Leben

Ich habe meine eigene Hinrichtung überlebt

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LARP (Live Action Role Play): Willkommen in einer Welt, in der alles passieren kann, wenn man seiner Fantasie freien Lauf lässt. Foto: © privat

Kann man ohne Zuschauer Theater spielen? Natürlich. Jedem Spieler wird eine eigene Rolle zugeteilt, trotzdem spielt er nicht für ein Publikum, sondern für sich selbst. Übrigens gibt es in den Action-Spielen LARP (Live Action Role Play) auch überhaupt keine Zuschauer. Willkommen in einer Welt, in der alles passieren kann, wenn man seiner Fantasie freien Lauf lässt.

Es ist Freitag und das Wochenende liegt vor uns. Für viele bedeutet das einfach nur Freizeit, wir Eingeweihten jedoch packen unsere sieben Sachen und machen uns auf den Weg nach Liberec. Dort jährt sich zum zweiten Mal die tschechische Ausgabe eines LARPs. Virtueller Schauplatz der Spiele ist die Welt des Hexers basierend auf den Geschichten des polnischen Fantasyautors Andrzej Sapkowski. Dieses Jahr fand das Event auf dem Burggelände Curia Vítkov statt.

Es war schon dunkel, als wir ankamen. Aus der Ferne sahen wir Holzwälle und ein monumentales Tor, das aber verschlossen war. Weil sich der Winter allmählich zwischen den historischen Blockhäusern niederließ, waren alle Spieler entweder in einer Schänke oder an einem der vielen Feuer am Fuße der Burg. Es dauerte eine Weile, bis wir unser eigenes historisches Zelt aufgestellt hatten. Wir beteten, dass die Nähte wirklich wasserfest waren. Dann setzten wir uns in altertümlichen Kostümen ans Feuer. Irgendetwas sagte uns, dass der nächste Tag spannend werden würde.

Das Gefühl der Hoffnungslosigkeit kann man nicht beschreiben

Am Morgen wurden alle Festungsbewohner vom Lärm schreiender Soldaten geweckt. Irgendeine Stimme verkündete, dass sich das gesamte Volk auf dem Platz versammeln sollte. Mit Schrecken stellten wir fest, dass die Stadt von der Garde von Nilfgaard besetzt worden war. Leider sind das keine sehr liebenswürdigen Burschen. Im Gegenteil, denn ein barbarischeres Mordgesindel kann man kaum finden. Augenblicklich wurde ein Waffenverbot für die einfachen Bewohner der Stadt erlassen, und auch Menschenansammlungen von mehr als drei Bewohnern wurden verboten. Es wurden überhöhte Steuern erhoben und jede Regelverletzung mit einer harten Strafe bedacht.

An genau dieser Stelle beginnt die Geschichte meiner Spiel-Familie. Als eine Familie von Kräuterhändlern war sie vor dem Krieg in diese Stadt geflohen in der Hoffnung, hier sicher zu sein. Leider gerieten wir sofort wieder in die Klauen der Besatzer. Um gut leben zu können, hatten wir neben dem Verkauf von Kräutern auch begonnen, einige illegale Narkotika zu vertreiben. Außerdem gehörten wir einem alten, vom Staat verbotenen Kult an. Dieser half uns, hier und da jemanden mit einem Fluch zu belegen, so dass er eine unangenehme Krankheit bekam. Deshalb waren wir den Besatzern aber auch ein Dorn im Auge, und man warf uns jedes Übel vor, das sich in der Stadt ereignete. Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten.

Die LARPs sind eine hervorragende Simulation von Situationen, die man in der „Wirklichkeit“ so nicht erlebt. Wo sonst verhaftet einen die Stadtgarde, weil man mit der Familie in der Öffentlichkeit zu Mittag isst, mit mehr Personen als erlaubt? Wo sonst peitscht (in diesem Fall nur im Schauspiel) einen die Stadtwache aus, wenn man sie etwas fragt? Ganz zum Schluss gab es eine öffentliche Hinrichtung, die eindeutig das beeindruckendste Erlebnis darstellte.

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Ganz zum Schluss gab es eine öffentliche Hinrichtung. Foto: © privat

Es geschah ungefähr Folgendes: ein Familienangehöriger wurde verdächtigt, irgendeinen Jäger verflucht zu haben. Er wurde deswegen von den Besatzern verschleppt und grausam von einer Elfen-Hexe verhört, die zu allem Pech auch noch Gedanken lesen konnte. Am Ende war er gezwungen, sich zu Allem zu bekennen und wurde zum Tode verurteilt. Damit war es aber leider nicht genug. Einer meiner Cousins im Spiel sprach nämlich einen weiteren Fluch aus. Die Besatzer verschwendeten keine Zeit und brachten uns alle vor Gericht. Einer nach dem Anderen wurden wir verhört. Wir waren alle unschuldig, bis auf den besagten Cousin. Die Richterin hob ihn sich für den Schluss auf. Wir wussten, dass er zu einem Schuldbekenntnis gezwungen und hingerichtet werden würde. Mein Verlobter entschloss sich deshalb zu einem riskanten Schritt – er zückte seinen gut verborgenen Dolch und schnitt der Richterin mit einer einzigen Bewegung die Kehle durch. Daraufhin wurde er augenblicklich von der Zuschauermenge erschlagen, die wie mit einer Stimme rief „Tötet sie alle!“ Dieses Gefühl der Hoffnungslosigkeit lässt sich nicht mit Worten beschreiben. Zu wissen, dass ich sterben muss, obwohl ich mir nichts zu Schulden kommen lassen habe, womit ich den Tod verdient hätte, war kein schönes Gefühl. Rundherum stand die Menge, die nicht nur aus unseren Feinden, sondern auch aus den anderen einfachen Bewohnern bestand. Ich sah auch einige Freunde unter ihnen. Sie standen da und sahen uns hilflos an. Ein Soldat erstach nacheinander meine Tante, meinen Cousin und meinen Onkel mit einem Dolch. Mir schossen Tränen in die Augen. Der Henker näherte sich mir und ich wusste, dass es aus war. Er drehte meinen Kopf nach hinten und fuhr mir mit dem Dolch über den Hals. Ich brach zusammen. Für mich war das Spiel zu Ende.

Ein verrücktes Hobby?

Vielleicht kommt manchem so ein Hobby verrückt vor. Ich habe dadurch aber Dinge erlebt, die mich ganz sicher inspiriert haben. Dank des Hexers schätze ich meine Freiheit mehr. Ich bin auch sensibler geworden gegenüber jeder Schikane, die für Unschuldige mit einer Tragödie enden kann. Der ganze Tag stellte für mich ein sehr beeindruckendes Erlebnis dar, das ich so schnell nicht vergessen werde. Das Gefühl der Ungerechtigkeit, Machtlosigkeit und systematischer Unterdrückung haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt.

Alžběta Šemrová
Übersetzung: Hanka Sedláček

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Oktober 2014

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