Leben

Schluss mit lustig

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Matěj Hollan, Foto: © Martin Nejezchleba

Eigentlich machen die Leute von „Žít Brno“ („Brünn leben“) nur politische Satire. Da die Brünner Stadtregierung keinen Spaß versteht, wollen sie jetzt in die Politik.

So eine Agenda schlaucht auch den professionellsten Bürger. Saufen bis halb fünf Uhr morgens in Prager Kneipen. Viereinhalb Stunden später: Pressekonferenz zum Kampf gegen die Glücksspiel-Mafia. Pressemitteilungen, Interviewtermine, Behördengänge. Matěj Hollan, Vollbart, Wuschelkopf, wirkt zerknirscht. Seiner selbstgewählten Berufsbezeichnung „professioneller Bürger“ wird der Brünner Aktivist dennoch gerecht. Termine werden abgehakt, Fragen fachgerecht beantwortet. Der 29-Jährige und seine Kollegen vom Satire-Portal Žít Brno scheint nichts aufzuhalten. Das weiß jetzt auch Roman Onderka, Oberbürgermeister von Brno (Brünn).

Am 8. Februar, 0:33 Uhr blockierte Facebook die Seite von Žít Brno. Auf Geheiß von Onderka hatte ein Anwalt der Stadt das Soziale Netzwerk darauf hingewiesen, dass sich die Satireseite fälschlicherweise als offizielles Kommunikationsportal des Rathauses ausgibt und damit gegen die Richtlinien des sozialen Netzwerks verstößt. Dabei parodiert das Portal die Stadtregierung bereits seit 2011. Die Macher der Seiten setzten das Profil Žít Brno R.I.P. auf und hatten wenige Stunden nach dem Verbot mehr Fans als zuvor. Die Affäre machte landesweit Schlagzeilen, der Vorwurf der Zensur hagelte auf Onderka nieder.

Und dann war Schluss mit lustig. Mit einem rosafarbenem „Danke“ auf weißem Protestbanner zogen die Satiriker in den Innenhof des Brünner Rathauses. Die Botschaft: Bei den Kommunalwahlen im Oktober werden sie gegen die humorlosen Stadtoberen antreten. Das Motto: „Schlimmer geht es nicht“.

Foto: Marek Blahuš, CC BY-SA 3.0
Mit einem rosafarbenem „Danke“ auf weißem Protestbanner zogen die Satiriker in den Innenhof des Brünner Rathauses. Foto: Marek Blahuš, CC BY-SA 3.0

Für ein schöneres Brünn

„In den Bereichen Kultur, öffentlicher Raum oder Stadtplanung stehen die Dinge um Brünn wirklich schlecht“, erklärt Hollan den Slogan drei Tage nach der Ankündigung der Kandidatur in einem Prager Café. Brünn sei eine tolle Stadt und verdiene bessere Repräsentanten. Ein halbes Jahr ist laut Hollan mehr als genug, um den Brünnern zu erklären, das Žít Brno nicht nur witzig sein kann, sondern für transparente und konstruktive Stadtpolitik steht. Wie das Programm der neuen politischen Bewegung aussehen soll? Hollan reagiert ausweichend. Angeblich sei es für konkrete Inhalte noch zu früh. Außerdem gehe es in der Kommunalpolitik seiner Meinung nach weniger um das Programm, sondern darum von wem und wie es präsentiert wird. Man wolle die Kandidatenliste für alle öffnen, die „sich Brünn schön machen wollen“.

Hollan trägt eine ausgebeulte Stoffhose und mit Noten verzierte Hosenträger. Er spricht mit knabenhaft hoher Stimme und in atemberaubendem Tempo. Es sind seine Erfolge als Aktivist, die seinen idealistischen Plänen Glaubwürdigkeit verleihen. Seit Jahren nimmt er es mit der mächtigen Glücksspiellobby des Landes auf. Mit Erfolg. Nicht nur in Brünn konnten etliche Spielcasinos geschlossen werden.

Mit seiner Bürgervereinigung Brnění stoppte er 2011 den Bau eines gigantischen Tiefgaragenkomplexes unter der Brünner Altstadt. Als der Stadtrat ein Straßenmusikverbot in der Innenstadt erhob, trommelte der studierte Musikwissenschaftler Hollan hunderte Musiker zusammen, die gegen das Verbot anspielten. Die Politiker zogen ihren Plan zurück.

„Wenn wir nicht mehr unsere ganze Kraft dafür aufwenden müssen, um die Hirngespinste aus dem Rathaus aufzuhalten, dann bleibt eine Menge Energie um die Stadt wirklich voranzubringen“, sagt Hollan. Vor allem brauche es eine offene und faire Kommunikation mit den Bürgern. Hollan bestreitet mit seinem Aktivismus den Lebensunterhalt. Bis vor kurzem arbeitete er etwa auch für die Vereinigung Rekonstrukce státu (Rekonstruktion des Staates).

Elf Kritikpunkte

Michal Pink, Politologe an der Masaryk Universität, schätzt die Chancen von „Žít Brno“ als gering ein. „Hauptproblem ist, dass sich die potentielle Wählerschaft mit der der Grünen beißt“, erklärt Pink. Beide könnten knapp an der Fünfprozenthürde scheitern. Hollan glaubt an den Einzug ins Rathaus, für eine spätere Zusammenarbeit – auch mit der Grünen-Partei, aus der er vor Jahren ausgestiegen ist – sei man offen. Hauptsache der Sozialdemokrat Onderka wird vom Thron gestürzt.

Auf dem Portal Žít Brno wird der Sozialdemokrat nur als „bester Brünner Bürgermeister“ betitelt. Aufgezogen wird er wegen Vetternwirtschaft, Intransparenz, unsinnigen Projekten wie etwa der Verlegung des Hauptbahnhofes oder dem Bau eines Shoppingcenters in der Südstadt… und wegen seiner Vorliebe für die Zahl 11. Laut Onderka sei sie magisch für die Stadt, erblickte doch der Oberbürgermeister am 11.11. das Licht der Welt. Onderka hatte deshalb auch die Bauherren des höchsten Gebäudes der Stadt überredet, den AZ Tower auf 111 Meter zu strecken.

Von der Stadtverwaltung sei man so viel Skurriles gewohnt, dass selbst die Leute um Hollan irgendwann nicht mehr wussten, ob der Unsinn auf ihrer Internetseite aus ihrer Feder oder aus dem Rathaus stammt.

Der vorerst letzte Streich von Žít Brno geschah auffällig zeitnah zum Abschalten des Facebook-Profils. Die Stadträte wollten unter Ausschluss der Öffentlichkeit Änderungen im Bebauungsplan verabschieden. Mehrere Brünner Bürgervereinigungen sammelten die Anmerkungen der Bürger und bombardierten mit einem Spamprogramm die Email-Accounts der Abgeordneten.

Dass Onderka genau zu diesem Zeitpunkt nicht nur das Postfach sondern auch der Kragen geplatzt sein soll, weist sein Pressesprecher zurück. Man habe überlegt, so Pavel Žára, ein offizielles Facebook-Profil der Stadt Brünn einzurichten. „Wenn Sie da anfangen möchten, dann müssen sie das mit sauberer Weste tun“, erklärt Žára. Žít Brno habe gegen die Markenrechte der Stadt verstoßen. Der OB habe nichts mehr zur Affäre hinzuzufügen.

Matěj Hollan kann da nur lachen. Schließlich gebe man schon seit über zwei Jahren gefakte Pressemitteilungen und skurrile Meldungen im Namen der Stadt heraus. „Vielleicht haben die ja erst jetzt gemerkt, dass das nicht ihre eigenen Meldungen sind“, grinst Hollan.

Nervöse Blicke aus dem Fenster. Der nächste Termin steht an. Obwohl sich die Stadt den Slogan „Žít Brno“ für knapp 20.000 Euro von einer slowakischen Reklamefirma entwerfen ließ, hat sie ihn nie registrieren lassen. 2010 hatten sich die Satiriker die entsprechende Internetdomäne unter den Nagel gerissen. Jetzt macht sich Hollan auf den Weg ins Industrie- und Handelsministerium, um sich die Marke „Žít Brno“ patentieren zu lassen.

auf Deutsch: (Ritter-)Rüstung, Anm. d. Red.
Martin Nejezchleba
 
Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Februar 2014
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Žít Brno

Dank ihnen nennen vor allem junge Leute die Stadt nur noch „Krno“. „Žít Brno“ bedeutet „Brünn leben“ und ist ein Satire-Portal, das die Stadtregierung – eine Koalition aus Bürger- und Sozialdemokraten – und vor allem den „besten Oberbürgermeister“ Roman Onderka (ČSSD) aufs Korn nimmt. Der Titel der Internetseite geht auf die Stadt selbst zurück: 2010 gab das Rathaus eine Imagekampagne für knapp 22.000 Euro in Auftrag. Ergebnis war der Slogan „Brünn leben“ und die durch die Buchstaben des tschechischen Stadtnamens repräsentierten „typischen Brünner Werte“: Sicherheit (Bezpečnost), Entwicklung (rozvoj), Einfallsreichtum (nápaditost), Offenheit (otevřenost). Überteuert und völlig sinnfrei, monierten damals viele. Später tauschten die Stadträte Sicherheit durch Nähe (blízkost) aus. Die Satiriker fanden den Wert Konzept passender, da die Politiker ständig von einem Konzept für die Stadt redeten. Krno war geboren. Auf zitbrno.cz publizieren die Satiriker seit über zwei Jahren falsche Pressemitteilungen der Stadt Krno, gefakte Interviews und hämische Artikel. Sie stellen Vetternwirtschaft, unglückliche PR-Arbeit und megalomane Stadtplanungsprojekte an den Pranger.

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