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Olympia und Politik

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Die Olympischen Spiele in Sotschi haben einmal mehr die Frage nach der Verbindung von Sport und Politik aufgeworfen. Im Zusammenhang mit der Menschenrechtssituation in Russland haben mehrere Staatschefs eine Reise nach Sotschi abgesagt, darunter der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck. Aber sollten Sport und Politik nicht voneinander getrennt werden? Und sollten wir nicht eher vor der eigenen Haustür kehren? Drei Aktivisten erklären, warum sie beide Fragen mit Nein beantworten.

Gulya Sultanova (Organisatorin des internationalen schwul-lesbisches Filmfestivals Side-by-Side, das seit 2008 jeden Herbst in Russland stattfindet)

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Gulya Sultanova, Foto: © privat

  • Es ist sehr wichtig, dass ihr beziehungsweise eure Regierung richtig Druck ausübt. Die Regierung sollte sich zum einen dafür einsetzen die Menschenrechte im Land zu schützen, sich aber auch für die Menschenrechte auf der hohen, internationalen Ebene stark zu machen und das Thema einfach immer wieder im Dialog mit russischen Behörden, mit Vertretern der russischen Regierung und anderen staatlichen Organen zu erwähnen. Ich glaube, das ist sehr wichtig. Der internationale Druck kann wirklich viel bewirken. Die russische Regierung kümmert sich gar nicht um die Gesellschaft.
  • Ich bin absolut gegen irgendeine Art von Boykott. Nur durch die Kooperation, durch das Miteinander-Wirken, das Miteinander-Arbeiten kann etwas kommen. Boykott kann nur zu Isolation führen. Das wollen die Konservativen gerade. Sie wollen, dass es abgeschottet ist, dass kein Austausch auf irgendeiner Ebene stattfindet. Dann können sie wirklich tun, was sie wollen. Dann gibt es keinen Einfluss, dann gibt es keine Verpflichtung von Russland auch internationale Verpflichtungen zu erfüllen.
  • Die Menschenrechtssituation in Russland ist absolut miserabel. Der Akzent auf LGBT-Themen ist so stark, weil nur unsere Gruppe sich so stark engagiert für ihre Rechte. Alle anderen haben schon längst aufgegeben. [...] Unser Thema ist jetzt so laut, weil es erst einmal ganz neu ist – auch für Russland. Einerseits. Andererseits weil es konform geht mit der Entwicklung der LGBTI-Bewegung im Westen. Deswegen hat das so eingeschlagen. Deswegen wird die Verletzung von Lesbisch-Schwulen-Rechten gerade zu einer Art Symbol für die Verletzung von Menschenrechten generell.

Das ausführliche Interview mit Gulya Sultanova über die Situation der Schwulen und Lesben in Russland und die Frage, ob ein Boykott der Winterspiele in Sotschi sinnvoll ist oder nicht, kann nachgelesen werden auf To4ka-Treff, dem deutsch-russischsprachigen Portal für Austausch und jungen Journalismus.



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Video von Jan Kout von den Protesten in Berlin gegen die Homophobie in Russland am 7. Februar 2014

Peter Jelinek (24, Ehrenamtlicher Mitarbeiter der WWF Jugend, Blogger, Umweltaktivist)

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Peter Jelinek, Foto: © privat

  • Menschenrechte sind wie der Umweltbereich, sie haben keine Grenzen und kommen früher oder später auf uns als Bewohner irgendeines Landes zurück. Oft wird die Klimaschutzdebatte nur auf einzelne Länder oder Ursachen bezogen, dabei ist es ein großes Ganzes. Das Gleiche gilt für die Menschenrechte. Wir erleben beispielsweise gerade eine große Flüchtlingswelle aus Syrien und anderen Ländern dieser Region. Syrien kennen die meisten nur aus den Nachrichten kennen und können es gerade mal grob geographisch einordnen. Und auf einmal stehen diese Menschen vor der Haustür und wir wissen kaum, wie wir mit ihnen umgehen sollen.
  • Es kann nicht sein, dass für einige Wochen Winterspiele, Milliarden an Geldern in den Wind geschossen werden, und nach einer kurzen Zeit ist der Spaß vorbei. Nachhaltigkeit sieht anders aus. Winterspiele in den Subtropen zu machen, das schaffen wirklich nur Menschen, die auch sonst fern jeglicher Realität sind. Das IOC sollte härtere Kriterien setzen. Olympische Spiele sollten nur dort ausgetragen werden, wo es auch die Rahmenbedingungen zulassen, statt weiter auf wahnsinnige Bauten zu setzen, die nur einige wenige Menschen stolz machen.

Tobias Zimmermann (27, Mitglied des Vorstandes des Lesben- und Schwulenverbands Deutschland)

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Tobias Zimmermann, Foto: © LSVD

  • Die Olympischen Spiele sind in sich selbst ein politisches Statement der Demokratie und vor allem auch für die Einhaltung der Menschenrechte. Es ist eine Farce zu behaupten, dass die Olympischen Spiele apolitisch sein müssten und man nicht das Auge auf das austragende Land werfen sollte. Da haben die Gründungsväter mit der Olympischen Charta Vorarbeit geleistet.
  • Macht auf euch aufmerksam, geht auf die Straße und demonstriert. Solange Menschenrechte mit Füßen getreten werden, solange Menschen ausgebeutet werden um Sportpaläste zu errichten ohne Lohnausgleich, solange Homosexuelle und Transgender sowie Intersexuelle unterdrückt werden ist es eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft aktiv dagegen zu wirken.

Pia Bayer
führte das Interview mit Gulya Sultanova
.

Copyright: To4ka-Treff
Februar 2014


Jan Kout
führte die Interviews mit Peter Jelinek und Tobias Zimmermann.

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Februar 2014
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