Kultur

Der Mensch sehnt sich nach Zerbrechlichkeit

Foto: © TantehorseFoto: © Vojtěch Havlík
Miřenka Čechová: „Die Welt stellt uns vor Herausforderungen, bei denen der Mensch sich entscheiden muss, ob er den Wettbewerb gewinnen will, den die Welt ihm diktiert, ob er bestehen will.“

Warum bleibt sie in Tschechien, wenn sie überall auf der Welt Bewunderung und Staunen erntet? Über das Abenteuer des Geistes und die Herausforderungen der großen Welt mit der Tänzerin und Performance-Künstlerin Miřenka Čechová. Im Gespräch teilt sie ihre Freude am intensiven Erleben jedes einzelnen Tages.

Anfang Oktober 2018 hast du in der Pragovka beim vorerst letzten Projekt deiner Gruppe Tantehorse mit Regie geführt. Dabei ging es um das Thema Wahnsinn, und ihr habt das Projekt „Ereignistheater“ genannt. Warum gerade „Ereignis“, worin liegt für euch dessen besonderer Charakter?

Darin, dass die Menschen vielleicht langsam zu dem Schluss kommen, dass sie im Leben Momente, Ereignisse erleben müssen, die größer sind als sie selbst. Und weil das Ritual und der transgressive Augenblick, in dem wir fühlen, dass etwas größer ist als wir selbst – sei es die Religion oder eben irgendeine Initiation an einem Punkt der biographischen Zeitachse– kein gewöhnlicher Teil unseres Lebens sind, suchen wir das vielleicht mehr in anderen Bereichen. Und gerade die Kunst bietet da die meisten Möglichkeiten. Die Leute wollen eigentlich weg, aus der Alltäglichkeit irgendwohin entführt werden und etwas Außergewöhnliches erleben. Sie wollen dort erfahren, dass es nicht nur um Befriedigung geht, sondern dass sie auf einmal Teil einer größeren Energie sind, die um sie herum entsteht. Das ist ein Erlebnis, das sie – ob nur für einen kurzen Moment oder für eine längere Zeit – verwandeln kann. Es hinterlässt einen Eindruck, erschafft eine ungewöhnliche Erinnerung oder eröffnet ein neues Niveau der Wahrnehmung der Welt oder der Selbsterkenntnis.

Gab es Reaktionen auf dieses Projekt, die reflektierten, ob es gelungen war dieses Instrument zur Erhöhung der Zuschauer und Akteure richtig einzusetzen? Oder ob sich in ihnen ein neuer Pfad geöffnet hatte?

Sicher. Wir haben versucht ein Werk zu schaffen, bei dem die Grenze zwischen Theater und Wirklichkeit nicht ganz klar ist. Wir haben mit einer schmalen Grenze zwischen Theater und Performance gearbeitet, wobei die Performance den Menschen stärker berührt, weil sie hier und jetzt passiert, in einer gewissen Unvorbereitetheit und Rohheit. Es ist uns passiert, dass einzelne Charaktere, die auf der Bühne sprachen, eigentlich authentisch zu den Zuschauern sprachen, und die begannen ihnen zu antworten. Eine der Figuren war ein sehr despotischer – wenn auch anfangs sehr kommunikativer – Manipulator, der aber allmählich die Kontrolle über das Publikum erlangte.

Gerade in dem Moment, als er in die Grenze zur Komfortzone der Zuschauer überschritt, rief das wirklich eine unglaublich starke Reaktion hervor. Sie begannen ihm zu antworten und sich eigentlich gegen diese Attacke zu wehren, was wir genau so gewollt hatten. Sie stellten sich nämlich auf eine Seite, nahmen einen Standpunkt ein, konsumierten die Kunst nicht wie eine fertige Sache, wie ein vorbereitetes Spiel, sondern hatten das Gefühl, dass etwas hier und jetzt mit ihnen geschieht. Und viele sagten, dass sie nicht gewusst hätten, ob alles so geplant war. Die Verunsicherung des Zuschauers und Grenzüberschreitung waren genau mein Ziel, was natürlich auch mit dem Beginn und dem Ende zusammenhing. Denn das Stück wurde nicht mit Applaus und einem Schlusspunkt beendet, sondern ging eigentlich fließend ins Happening über. Die Zuschauer waren ein Teil von alldem, und auf einmal waren es nicht nur die Schauspieler, die tanzten, sondern die Zuschauer tanzten mit ihnen. Und dann bewegten sich alle frei durch den Raum, begannen Wein zu trinken, sich miteinander zu unterhalten, was bedeutet, dass sich diese Grenze vollständig zerflossen war, und so entstand das Ereignis.


Für mich war „!O! - Family Therapy“ (Arbeitstitel: „Wahnsinn“) in der Pragovka eine Performance der Zerbrechlichkeit, bei der die Verletzlichkeit jedes Charakters enthüllt wurde. Trotzdem ist es heute genau das, was die meisten Menschen, vom perfekten Manager bis hin zum vollkommenen Tänzer, zu verstecken versuchen. Denkst du, dass die Zerbrechlichkeit heute beleuchtet werden kann und auf der Bühne unserem Blick standhält?

Der Name Wahnsinn ist etwas irreführend. Wir haben ihn verwendet, weil er provokativ und in gewisser Hinsicht kontrovers ist. Für mich bedeutet Wahnsinn eben genau das Ausscheren aus der Norm, Neurodiversität. Was wir in unserer „westlichen“ Welt zum Beispiel für wahnsinnig halten, erscheint vielleicht gemäß den Werten der östlichen Gedankenwelt vollkommen normal. Und wenn wir konkret die Krankheiten betrachten, so kann das, was in unserem Kontext zum Beispiel als Schizophrenie diagnostiziert wird, von einem primitiven Naturvolk für die Tugend der Schamanen gehalten werden, weil diese fähig sind in eine andere Existenz hineinzusehen.

Die meisten von uns wollen ihre Zerbrechlichkeit nicht zeigen, weil wir nicht verletzt werden wollen. Wir haben gelernt uns so zu verhalten, wie es in dieser Welt nützlich ist, in einer Art, die uns vor anderen Menschen schützt. Aber das schützt uns auch vor uns selbst, und so sprudelt alles nur in manchen Momenten, in Bruchteilen unseres Lebens hervor. Aber ich denke eben, dass die Zerbrechlichkeit etwas ist, wonach sich der Mensch schrecklich sehnt, er weiß, dass er sie da irgendwo hat, dass sie das Wunder ist. Zerbrechlichkeit ist das, was uns verbindet.

Und denkst du, dass das ein Grund dafür sein könnte, warum man sich eine Tanz-Performance anschauen sollte? Würde ich als Zuschauer ohne diese Erfahrung etwas verpassen, wenn ich den Tanz meide und sage, dass das nichts für mich ist?

Viele Menschen haben Bedenken gegenüber dem Tanztheater oder Vorstellungen, bei denen getanzt wird, weil sie Angst haben sie nicht zu verstehen. Sie sagen: „Also das habe ich nicht verstanden. Worum ging’s da?“ Der Tanz ist für den Zuschauer also eine schrecklich intime Angelegenheit, weil die Interpretation dessen, was er sieht, allein ihm überlassen bleibt. Wenn wir in einen herbstlichen Park gehen und einen zweistündigen Spaziergang erleben, dann wirkt die Atmosphäre des Parks irgendwie auf uns. Wir sehen da etwas, aber das, was sich während der zwei Stunden in unserem Kopf abspielt, das, was wir da erleben, worüber wir nachdenken, das ist bei jedem anders. Genauso ist es mit dem Tanztheater. Jeder Zuschauer erlebt eine solche Veranstaltung garantiert auf unterschiedliche Weise, jeder kann sagen, dass es um etwas vollkommen anderes ging. Und jeder Zuschauer wird damit Recht haben, weil es keine richtige Antwort gibt.

Um nochmal zu dir zurück zu kommen: Für mich immer noch ziemlich bemerkenswert, dass du nach einer Auszeichnung durch die „Washington Post“ und Erfolgen weltweit immer noch nach Tschechien zurückkehrst. Was ist in der Zeit zwischen deiner Figur in der Inszenierung „Miss AmeriKa“, die von New York verhext wurde, und Miřenka, die in der 30-stündigen Performance „Momentum“ in Brno die Zeit hat langsamer laufen lassen, passiert? Gab es da irgendein Ereignis oder handelt es sich um die gleiche Persönlichkeit?

Das ist sicher immer noch dieselbe Persönlichkeit, es geht nur um zwei verschiedene Sichtweisen der Welt. In der einen ist man fasziniert von den äußerlichen, scheinbaren Möglichkeiten, die die große Welt mit sich bringt und die sie einem bietet, um erfolgreich zu sein. Man hat eine unbegrenzte Anzahl von Möglichkeiten zu sein, wer man sein will. Und die zweite Welt ist dann das private, persönliche Universum in unserem Inneren, das bei jedem ein bisschen anders aussieht. Und diese zwei Welten existieren in mir parallel und ich denke, dass beide schrecklich fruchtbar sind. Die große Welt stellt uns vor Herausforderungen, bei denen der Mensch sich entscheiden muss, ob er den Wettbewerb gewinnen will, den die Welt ihm diktiert, ob er bestehen will. Ich habe das Gefühl, dass der Mensch, wenn er sich auf ein geistiges Abenteuer begeben will, nicht in Mitten eines Abenteuers in der großen Welt unterwegs sein kann. Er braucht Stille, er muss die Reize abstellen. Nach einer gewissen Zeit fühle ich immer ein tiefes Bedürfnis, mich diesem authentischen, diesem inneren Selbst, diesem zerbrechlichen, verletzlichen, erbärmlichen Etwas zuzuwenden. Ich will die Welt außerhalb des Systems, der Ordnung und außerhalb der Welt erfahren, die die Regeln diktiert.

Miřenka, du wirkst auf mich vom ersten Moment an, als wir uns kennengelernt haben, wie ein Mensch der allem mit Staunen begegnet. Was hat dich in letzter Zeit fasziniert?

Mich faszinieren ziemlich viele Dinge. Wahrscheinlich am meisten die menschliche Kreativität, der Wille, die Welt zu verbessern. Mich fasziniert die persönliche Moral, wenn ich immer noch Menschen sehe, die kleine Heldentaten im Alltag vollbringen. Das fasziniert und rührt mich. Wenn ich sehe, wenn jemand sich selbst überwindet oder seine eigene Bequemlichkeit, das, was für ihn gut ist, und sich auf den Weg macht zu etwas Höherem, dann berührt mich das immer. Ich dachte nämlich, dass das bereits verlorene Werte sind, die in unserer Welt schon nicht mehr existieren, weil wir schon in einer anderen Zeit leben. In einer Zeit der Technologie, der schnellen Befriedigung, der sofortigen Selbstpräsentation. Dass wir eine sehr egoistische Welt sind, in der jeder für sich unterwegs ist. Und wenn ich einen Menschen sehe, der alle von der Zeit diktierten Gewohnheiten und Stereotypen überwindet und sich zu etwas hinwendet, was aus Unbequemlichkeit oder extremer Anstrengung entsteht, wenn er sich selbst überwinden muss, dann bin ich gerührt.

Kristýna Boháčová
Übersetzung: Hana Sedláček

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Dezember 2018

    Miřenka Čechová

    Miřenka Čechová ist gegenwärtig eine der herausragendsten Vertreterinnen des physischen und des Tanztheaters. Sie ist sowohl in Tschechien als auch im Ausland tätig. Čechová ist Mitgründerin der beiden Ensembles Spitfire Company (mit P. Boháč) und Tantehorse (mit R. Vizváry). Als Regisseurin und Choreographin ist sie verantwortlich für mehr als zehn abendfüllende Inszenierungen  , oft internationale Koproduktionen.

    Ihre jüngsten Aktivitäten waren die Performance Miss AmeriKa, die sich mit der Einsamkeit von Bewohnern New Yorks beschäftigt (auch als Buch erschienen), und das Projekt !O! - Family Therapy, das die Themen Wahnsinn und psychische Krankheiten erforscht, aus einem Verständnis von der Kunst als Diagnose.

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