Kultur

Ein Symbol für das Bessere in der Nation

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Szene aus dem Film „Jan Palach“. Der Student hatte sich im Januar 1969 auf dem Prager Wenzelsplatz selbst in Brand gesetzt.

Eine „menschliche Fackel“ wollte Jan Palach sein. Aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings verbrannte sich der 20-jährige Student selbst – mitten auf dem Prager Wenzelsplatz. Palach wurde weltweit zu einer Ikone des politischen Protests. Ein neuer Spielfilm versucht sich fast ein halbes Jahrhundert später an einer Erklärung für die Verzweiflungstat. Der Film „Jan Palach“ sollte Pflichtprogramm im Geschichtsunterricht sein, findet jádu-Autor Michael Sodomka.

Viele bedeutende Ereignisse, die die tschechische Geschichte bewegten, fallen auf Daten, deren Jahreszahlen auf acht enden. Daraus ergeben sich zwei Folgeerscheinungen. Einerseits ein Aberglauben, wonach in jedem Achterjahr erneut etwas Bedeutsames geschieht. Andererseits die runden Jahrestage in den Achterjahren, an denen man der bedeutenden historischen Ereignisse gedenkt. Im Jahr 2018 jährt sich die Gründung der Tschechoslowakei zum hundertsten Mal und die Okkupation durch sowjetische Truppen zum fünfzigsten Mal. Zu diesen historischen Meilensteinen äußern sich politische Funktionäre (oder auch nicht), Gedenkveranstaltungen finden statt und es entstehen Kunstwerke, die sich mit diesen Themen befassen. Eine der bedeutendsten diesjährigen Reflexionen des August 1968 ist der Film Jan Palach. Es geht darin um die Tat eines Studenten, der sich ein knappes halbes Jahr nach der Invasion aus Protest auf dem Prager Wenzelsplatz selbst verbrannte.

Der Regisseur Robert Sedláček befasst sich häufig mit realen historischen Persönlichkeiten, etwa in den Serien České století (Das tschechische Jahrhundert) oder Bohéma. Das Drehbuch zu Jan Palach verfasste Eva Kantůrková, die im vergangenen Jahr auch an einem Fernsehfilm über Jan Hus mitgearbeitet hatte. Die Schriftstellerin und Dissidentin Kantůrková war in den 90er Jahren Abgeordnete im Parlament und Vorsitzende der tschechischen Schriftstellerverbandes Obec spisovatelů. Sie setzte also binnen kurzer Zeit gleich zwei bedeutenden Kämpfern für die Freiheit des Wortes und andere liberal-humanistische Werte ein Denkmal.

Ein junger idealistischer Student

Anders als im Fernsehdreiteiler Hořící keř (Burning Bush – Die Helden von Prag) von 2013 werden in Jan Palach nicht die Reaktionen auf die Selbstverbrennung aus Protest gezeigt, sondern ein Kaleidoskop der Ereignisse, die der schicksalhaften Tat vorausgingen. Wir sehen Jan Palach als jungen, idealistischen Studenten, der die Euphorie des zunehmenden Freiheitsgefühls der 60er Jahre für einen Augenblick genießt – und wenig später beginnt zu ersticken. Die Ankunft der Soldaten mit Panzern, die vor der Universität parken oder eine Brücke blockieren, beobachtet er schweigend und mit versteinertem Gesichtsausdruck. Dann jedoch nimmt er diese Maske ab und begeht eine Tat, die deutlich seine Ablehnung der Geschehnisse ausdrückt. Die Drohungen der Okkupanten ignorierend überquert er die Brücke und den Soldaten vor der Universität erklärt er, dass sie das akademische Gelände unverzüglich verlassen sollen. Seine Protestaktionen gehen jedoch ins Leere, genauso wie ein Protestmarsch der Studierenden, bei der Jan von einem Angehörigen der tschechoslowakischen Staatssicherheit verprügelt wird.

Während eines sozialistischen Arbeitseinsatzes in Kasachstan, im Streit mit seiner Mutter oder bei Diskussionen mit seinem Professor ist klar, dass Jan über einen stark entwickelten Sinn für Gerechtigkeit verfügt. Dieser tritt auch dann zum Vorschein, wenn seine Komfortzone dadurch verletzt wird, oder er deswegen erheblichen Schaden davonträgt. Diese episodenhaften Handlungen führen den Jan Palach im Film allmählich dazu, sein Leben zu opfern. Ausschlaggebend für seine Entscheidung ist auch eine Predigt über Jesus, die der Pfarrer aus seiner kleinen Heimatstadt hält. Die hartnäckigen Restriktionen seitens des Staatsapparates gegen jeglichen Widerstand lassen Jan nämlich zur Einsicht gelangen, dass nur eine unerwartete und entschlossene Aktion etwas bewirken kann. Das versucht er auch den führenden studentischen Widerstandskämpfern zu erklären. Wenn schon keine Änderung der Verhältnisse erreicht werden kann, dann zumindest ein Symbol, an das man sich auch noch viele Jahre später erinnert.

Problematisch: leere Motive

Ohne Zweifel begeht dieser zwanzigjährige Junge, der von seiner Mutter und seinen Freunden geliebt wird, eine Heldentat. Bei der filmischen Bearbeitung eines solchen Themas droht ein Absturz ins Pathetische. Doch hier zeigt sich die starke Seite des Regisseurs, der es schafft, dass sich die Schauspieler verhalten und doch einfühlsam ausdrücken. Der gesamte Film wird in diesem Geiste gehalten. Sedláček gelingt es, eine Atmosphäre zu erzeugen, die den Zuschauer durch unerwartet starke Momente vereinnahmt. Dazu gehören die Szenen, in denen Jan den Einmarsch der Soldaten ins Zentrum von Prag oder in seine Heimatstadt Všetaty erlebt, wo er die Wochenenden verbringt. Dass auch dort tauchen Soldaten auftauchen verstärkt das Gefühl der Unbehaglichkeit und Unfreiheit noch einmal.


Einen Eindruck hinterlassen außerdem die Dialoge mit der Mutter oder dem gebrochenen Professor, und das noch lange nach dem Film. Im Gegensatz dazu lassen sich allerdings auch Motive, die lediglich einen Selbstzweck erfüllen, schwer vergessen, wie die Szene, in der Jan neugeborene Welpen ertränkt. Ähnlich leer wirkt das metaphorische Bemühen, Palach, für den das Feuer schicksalhaft war, in einem anderen, kontrastierenden Umfeld zu zeigen. Dabei denke ich vor allem an die Anfangssequenz des Films, in der sich der Held als Kind im Schnee verirrt und leidet, oder wie man ihn beim Schuften in der brennenden Sonne sieht. Das Motiv verliert sich, und es bleibt die Frage offen, was die Filmemacher damit sagen möchten. Auch das Liebesdreieck, als Palach sich in eine attraktive Freundin verliebt, erscheint überflüssig. Ist das ein Versuch, um den Stoff attraktiver zu machen und junges Publikum anzusprechen? Schwer zu sagen, im Film erfährt niemand von seiner Untreue und wir wissen nicht, ob es sich um ein authentisches Ereignis aus Palachs Leben handelt.

Empfehlenswertes Lehrmaterial

Gerade der Gedanke an ein jüngeres Publikum bringt mich zu allgemeineren Überlegungen. Der Film hatte im August Premiere. Das Schuljahr beginnt, und ich denke, dass Schulen Projektionen für Schülerinnen und Schüler organisieren sollten. Es wird immer bemängelt, dass die Geschichte des 20. Jahrhunderts im Geschichtsunterricht mit dem Zweiten Weltkrieg endet. Und gerade der Film Jan Palach kann, trotz der angeführten Kritik, ein ideale Unterstützung beim Unterricht in höheren Schulstufen sein. Gezeigt werden nämlich junge Leute, die ihre Rolle in der Gesellschaft suchen und die auch die komplizierte Rolle der Studierenden erforschen, denen man bis heute vorwirft, dass sie, wie es Palachs Mutter ausdrückte, „lernen sollten, nicht streiken“. Doch wie sagt Jan Palach: „Wenn die Arbeiter nicht streiken, müssen es die Studenten tun.“

Neben der Projektion des Films wäre auch ein anschließender Dialog mit der Lehrkraft oder den Eltern wichtig. Es ist notwendig, daran zu erinnern, dass diese tragische Tat eine aus Verzweiflung begangene Extremhandlung war, und sie fordert dazu auf, ohne Angst weitere Fragen zu stellen. Ruhig auch die wirklich gewagten, die im Film der Politiker Josef Smrkovský wertschätzt, damals Vorsitzender der Nationalversammlung der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik. Er unterstützte, gemeinsam mit weiteren Politikern des Prager Frühlings, also der Zeit der Liberalisierung des Sozialismus, das Bemühen um eine Reformation der Regierungspartei. Im Zuge derer wollte man sich auch der Prinzipien entledigen, die seit Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre herrschten, als die tschechoslowakische Politik vom Personenkult Josef Stalins geprägt war. Smrkovský hörte sich die Meinungen der Studierenden an und nahm sie ernst. Leider wurde er – so wie weitere tschechoslowakische Spitzenpolitiker – gezwungen, der Ankunft der Warschauer-Pakt-Truppen zuzustimmen. Während der darauffolgenden sogenannten Normalisierung durfte er keine wichtige Funktion mehr ausüben. Gerade deshalb ist es notwendig, dass Schülerinnen und Schüler diesen Film zu sehen bekommen.

Michael Sodomka
Übersetzung: Julia Miesenböck

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
September 2018

    Was Jan Palach getan hat

    Der junge Student der Philosophischen Fakultät der Prager Karlsuniversität Jan Palach übergoß sich am 16. Januar 1969 auf dem Prager Wenzelsplatz mit Benzin und steckte sich selbst in Brand. Er protestierte damit gegen die sowjetische Besetzung der Tschechoslowakei und die allgemeine Lethargie, die nach der Niederschlagung des Prager Frühlings in der Gesellschaft herrschte. Passanten löschten den brennenden Studenten, der daraufhin in die Klinik für platische Chirurgie in der Nahe liegenden Legerova-Straße gebracht wurde. Am Ort, an dem Palach sich in Brand gesteckt hatte, vor der Treppe des Nationalmuseums fanden sich rasch Menschenmassen ein. Es kam auch die Sicherheitspolizei, die vor Ort einen Brief fand, in dem Palach seine Tat erklärte. Unterschrieben war der Brief mit „Fackel Nr. 1“.  

    Laut den Erinnerungen des Krankenhauspersonals behauptete Palach,es gebe eine Gruppe von Leuten, die es ihm gleich tun wollten, weitere „Fackeln“. Der junge Mann starb am 19. Januar 1969 an seinen schweren Verletzungen. Die Selbstverbrennung rief in der Gesellschaft unterschiedliche Reaktionen hervor. Studentenvertreter riefen zur Erfüllung von Palachs Forderungen auf. In vielen Städten fanden Trauerfeiern statt. Palachs Begräbnis wurde zu einer Massendemonstration. Öffentlich verurteilt wurde die Tat Palachs von Hardlinern der Kommunistischen Partei, vor allem aus der Bezirksorganisation Prag-Libeň. Die Rede war von einem Missbrauch Palachs [durch westliche Geheimdienste, Anm. D. Übersetzers]. Diese These wurde von dem Politbüro-Mitglied Vilém Nový verbreitet.

    Quelle: HBO CZ

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