Leben

Nach Europa gezwungen

Foto: Libertinus, CC BY-SA 2.0

Der 22-jährige Nasir ist über das Mittelmeer nach Europa geflohen – und kämpft jetzt mit dem EU-Recht

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Aufbau eines neuen Zeltes für Flüchtlinge auf dem Oranienplatz im April 2014, Foto: Libertinus, CC BY-SA 2.0

Nasir Khalid trägt ein orangefarbenes T-Shirt mit der Aufschrift „Lampedusa in Berlin“. Darauf zu sehen sind die Arme eines ertrinkenden Menschen auf offenem Meer. In weiter Ferne bewegt sich ein großes Schiff. Das Motiv beschreibt ziemlich genau, was Nasir im Juli 2011 erlebt hat, als er zusammen mit etwa einem Tausend weiterer Flüchtlinge von Libyen aus über das Mittelmeer Richtung Italien geflohen ist.

Menschen seien schon bei der Überfahrt gestorben, erzählt Nasir, einige seien vor Durst verrückt geworden und absichtlich über Bord gegangen. Jeder einzelne davon sei ertrunken. Kurz vor der Insel Lampedusa begann das Schiff zu sinken. Wieder starben um Nasir herum Menschen, in den Medien sollte später von 400 Toten die Rede sein. „Water is killing“, sagt Nasir leise. Wasser kann töten.

Nasir ist 22, aber er sieht älter aus. „Wenn ich mich ansehe, erschrecke ich darüber, wie sehr ich mich seitdem verändert habe“, sagt er. Seitdem, das ist, seit er die Flucht ergriffen hat, zuerst vor der Gewalt in seinem Heimatland Nigeria, dann vor dem Krieg in Libyen. In Deutschland geht es Nasir wie vielen anderen Flüchtlingen, die aus Nordafrika über das Mittelmeer nach Europa gekommen sind: In der Regel erhalten diese Flüchtlinge italienisches Asyl. Nasir und andere verließen Italien jedoch, um beispielsweise nach Deutschland zu kommen. „In der italienischen Caritas hat man uns unmissverständlich gesagt, dass sie uns nicht haben wollen. Die Mitarbeiter in den Behörden empfahlen uns, nach Deutschland zu gehen.“ 500 Euro habe Nasir 2011 in Italien dafür bekommen, dass er das Land verlasse. „Sie sagten, wir sollten in ein Flugzeug in eine beliebige deutsche Stadt steigen. Weil alle von Deutschland sprachen, bin ich nach Hamburg geflogen.“

Vereinbarung Oranienplatz

Wie Hunderte anderer Flüchtlinge lebte Nasir monatelang auf dem Oranienplatz im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Bis Anfang April 2014, als der Berliner Senat den Flüchtlingen einen Kompromissvorschlag unterbreitete, den die Flüchtlingsgruppe „Lampedusa in Berlin“ angenommen hat. Der „Vereinbarung Oranienplatz“ zufolge haben sie jetzt eine Unterkunft im Asylbewerberheim, erhalten 362 Euro im Monat und dürfen Deutschkurse und die Schule besuchen. Ein bürokratisches Problem löst die Vereinbarung allerdings nicht: Nach dem europäischen Asylrecht dürfen Flüchtlinge das Land, das ihnen Asyl gewährt – in Nasirs Fall Italien –, nicht für länger als drei Monate verlassen. Nasir dürfte also eigentlich gar nicht mehr in Deutschland sein, obwohl der Berliner Senat ihm dies offiziell gestattet. Für die Ausländerbehörde ist der Kompromiss zwischen Senat und Flüchtlingen ungültig, sie hält sich an geltendes Recht.

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Am 8. April 2014 wurde das Camp auf dem Oranienplatz geräumt. Foto: Libertinus, CC BY-SA 2.0

„Warum ändern sie nicht das Gesetz?“

„Wir haben vor der Vertretung der EU-Kommission in Berlin demonstriert und gefragt, warum sie das Gesetz nicht ändern. Warum bombardieren sie Libyen, zwingen uns nach Europa und gehen dann so mit uns um?“ Es sind vor allem diese Fragen, die Nasir sich stellt. Natürlich war es nicht die EU, die Libyen bombardiert hat. Es war die Nato, als Reaktion auf das brutale Vorgehen des libyschen Ex-Diktators Muammar al-Gaddafi gegen aufständische Rebellen. Für Nasir, der bei Ausbruch des Bürgerkriegs bei einer chinesischen Telekommunikationsfirma in Tripolis arbeitete, bedeutete das Bombardement Libyens durch die Nato auch die Zerstörung seiner eigenen sicheren Existenz.

Seit vier Jahren auf der Flucht

Nasir erreichte die italienische Insel Lampedusa am 9. Juli 2011. Dass er seine Geschichte heute erzählen kann, während er in einem Flüchtlingsheim im Süden Berlins sitzt, gleicht einem Wunder. Oft ist Nasir dem Tod nur knapp entronnen. Seit er 17 Jahre alt ist, befindet er sich auf der Flucht. Zuerst aus seinem Heimatland Nigeria. Dort wuchs er im Norden auf, nahe der Großstadt Kaduna. Nasirs Kindheitserinnerungen sind von den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen in diesem Landesteil geprägt; während der Kämpfe im Jahr 2002 wurden seine Eltern getötet, ein paar Jahre später starb die Großmutter, bei der er nach dem Tod seiner Eltern aufwuchs. Plötzlich war Nasir obdachlos. Vor der Gewalt in seiner Heimatstadt flüchtete er weiter nach Norden, schlief an Bushaltestellen und bei einer Beduinenfamilie.

Schmuggler, Folter, Korruption

Nasir schaffte es ins Nachbarland Niger, wo er einen Schmuggler fand, der ihm versprach, ihn nach Libyen zu bringen. Der Schmuggler kostete Nasir viel Geld. Doch Libyen war Nasirs letzte Hoffnung. Im Jahr 2010 galt das nordafrikanische Land als ökonomisch und politisch stabil; eine Vielzahl von internationalen Konzernen hatte Standorte in Tripolis, und Nasirs Hoffnung, dort Arbeit zu finden, sollte sich als berechtigt herausstellen. Der Schmuggler brachte Nasir und ein Dutzend weiterer Flüchtlinge nach Algerien. Durch die Wüste sollten sie die libysche Grenze nun zu Fuß erreichen. Innerhalb von drei Tagen schaffte die Gruppe es nach Libyen. Was Nasir vom Empfang der Grenze berichtet, ist haarsträubend. Immer wieder, wenn er von seiner Flucht erzählt, spricht Nasir von Folter und Korruption. „It’s too bad“, diesen Satz wiederholt er oft. Manches ist zu schlimm für ihn, um es zu erzählen.

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Protest in Berlin-Kreuzberg gegen die Räumung des Flüchtlingscamps auf dem Oranienplatz, Foto: Libertinus, CC BY-SA 2.0

„Libyen war wie Europa“

Nur die Zeit in Tripolis, sie verbindet Nasir mit positiven Erinnerungen. „Vor der Zerstörung war Libyen wie Europa“, sagt Nasir. „Wir hatten alles, es ging uns gut.“ Und schiebt nach einer kurzen Pause hinterher: „Viel besser jedenfalls als hier.“ Im Vergleich zur ständig aufflammenden Gewalt, wie er sie in Nigeria erlebt hatte, empfand Nasir die von Gaddafi kompromisslos geführte Diktatur als stabil. Er fühlte sich sicher. Doch das änderte sich schnell, als der Bürgerkrieg ausbrach. Die Firma, bei der Nasir arbeitete, zog schnellstens ihr chinesisches Personal ab. Übrig blieben nur die Libyer und Ausländer, die nicht in ihre Herkunftsländer zurückkonnten. „Alle waren gegen uns. Gaddafis Militär bedrohte uns, und der Nato war es egal, wen ihre Bomben treffen.“ Nasir sah nur eine Chance: Die Flucht über das Mittelmeer. „Ich wusste, dass es eine 50/50-Chance gibt, das zu überleben. Aber ich wusste auch, dass ich in Libyen auf jeden Fall sterbe.“ Also bezahlte er wieder viel Geld für einen Schleuser, der ein Boot für mehr als tausend Flüchtlinge organisierte. „Es ist nicht so, dass man die Überfahrt bezahlt und dann einen Kapitän hat, der das Boot steuert. Der Schleuser führt alle auf das Schiff und sucht sich dann ein paar Leute aus, denen er zeigt, wie man es fährt. Dann geht es los. Es ist sehr gefährlich.“

Der Traum vom Studium

Nasirs italienisches Asyl gilt noch bis 12. Juli 2015. Ob er Angst hat vor diesem Tag? Nasir schüttelt energisch den Kopf. „Viel schlimmer kann es nicht werden. Ich weiß auch jetzt nicht, wo ich hinsoll.“ Seit die „Vereinbarung Oranienplatz“ gültig ist, geht Nasir jeden Tag zur Schule und lernt Deutsch. Vor allem fehlt ihm die Arbeit, die er zuletzt in Libyen hatte. Demütigend sei es, kein eigenes Geld zu verdienen. Jetzt will er möglichst viel Bildung nachholen, damit er vielleicht eines Tages studieren kann. „Warum lassen sie uns nicht Ingenieure oder Ärzte werden? Das wäre doch gut für euer Land.“ Nasir schüttelt den Kopf. Über vieles, was er seit seiner Ankunft in Europa erlebt hat.

Kurz nach Verfassen dieses Artikels – Ende August – kündigte der Berliner Senat den beschriebenen Kompromiss mit den Flüchtlingen auf. Mehr als 100 der sogenannten Oranienplatz-Flüchtlinge wurden gezwungen, ihre Unterkünfte zu verlassen, darunter auch Nasir Khalid, der seither obdachlos ist und auf der Straße lebt. Die Begründung: Unterschrieben worden war der Kompromiss von der Berliner Integrationssenatorin Dilek Kolat. Laut Senat ein formaler Fehler – unterzeichnungsberechtigt wäre nur der Berliner Innensenator Frank Henkel gewesen, der seit Beginn des Flüchtlingsstreits mit seiner strikt kompromisslosen und oft als provokant verstandenen Haltung in Asylfragen aufgefallen ist. Wie die Entwicklung weiterverläuft, ist nicht absehbar. Die Flüchtlinge und ihre Unterstützer haben Demonstrationen angekündigt, der Oranienplatz ist Tag und Nacht von Polizisten umzingelt, um zu verhindern, dass die Flüchtlinge sich wieder dort niederlassen. Wenn es nach dem Senat geht, soll Nasir zurück nach Italien. Einzig: Nasir weiß genau, dass er dort ebenfalls auf der Straße wird übernachten müssen. Der einzige Ausweg aus dieser vertrackten Situation wäre nicht ein neuer Kompromiss mit dem Berliner Senat, sondern ein verbindliches europäisches Asylrecht.


Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
September 2014

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