Leben

Der Wille zählt

Foto: Steffen Rumke, CC BY-SA 3.0Foto (Ausschnitt); Sander van Ginkel, CC BY-SA 3.0
Bobfahrer Winston Watt und Marvin Dixon. Foto (Ausschnitt); Sander van Ginkel, CC BY-SA 3.0

Von Olympiatouristen ist die Rede, von Exoten oder einem Haufen Verrückter: Gemeint sind all jene Sportler, die nicht aus klassischen Wintersportnationen kommen und ihr Land dennoch bei den Olympischen Spielen vertreten. So manch Amateur ist etwa mit geborgten Langlaufskiern unterwegs. Von vielen Zuschauern werden sie belächelt, von Fans zu Kultfiguren stilisiert, andere (Profi-)Sportler zollen ihnen für ihr Durchhaltevermögen Respekt. Unabhängig von ihrer Vorbereitung haben sie doch eines gemeinsam: Dabei sein ist für sie alles.

Jamaikanische Bobmannschaft

„Das geht über eure Vorstellungskraft, Jamaika hat ’ne Bobmannschaft“ war das Motto der US-amerikanischen Filmkomödie Cool Runnings. Tatsächlich basierte der Film über die vier Bobfahrer, die sich ihren Olympiatraum erfüllen wollen, auf einer wahren Begebenheit. 1988 konnte sich in Calgary erstmals eine jamaikanische Bobmannschaft für Olympische Spiele qualifizieren, seither ist die Begeisterung in der Karibik für diesen Wintersport groß.

Dank einer Sondergenehmigung sind die jamaikanischen Bobfahrer in Sotschi wieder mit am Start. Winston Watt und Marvin Dixon haben mittels Crowdfunding Geld gesammelt, um das Training und die Reise finanzieren zu können.

Ihre Außenseiterrolle ist ihnen bewusst, das Projekt wird trotzdem durchgezogen. Auch wenn Marvin Dixon jeden Tag ans Aufhören denkt, wie er in einem Interview verrät: „Es ist so kalt, meine Finger frieren ein“, erzählt er über die Olympiavorbereitungen bei minus 15 Grad in den USA.

Die beiden Jamaikaner sind aber nicht die einzigen Exoten bei den Bob-Wettbewerben. Brasilien schickt bereits zum dritten Mal einen Viererbob bei den Männern und erstmals auch einen Frauen-Zweier an den Start.

Pop-Geigerin im Slalom-Fieber

Neben den „Cool Runnings“ zählt wohl Vanessa Mae zu den berühmtesten Außenseitern in Sotschi. Die 35-Jährige wurde als musikalisches Wunderkind und Pop-Violinistin bekannt, vor einem Jahr hat sie den Geigenbogen jedoch gegen Skistöcke eingetauscht. Mae, die sowohl die britische als auch die thailändische Staatsbürgerschaft besitzt, wird für das Königreich Thailand an den Start gehen. Das Heimatland ihrer Mutter vertritt sie im Riesenslalom und Slalom. Die Stargeigerin zählt als Ski-Exotin, Anfängerin ist sie trotzdem keine. Erstmals auf Skiern stand Mae bereits mit vier Jahren, in ihrer Wahlheimat Zermatt hat sie nun ideale Trainingsbedingungen vorgefunden.

Im Januar hat Vanessa Mae in Italien und Slowenien an FIS-Rennen teilgenommen, sie konnte jedes Mal ein Top-Ten-Ergebnis vorweisen. Dadurch hatte sie die vorgegebene Punkteanzahl bei FIS-Rennen, die als Voraussetzung für einen Olympiastartplatz gilt, erfüllt.

Bruno Banani aus Tonga

Auch das Königreich Tonga wird in Sotschi vertreten sein – und zwar durch den Rodler Bruno Banani. Seinen Pass ziert nicht zufällig derselbe Name wie den deutschen Unterwäschehersteller. Geboren wurde Bruno Banani 1987 als Fuahea Semi, der Inselstaat im Südpazifik ist sein Heimatland. Seiner Namensänderung im Jahr 2008 liegt eine absurde Marketingidee zugrunde. Weil sowohl Werbung als auch Schleichwerbung bei Olympischen Spielen verboten sind, hat die „bruno banani Underwear GmbH“ zu anderen Mitteln gegriffen. Und Fuahea Semi hat bei dieser umstrittenen Idee mitgemacht.

2009 hat er heute 26-Jährige in Deutschland zum ersten Mal Schnee gesehen, zuvor hat er sich in seiner Heimat beim Casting „Tonga sucht den Super-Rodler“ durchgesetzt. Daran war, wie sich erst später herausstellte, auch eine Werbeagentur beteiligt. Man wollte damals einen Olympiateilnehmer für die Spiele 2010 in Vancouver finden. Beim Versuch, sich für Vancouver zu qualifizieren, stürzte Banani schwer.

Heute ist er „Paten-Athlet“ der deutschen Rodler und darf deshalb alle Lehrgänge der deutschen Nationalmannschaft mitmachen. Die Aufregung um seinen Namen kann er nicht verstehen: „Entscheidend ist der Sport, das mit dem Namen ist nicht so wichtig.“

Vom Microsoft-Web-Entwickler zum Olympioniken

Ehrgeizig sei er schon immer gewesen, und auch eine Kämpfernatur. Das schreibt Roberto Carcelen auf seinem Blog. Eine seiner härtesten Herausforderungen steht ihm aber noch bevor. Der Peruaner startet im 15-km-Langlauf-Rennen im klassischen Stil. Und das, obwohl sich der 43-Jährige kurz vor den Olympischen Spielen beim Training in Seefeld (Tirol) einen Rippenbruch zugezogen hat.

Der Südamerikaner arbeitet als Web-Entwickler bei Microsoft, für den Zeitraum der Olympischen Winterspiele wird er bereits zum zweiten Mal nach Vancouver 2010 als Sportler unterwegs sein. Damals war er der einzige Athlet seines Landes und der erste Peruaner überhaupt, der sich für Winterspiele qualifizierte.

Im Alter von 29 Jahren stand Carcelen erstmals auf Langlaufskiern, seit diesem Zeitpunkt träumte er von einer Teilnahme bei Olympischen Spielen. Nur dabei sein reicht ihm nicht. Er hat ein klares Ziel vor Augen: Er möchte auf jeden Fall schneller laufen als andere Langlauf-Exoten, etwa aus Brasilien oder Argentinien.

Ein Inder ohne Flagge im Eiskanal

Rennrodler Shiva Keshavan ist ein Meister der Improvisation. Weil es in Indien keinen Eiskanal gibt, stürzt er sich waghalsig die Bergstraßen im Himalaya hinunter, statt auf Kufen trainiert er auf Rollen. Und weil er auch keinen eigenen Rodelschlitten besitzt und keinen Coach hat, schloss er sich im Training dem US-Team ann und leiht sich sein „Arbeitsgerät“ für die Zeit des Wettkampfes.

In Nagano 1998 startete Keshavan erstmals bei Olympia – der damals 16-Jährige ging als jüngster Teilnehmer in die Geschichte der olympischen Rodel-Wettbewerbe ein und als einziger Vertreter seines Landes. Seine Landesleute waren damals verwundert, viele wussten nicht, dass neben dem Nationalsport Kricket auch noch andere Sportarten existieren, erzählt Keshavan oftmals lachend in Interviews.

Offiziell darf der 32-Jährige allerdings bei seinen fünften Spielen in Sotschi gar nicht mehr für Indien starten. Er muss unter der olympischen Flagge als unabhängiger Teilnehmer antreten. Indiens Nationales Olympisches Komitee wurde nämlich vorläufig vom IOC suspendiert, weil sich die Regierung bei den Komitee-Wahlen eingemischt haben soll und ehemalige indische IOC-Mitglieder unter Korruptionsverdacht stehen. „Ich werde trotzdem in meinem Herzen und meinem Hirn für Indien kämpfen“, sagte Keshavan und hofft gleichzeitig auf die erste indische Rodelmedaille.


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Februar 2014
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