Leben

„Afghanistan ist in Berlin etwas sehr Abstraktes“

Foto: © Sebastian Christ

Der Journalist Sebastian Christ über sein Afghanistan-Reportagenbuch

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Sebastian Christ recherchierte für sein Reportagenbuch „Das Knurren der Panzer im Frühling“ in Afghanistan. Foto: © Sebastian Christ

Mehr als zehn Jahre lang waren deutsche Soldaten in Afghanistan stationiert. Für die weitere Entwicklung des Landes fühlt sich in Deutschland jedoch kaum jemand verantwortlich. In den Umfragen lehnten die meisten Deutschen den Krieg stets ab – bei den Bundestagswahlen gaben sie indes den Parteien ihre Stimme, die ihn unterstützten. Über dieses Paradox, die Nachkriegssituation in Afghanistan und sein Reportagenbuch „Das Knurren der Panzer im Frühling“ spricht der Berliner Journalist Sebastian Christ im Interview.

„Wenn die Amerikaner aus Afghanistan abziehen, dann bricht hier das ganze Land zusammen“: Diesen Satz eines deutschen Offiziers zitierst du in einer der Reportagen. Was ist dran an dem Satz?

Ich glaube schon, dass Afghanistan Gefahr läuft, in einen Bürgerkrieg abzurutschen – ganz einfach weil die Sicherheitskräfte trotz aller Bemühungen der Ausbilder nicht in der Lage sind, für Sicherheit im Land zu sorgen. Das zeigen ja auch schon Vorfälle in diesem Jahr, beispielsweise aus der Provinz Badakhshan. Dort war die Bundeswehr schon abgezogen und musste später nochmal Soldaten entsenden, um für Sicherheit zu sorgen, weil die afghanischen Sicherheitsleute und Polizisten dazu nicht in der Lage waren. Auch in und um Kunduz gab es in den vergangenen Monaten vermehrt Anschläge. Selbst das sonst so ruhige Mazar-e-Sharif ist betroffen.

In deinem Buch gehst du auf das Problem ein, dass die afghanischen Mitarbeiter der Bundeswehr nach deren Abzug in einer gefährlichen, wenn nicht lebensbedrohlichen Situation sein werden. Die Bundesregierung hat nun entschieden, dass etwa 180 afghanische Mitarbeiter der Bundeswehr und ihre Familien ein Einreiserecht nach Deutschland bekommen sollen. Ein guter Schritt?

Ich finde diesen Schritt für sich genommen sehr positiv. Auf der anderen Seite ist das natürlich eher Symbolpolitik. Die Deutschen haben in der ganzen Zeit, in der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan waren, mit tausenden Afghanen zusammengearbeitet. Wenn man mit Stammes-Gesellschaften zu tun hatte, dann weiß man, wie schnell sich herumspricht, dass beispielsweise der Cousin nur mal im deutschen Camp den Müll aufsammelt. Die 180, die jetzt nach Deutschland einreisen dürfen, sind vielleicht die herausragendsten Übersetzer und die wichtigsten Kontaktpersonen. Aber die ganz große Masse der Mitarbeiter muss im Land bleiben. Und die sind in der Tat dann, in den unsicheren Zuständen, in denen sie sich nach 2014 befinden werden, mit ihren ganzen Ängsten und Nöten allein. Da ist die Bundesregierung in der Verantwortung zu reflektieren, was eigentlich wirklich das Erbe der Bundeswehr ist, wenn sie dort abzieht.

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Die Idee zu deinem Buch ist ja aus einem sehr persönlichen Antrieb heraus entstanden: Die ersten Soldaten, die mit der Bundeswehr nach Afghanistan gingen, kamen auch aus deiner Heimatstadt Frankenberg. Hattest du das Gefühl, trotz dieser biographischen Note noch objektiver Beobachter sein zu können?

Objektiver Beobachter zu sein war nie mein Anspruch. Ich glaube auch, dass es auch im alltäglichen Journalismusgeschäft eher Legende ist, dass es so etwas wie einen objektiven Beobachter überhaupt gibt. Mein Ziel war es nicht, eine Form von Informationsjournalismus zu leisten, die man von den Nachrichtenseiten der deutschen Zeitungen kennt. Was ich mache, ist literarischer Journalismus. Erzählend, aber auf Fakten basierend. Die Anregung zu diesem Format habe ich während meiner Auslandsaufenthalte in Polen und den USA bekommen. In beiden Ländern hat der literarische Journalismus eine unglaublich starke Tradition. Dabei entstand dann die Idee, für Afghanistan die Form der journalistischen Kurzgeschichte zu wählen.

Entsprechend ist der Ton deiner Kurzgeschichten und auch der Titel des Buches, „Das Knurren der Panzer im Frühling“, ist sehr poetisch. Wird das dem Thema „Krieg“ gerecht? Hast du dir über diesen moralischen Aspekt des Schreibstils Gedanken gemacht?

Ja, natürlich. Es ist ja so: In Afghanistan hat man als ausländischer Reporter ein Problem. Es gibt dort wahnsinnig viele Sichtweisen auf die Dinge. Du gehst zu einem amerikanischen Presseoffizier am Flughafen von Kabul, und er wird dir die erste Version einer Geschichte erzählen. Der Koch, der an einer Straße in Kabul arbeitet, erzählt dir dann genau das Gegenteil. Je mehr Leute du triffst, desto mehr Versionen der Geschichte hörst du. Letztlich ist es aufgrund der Sicherheitslage im Land kaum möglich, alles zu verifizieren. Die Vorstellung vom „objektiven Journalismus“ beruht ja auf der Annahme, dass man Aussagen überprüfen und mit irgendeiner Form von „Wahrheit“ konfrontieren kann. Diese Möglichkeit gibt es in Afghanistan äußerst selten. Für mich stellte sich deshalb die Frage: Welche Beobachter-, welche Erzählerrolle nehme ich dort ein? Die Antwort war: Ich bin ein subjektiver Reporter. Das heißt, was die Leser lesen, ist meine Sichtweise, und ich mache nie einen Hehl daraus. Das zweite ist, dass ich auch eine gewisse Transparenz im Buch herstellen wollte. Ich schreibe darüber, wenn ich etwas nicht weiß oder meiner Sache unsicher bin.

Eine große Zeitung hat vor kurzem eine Liste mit der Literatur veröffentlicht, die seit Beginn des Krieges über Afghanistan entstanden ist. Dein Buch wurde dort als eines der wenigen lesenswerten herausgestellt. Wie erklärst du dir dieses Defizit beim literarischen und journalistischen Zugang zu Afghanistan?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Journalistisch gesehen, mal losgelöst von der Literatur, ist das Problem, dass Deutschland das Thema einfach sehr stiefmütterlich behandelt. Man muss sich nur mal die Korrespondentensituation vor Augen führen, die wir in Afghanistan haben. Es gibt keinen einzigen festangestellten Korrespondenten eines deutschen Mediums, der dauerhaft in Afghanistan wohnen würde – keinen einzigen! Alles, was wir aus Afghanistan hören über den Krieg, den wir dort führen, hören wir aus zweiter Hand, von freien Mitarbeitern oder sogenannten „Stringern“, Informationszuträgern. Wir haben ein Rieseninformationsdefizit, das einer Annahme in den Chefetagen der deutschen Redaktionen geschuldet ist: Afghanistan interessiert die Deutschen nicht.

Ist es denn nicht so?

Diese Annahme ist durchaus nicht unbegründet. Bei den Umfragen sind 70 Prozent der Deutschen gegen den Krieg, aber bei den Bundestagswahlen wählen sie immer wieder Parteien, die den Krieg unterstützen. Eine ziemlich widersprüchliche Haltung, die sich nur dadurch erklären lässt, dass den meisten Deutschen Afghanistan am Ende doch nicht so wichtig ist. Nun, und dann haben wir Diskussionen wie die um Tanklastwagen-Angriff bei Kunduz im Jahr 2009. Alle suchen nach den Schuldigen für diese Katastrophe, dabei ist die Lösung so simpel wie erschreckend: Fast alle Deutschen waren dafür verantwortlich. Denn die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee, vom Bundestag entsandt – und die Abgeordneten werden nicht von irgendwem gewählt, sondern von den Bürgern. Fast jeder Wahlberechtigte hat seit 1998 irgendwann mal eine Partei gewählt, deren Abgeordnete Soldaten nach Afghanistan geschickt haben. Wir alle führen Krieg. Wahrhaben wollen das die wenigsten.

Deshalb gibt es auch so wenige gute Romane, die den Krieg in Afghanistan zur Grundlage haben?

Natürlich wirkt sich das auch auf den Literatur- und den Kulturbereich im Allgemeinen aus. Das, was wir bei den Medien sehen, erleben wir eben auch bei den Kulturschaffenden. Das Thema Afghanistan ist für viele Autoren unheimlich schwierig. Wegen der räumlichen Distanz zum Einsatzland, aber auch, weil sich viele deutsche Künstler als pazifistisch oder zumindest militärkritisch sehen. Soldaten, die in den Einsatz gehen, tun dies jedoch freiwillig. Es gibt darüber hinaus keine große Ungerechtigkeit seitens des Staates, die man anprangern könnte – so wie noch in Vietnam etwa, als die US-Regierung Millionen junger Wehrpflichtiger um den halben Globus in einen sinnlosen Krieg schickte. Ich glaube, dass es auch eine große Rolle spielt, dass viele Kulturschaffende in Deutschland in großen Städten zu Hause sind. Der Krieg in Afghanistan hat aber zuallererst auf die ländlichen Regionen Deutschlands zurückgewirkt. Viele Bundeswehrsoldaten, die nach Afghanistan geschickt werden, sind in der Provinz stationiert – beispielsweise Frankenberg, meine Heimatstadt. Sie gehörte zu den kleinen Städten, die durch den Krieg in Afghanistan großes Leid zu verkraften hatten. In den Großstädten spürt man das nicht so. Wenn hier Soldaten stationiert sind, gehen sie in der großen Menge unter. Das ist auch ein Defizit, das bei den Entscheidern im Bundestag zu spüren ist. Afghanistan ist in Berlin etwas sehr Abstraktes.


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Januar 2014

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