Kultur

„So kompromisslos wie möglich“

© Die Gruppe | Kētos Foto: © Eliška Cikán
Ondřej Cikán (rechts) und Anatol Vitouch haben den Verlag Kētos gegründet.

Der Altphilologe, Schriftsteller und Übersetzer Ondřej Cikán hat einen Verlag gegründet. Im Interview spricht er darüber, wie man Unübersetzbares übersetzt – und warum Nischenverlage im angespannten Buchmarkt eine Chance haben.

Das Kētos ist in der griechischen Mythologie ein Meeresungeheuer. Wie kommt man dazu, einen Verlag nach einem solchen Geschöpf zu benennen?

Wir nutzen schon seit 2002 den Wal als Logo unserer Literatur- und Filmemachergruppe „Die Gruppe“. Als wir nun den Verlag gegründet haben, haben wir einen Namen für den Wal gesucht und ihn im Kētos gefunden. Das Kētos haben wir von Anfang an als ein Monster betrachtet, das den Musen dient und langweilige Phrasen auffrisst.

Hinter Kētos steckt neben dir noch Anatol Vitouch, mit dem du seit vielen Jahren das Projekt „Die Gruppe“ pflegst. Seid ihr auch privat befreundet?

Ja, schon seit Schulzeiten.

Wie schafft man es, als befreundete Künstler so eng zusammenzuarbeiten beziehungsweise die Freundschaft dabei aufrechtzuerhalten?

Ich glaube, dass eine intensive Zusammenarbeit die Freundschaft noch verstärkt.

Euer Verlagsprogramm konzentriert sich auf „poetische Abenteuerliteratur“ aus Tschechien. Wie bedeutend ist dieses Genre in der tschechischen Literaturszene?

Wir übersetzen nicht nur aus dem Tschechischen, sondern auch aus dem Altgriechischen. Und aus dem Deutschen ins Tschechische. Dass wir uns auf tschechische Literatur konzentrieren, liegt aber nicht nur daran, dass ich aus Prag stamme: In der tschechischen Literatur gibt es einfach besonders oft die Kombination von spannender Handlung und poetischer Sprache. In unserem Programm haben wir einerseits das Langgedicht von J. H. Krchovský, Die Mumie auf Reisen, das eigentlich eine Art düstere Neufassung von Máchas Mai (Máj) ist. Auch die Lyrik-Sammlung von Zuzana Lazarová bietet einige erzählende Gedichte, wie zum Beispiel Lilith. Und dann haben wir poetische Romane im Programm: Valerie und die Woche der Wunder von Vítězslav Nezval und Blutiger Roman von Josef Váchal sind beide an die sogenannten Kolportageromane oder Hintertreppenromane des 19. Jahrhunderts angelehnt. Das waren riesige Abenteuer-Werke von bis zu 4000 Seiten. Nezval und Váchal straffen diese Vorlagen zu Kurzromanen, „poetisieren“ sie und verstärken dadurch die Abenteuerlichkeit.

Auf der Verlags-Webseite schreibt ihr, dass ihr „Unübersetzbares“ übersetzt. Gerade das Tschechische hat ja eine ganz andere Bildsprache als das Deutsche. Wie übersetzt man Poesie, die ja einerseits sehr prägnant ist und andererseits von der Zweideutigkeit lebt, adäquat ins Deutsche?

Wenn wir sagen, dass wir „Unübersetzbares“ übersetzen, meinen wir eigentlich, dass wir uns der Werke annehmen, die als „unübersetzbar“ gelten. Dabei geht das schon. Unser Anspruch ist, so präzise wie möglich sowohl Inhalt als auch Form zu übernehmen und dabei so kompromisslos wie möglich zu sein. Das kostet natürlich Zeit. An der Übersetzung des ausgefeilten altgriechischen Romans von Longos hat mein Wiener Griechisch-Professor Georg Danek sieben Jahre gearbeitet, die letzten drei Jahre mit mir. An dem Roman von Váchal sitze ich seit vier Jahren, damit das Ergebnis so locker-flockig wird wie das Original.

Wo liegen für dich die größten Herausforderungen beim Übersetzen?

Eben nicht nur den Inhalt wiederzugeben, sondern auch die Form, weil diese den Inhalt mitbestimmt. In den Gedichten von Krchovský etwa ergeben sich die besonderen Pointen durch die ausgefallenen Reime. In Váchals Blutigem Roman sind viele graphische Feinheiten versteckt. In einem Absatz etwa, wo von Dippeln und Syphilis die Rede ist, endet jede Zeile mit einem „o“. Solche Witze übernehmen wir genau aus dem Original. Der Vorteil des eigenen Verlags besteht darin, dass wir auch den Satz genau bestimmen können. Die Gedichtzeilen werden bei uns nicht getrennt, und Váchals Roman, der ja auch ein graphisches Kunstwerk ist, setzen wir so, dass er mit allen Illustrationen Seite für Seite genau dem Original entspricht.

Verlagsgründungen gelten als sehr risikoreich – es werden in Deutschland immer weniger Bücher gelesen. Was hat euch dazu bewogen, das Risiko einer Verlagsgründung einzugehen?

Wir haben uns nicht verschuldet. Wir hatten das Glück, dass alle Übersetzungen aus dem Tschechischen, die jetzt bei Kētos erscheinen, vom tschechischen Kulturministerium gefördert wurden. Solange der Verlag keine Gewinne erzielt, bleibt er als Verein organisiert, sodass wir notfalls jederzeit wieder aufhören können.

Zur Leipziger Buchmesse im März wollt ihr die Bücher einem deutschen Publikum vorstellen. Wie wollt ihr die Nische „poetische Abenteuerliteratur“ aus Tschechien und der griechischen Antike vermarkten?

Es ist natürlich schwierig, sorgfältig an Übersetzungen zu arbeiten und gleichzeitig die Werbemaschine anzukurbeln. Es braucht Lesungen und Rezensionen. Leider hat es die tschechische Literatur in Medien und Buchhandel nicht leicht, und die Lyrik hat es sehr schwer. Schließlich heißt es immer, dass die Leute weniger lesen. Gerade deshalb bin ich davon überzeugt, dass es eine neue Art von Büchern braucht. Spannend sind auch Fernsehserien, aber das, was die Literatur an Mehrwert liefern kann, ist eine poetische Sprache, die aus dem Vollen schöpft und neue Arten der Wahrnehmung eröffnet. Moderne Lyrik hat einen schlechten Ruf, weil sie tatsächlich meistens unzugänglich ist. Die typische „hohe“ Belletristik, die meist Familienprobleme behandelt, ist oft fad. Die auf dem Fließband hergestellte Genre-Literatur ist festgefahren und völlig unpoetisch. Wir machen also Bücher, die poetisch und spannend sind. Das sollte keine Nische sein.

Das Kētos also auch als Botschafter spannender moderner Lyrik aus Tschechien…

Nicht nur der modernen! Das tschechische Kulturministerium fördert jetzt auch Übersetzungen von nicht mehr lebenden Autorinnen und Autoren. Das ist sehr wichtig. Wenn die tschechische Gegenwartsliteratur im deutschsprachigen Raum verstanden werden soll, muss auch ihre Tradition bekannt sein. Viele tschechische Dichter wurden bisher gar nicht übersetzt, weil eben der Schwerpunkt auf der Poetik in der tschechischen Literatur so groß ist, was das Übersetzen erschwert. Wir übersetzen dieses Unübersetzbare. Mit der Zeit soll Kētos einen Querschnitt der tschechischen Dichtung vom Symbolismus über den Poetismus bis zum Surrealismus herausbringen.

Das Interview führte Isabelle Daniel für jádu | Goethe-Institut Prag


Dieser Text ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0).

Februar 2019
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