschlag. Wieder andere kommen wegen des alten Tunnels, der zum Schwarzenberg’schen Holzschwemmkanal gehört und dessen oberer Eingang mit seinen Zinnen aussieht, als würde sich im Inneren des Berges ein Reich öffnen mit Spiegelsäalen, Rittern, Minnesängern, geheimnisvollen Damen, Zwergen und Hofnarren.

Würde man die Besucher fragen, wer Johannes Urzidil war, so würde man selten eine richtige Antwort erhalten. Die grellbunten Mountainbiker ließen sich von einer solchen Frage ohnehin nicht aufhalten. Sie hetzen die Straße vom Moldau-Stausee über Nová Pec herauf, strampeln sich durch Jelení, haben keinen Blick für den Schwemmkanal, den man zu der Zeit, als er gebaut wurde, durchaus als Meisterwerk bezeichnen konnte, und verschwinden wenig später je nach Kondition oberhalb des Sees im Wald. Wahrscheinlich machen sie diese Strecke nur, weil sie eine beträchtliche Steigung aufweist, in einer bestimmten Zeit bewältigt werden kann, ein gehöriges Maß an Trainingseinheiten bringt oder so und so viele Kalorien verbrennt. Sie nehmen hinter ihren dunklen Brillen und eiförmigen Sturzhelmen nichts anderes wahr als ihr Vorderrad, ganz gleich, ob sie nun die Alpen bezwingen, sich in Teneriffa durch die Hitze quälen oder den Böhmerwald längs und quer durchschneiden.

Für viele ist Hirschbergen nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Krumau oder Budweis. Foto (Ausschnitt): Jitka Erbenová via wikimedia commons, CC BY-SA 3.0

Die wenigsten interessieren sich für die wechselvolle Geschichte dieser Gegend. In der Zeit als man in der Mitte des 19. Jahrhunderts Holz für Wien brauchte und der Schwemmkanal gebaut wurde, der es ermöglichte die Baumstämme aus dem Böhmerwald bis in die Stadt des Kaisers zu flößen, siedelten sich Hozhauerfamilien aus dem bayerischen Waldkirchen in Hirschbergen auf Wunsch des Fürsten Schwarzenberg an. Es ist also nicht unwahrscheinlich, daß es in diesem Ort tatsächlich Familien mit den Namen Bierschimmler, Grünschmied, Birkner und Schlehdorner gab, so wie sie Urzidil in seiner Geschichte verwendet. Auf jeden Fall hießen sie Saumer, Schröder und Stini, dies ist in den Unterlagen über den Stifterobelisken niedergelegt. Der Zugewinn an Wohlstand konnte nicht groß gewesen sein, denn noch vor Ende des Jahrhunderts wanderten Johann Saumer und Josef Schröder mit ihren Familien nach der Neuen Welt aus und galten damit für die Daheimgebliebenen als gestorben.

Auch das 20. Jahrhundert hielt für diese Gegend keine großen Reichtümer bereit. Das Ende des Ersten Weltkriegs brachte den Hirschbergnern die Zugehörigkeit zu einem neuen Staat und das Ende des Zweiten Weltkriegs, oder der „unheilvollen Weltkatastrophe“, wie Urzidil ihn nannte, hatte die Vertreibung der deutschstämmigen Bevölkerung und die Räumung des gesamten Dorfes zur Folge. In seinem Essay Chronik und Menetekel schreibt Gerhard Trapp: In Hirschbergen „wurden ab 1953 die Häuser der zuletzt 800 Köpfe zählenden Gemeinde geschleift. Erhalten blieben 9 Häuser, darunter das kleine, alte Schulgebäude und das Forsthaus...“ Die Ortschaft lag zwar nicht in der drei Kilometer breiten Sicherheitszone, die Deutschland und die ČSSR mit Wachtürmen, Stacheldraht, Minen und Todesstreifen trennte, aber wahrscheinlich wurden die restlichen Behausungen als Unterkünfte für die Grenzsoldaten genutzt. Der Obelisk und der Plöckenstein See konnten in der Zeit des Kalten Krieges nicht besucht werden. Die alte Schutzhütte am Ufer diente den Soldaten, die den antiimperialistischen Westwall zu sichern hatten, als Unterstand und am Waldrand gab es ein Gehege für scharfe Hunde.

Die Hauptstadt Prag, der Hradschin und die Zentralregierung, aber auch die gesamte westliche Welt blieben fern. Nur das Fernsehen gewährte kleine Einblicke, sowohl in den Osten als in den Westen – wenn die Antenne unter dem Hausdach geschickt eingestellt und der Empfang gut war.

Im Jahr 1968 wehte der Prager Frühling einen lauen Wind in diesen Teil des Böhmerwaldes. Gerüchte von einer Grenzöffnung machten die Runde und man träumte von einem gemeinsamen bayerisch-tschechischen Nationalpark. Aber die Weltpolitiker auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs hatten kein Interesse an einer Veränderung des Status Quo. Hirschbergen, der Plöckenstein See und der Stifterobelisk blieben ein verlorener Winkel am Ende der östlichen Welt oder wie Urzidil schreibt:

Der junge Johannes Urzidil, Foto: Public domain via kohoutikriz.org

„Das Tal hatte sich in ein Niemandsland verwandelt. Einer hörte noch in der Ferne davon, wie die Gehöfte verfielen, die Schindeln und Schieferplatten sich lösten, die Fenster und Türen aus ihren Angeln brachen, der Sturm seine wüsten Tänze trieb mit dem verlassenen Gestühl und den zerbrochenen Geräten. Einer hörte noch davon, daß die Rodungen allmählich wieder vom Wald verschlungen wurden, die Fichtensprößlinge über die beiden Uferwege wucherten, und das Wild frei herumschweifte zwischen den Trümmern. Einer hörte noch davon, daß man irgendwo in einer angemaßten Behörde beschlossen hatte, die Wasser jener Täler, wo niemand mehr wohnte, aufzustauen und einen künstlichen See zu schaffen, in dessen Sintflut alles ertrinken sollte, Wege und Bäume, Häuser und Gründe, alles Getane und alles Erlittene.“

Dieser Eine war der Schriftsteller selbst. 1939 mußte er wegen seiner jüdischen Herkunft vor den Nationalsozialisten fliehen. Er hetzte durch Italien und England. 1941 gelang ihm, wie Bertold Brecht, Thomas Mann, Lion Feuchtwanger und wenigen anderen, darunter auch dem Prager Schriftsteller Hermann Grab die Emigration in die USA und damit war er letztlich dort angekommen, wo Johann Saumer und Josef Schröder viele Jahre vor ihm ihr Glück gesucht hatten.

In den Hochhausschluchten New Yorks, in der 116. Straße, hat er, der diesen Teil des Böhmerwaldes wegen seiner Weite besonders liebte und nicht nur viele Sommer in Glöckelberg verbracht hat, sondern sogar einige Zeit dort wohnte, in den 50er Jahren die Erzählung Wo das Tal endet geschrieben, aus der Erinnerung und mit einer gehörigen Portion Heimweh. Ein „Granit-Klumpen, aufgelesen auf der in Caspar David Friedrichsche Nebel getauchten Höhe“ des Dreisesselberges lag in New York auf seinem Schreibtisch und er gab, zumindest in seinen Briefen nach Europa, die Hoffnung nicht auf, noch einmal über die Grenze in die Berge Böhmens zurückkehren zu können.

Wahrscheinlich hatten sich die Bewohner an diesem, in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts geschaffenen Moldau-Stausee schon damit abgefunden, daß ihnen nicht nur der Blick nach Österreich, sondern auch der Blick nach Deutschland für immer verwehrt bleiben würde, als plötzlich Ende der 80er Jahre die Grenzen geöffnet wurden. Der Stacheldraht wurde aufgerollt, die Wachtürme abgebaut und die Panzersperren entsorgt. Auf beiden Seiten wurden die Schlagbäume geöffnet. Wieder einmal wurde in den Beziehungen der an den Böhmerwald grenzenden Staaten ein Neuanfang gemacht – der beste seit langem.

Nun kann man auf deutscher Seite am Rosenberger Gut, in dem Adalbert Stifter viele Sommer verbracht hat, seine Wanderung am frühen Morgen beginnen und am Rand des Steinernen Meeres, an den vorzeitlich majestätischen Granitblöcken vorbei, zum Plöckenstein aufsteigen. Am Dreiländereck wird man verschnaufen, vielleicht sogar mit einem Entgegenkommenden über die unglaubliche Geschichte dieser Grenze ein paar Worte wechseln oder aus den drei Nachbarländern Deutschland, Österreich und Tschechien über die ehemalige Demarkationslinie hinweg fotografieren. Das anschließende Hochmoor erfordert beim Gehen einige Vorsicht, ist aber durch Stege gut gesichert. Am Stifterobelisk sollte man unter der kleinen Brücke, die den Blick auf den See freigibt, die Initialen der Erbauer suchen, die seit der Errichtung jedes Jahr neu gestrichen werden. Bei schlechtem Wetter ist man froh, wenn die steilen Serpentinen, die zum See hinunterführen, hinter einem liegen. Anschließend kann man auf den Spuren der Geschichte Urzidils weiterwandern:

„Wenn man vom Plöckenstein See in nordwestlicher Richtung bergab durch den Hochwald ging, so gelangte man nach etwa einer dreiviertel Stunde dort, wo sich der Talkessel schließt, zu einer kleinen Holzhaueransiedlung. Sie bestand aus kaum zwei Dutzend Anwesen zu beiden Seiten eines Baches.“

Die Häuser auf der linken Seite des Baches haben die Stürme, die im zwanzigsten Jahrhundert über Mitteleuropa hinweg gefegt sind, eingeebnet. Nicht einmal Ruinen sind übriggeblieben. Die Wiese, auf der der Ich-Erzähler die Mappe meines Urgroßvaters von Stifter in der Sonne liegend gelesen hat, ist einem Parkplatz gewichen. Tschechische, deutsche, österreichische, italienische, polnische und schwedische Autokennzeichen bezeugen, dieser Teil des Böhmerwaldes ist heute wieder für alle Besucher zugänglich. In Jelení sind in den letzten Jahren neue Häuser gebaut worden, viele davon tragen die Aufschrift „Penzion“. Die Zeiten haben sich allerdings geändert: Man mietet sich nicht mehr für einen ganzen Sommer ein oder bleibt zumindest vier bis sechs Wochen.

Für viele ist Hirschbergen nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Krumau oder Budweis. Trotzdem müßte der Bierschimmler Alois aus Urzidils Geschichte Wo das Tal endet darüber weinen – vor Glück.

Wolfgang Sréter

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Dezember 2017


Übrigens: Urzidils „Wo das Tal endet“ und viele weitere Bücher von ihm und anderen deutschsprachigen Autoren, gibt es in der Bibliothek des Goethe-Instituts Prag.

    Wolfgang Sréter

    Wolfgang Sréter, geboren in Passau, stammt aus einer deutsch-ungarischen Familie. Abitur am Gymnasium Pfarrkirchen, anschließend Studium der Volkswirtschaftslehre und Soziologie in Würzburg, Regensburg und München.  

    Seit 1988 freischaffender Autor, Fotograf und Dozent für Kulturmanagement und interkulturelles Lernen. 

    Wer in Passau geboren wurde und dort aufgewachsen ist, wird irgendwann dem Werk Adalbert Stifters über den Weg laufen. Sollte er sich darüber hinaus auch weiterhin für Literatur interessieren ist der Weg zu Johannes Urzidil nicht weit. 

    Viele Jahre war der Weg vom Rosenberger Gut über das Steinerne Meer hinauf zum Dreiländereck, weiter zum Stifter Obelisk und dann hinunter zum Plöckensteinsee wegen der geschlossenen Grenze zwischen Deutschland und der ehemaligen ČSSR versperrt. Man hatte nur vom österreichischen Bärenstein bei schönem Wetter einen Blick auf den Moldaustausee und konnte nur in der Erzählung „Wo das Tal endet“ von Urzidil auf der anderen Seite der Grenze wandern. Jelení, der Schwemmkanal, der See und der Stifterobelisk gehörten zu den ersten Orten, die ich nach 1989 und der Öffnung der Grenze besuchte.

    Wolfgang Sréter
    wolfgangsreter.de

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