Leben

Bis zur chinesischen Grenze

Foto: © Dominika GawliczkováFoto: © Dominika Gawliczková
„Das Motorrad hat den Vorteil, dass ich auch die Fahrt genieße, das ist nicht nur ein Zurücklegen von Entfernung wie beim Auto.“ Foto: © Dominika Gawliczková

Tätowierungen, Lederjacke und fünfzig Zentimeter Bizepsumfang gehören nicht mehr zur Pflichtausstattung eines Motorradfahrers. Dominika Gawliczková ist eine zierliche 21-jährige junge Frau mit äußerst sanftem Charisma. Die zarte Blondine feilt nicht an ihrem Plié für den Schwanensee, wie man auf den ersten Blick denken könnte, sondern brettert auf ihrer Maschine unerschrocken über europäische und asiatische Straßen. Vorletztes Jahr brach sie nach Spanien auf, letztes Jahr erkundete sie Skandinavien und in diesem Jahr fuhr sie nach Kirgistan bis zur chinesischen Grenze.

Als sie klein war, fuhr sie auf Papas Motorrad als Beifahrerin mit. „Dann wollte er mich wohl loswerden, also kaufte er mir mein eigenes Motorrad. Da war ich 13. Damit bin ich nur im Garten gefahren, mit 16 habe ich den Führerschein gemacht, bin eine Weile Roller gefahren und habe dann ein größeres Motorrad bekommen. Damit bin ich nach Spanien gefahren.“ Sie sparte 40.000 Kronen (knapp 1500 Euro) und fuhr alleine auf die Iberische Halbinsel. Manchmal schlief sie auf Campingplätzen, manchmal in Hostels und manchmal aß sie auch im Restaurant zu Abend. Die Reise dauerte 35 Tage. Sie fuhr insgesamt 9.840 Kilometer.

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In Kirgistan übernachtete Dominika in einer Jurte. Foto: © Dominika Gawliczková

Bekanntschaft mit einem Elch in der Brunft

Vor den Solofahrten hatte Dominika Gruppenreisen unternommen – in einer vierköpfigen Expedition absolvierte sie einen einwöchigen Ausflug nach Rumänien, während dessen sie 2.200 Kilometer zurücklegte. Davor hatte sie mit 17 Jahren in Begleitung ihres Vaters einen 1.500-Kilometer-Ausflug in die Alpen unternommen, den sie selbst als „erste Tuchfühlung“ bezeichnet. Dominika erläutert, worin sich die Fahrten im Team am meisten vom individuellen Reisen unterscheiden: „Wenn die Fahrt jemand anders leitet und die Route plant, musst du dir keine Gedanken machen, du fährst einfach. Wenn du alleine fährst, musst du für dich selbst entscheiden. Und manchmal kommst du dabei in eine Situation, in der du selbst einschätzen musst, ob sie gefährlich ist oder nicht.“ In diesem Zusammenhang erzählt sie von unerwünschten Tierbesuchen, wenn sie in der Natur schlief, und von den Momenten, in denen sie mitten im Nichts plötzlich ohne Benzin im Tank dastand.

„Außerdem habe ich bemerkt, dass ich mehr gejammert habe, wenn ich auf Reisen in Gesellschaft war: Mir ist kalt, mir ist heiß, ich habe Hunger, ich bin müde, ich will nicht mehr fahren. Wenn du alleine bist, kannst du dich bei niemandem beschweren. Also lässt du es bleiben und löst lieber das Problem.“ Derzeit könnte sie sich nur schwer mit einer mehrköpfigen Gruppe arrangieren. Aber sie würde sich im Falle gefährlicherer Reiseziele nicht dagegen wehren, zum Beispiel in Afrika. Das Reisen alleine ermöglicht einem auch, herauszufinden, wie man auf verschiedene unvorhergesehene Situationen reagiert. Dominika kann auf mehrere solcher Erfahrungen zurückblicken.

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Auf dem Weg zum Ziel, dem See Songköl in Kirgistan. Foto: © Dominika Gawliczková

Auf ihrer Skandinavien-Baltikum-Expedition wurde sie einmal krank, saß auf dem Motorrad, blinzelte auf die Straße und wurde beinahe von einem Lkw erfasst, der in der Gegenrichtung fuhr. Trotzdem absolvierte sie letztendlich die zehntausend Kilometer durch den Norden ohne Unfall. In Finnland machte sie Bekanntschaft mit einem wilden Tier. Campingplätze gibt es dort nur in touristischen Regionen, also kam Dominika nicht darum herum, gelegentlich in der freien Natur zu übernachten. Einmal erklangen nachts beim Zeltaufbau laute Geräusche eines nicht identifizierbaren Tieres. Da blieb Dominika nichts anderes übrig, als die Beine in die Hand zu nehmen. Mit größter Wahrscheinlichkeit habe es sich um einen Elch in der Brunft gehandelt.

Es ist nicht verwunderlich, dass sich die Eltern der unerschrockenen Reisenden um ihre Sicherheit sorgen. Dominika erzählt ihnen daher lieber nicht von Komplikationen, solange sie noch nicht gelöst sind. „Als mir in Italien das Kupplungsseil gerissen ist, sagte ich mir: Ich darf nicht zu Hause anrufen. Am selben Tag rief mich nachmittags – nachdem ich das Problem gelöst hatte – Papa an. Er fragte: Wie geht’s? Ich sagte: Gut, aber das Kupplungsseil ist mir gerissen. Papa erschrak, da habe ich ihn beruhigt, dass alles schon wieder in Ordnung ist.“

Auch wenn Dominika bei derlei Komplikationen niemanden hat, der ihr hilft, hat die Weltenbummlerei auf eigene Faust einen offensichtlichen Vorteil: „Ich kann mich fortbewegen wohin ich will und wann ich will.“ Neben dieser Freiheit und einer Handvoll Erlebnisse zieht die Motorradfahrerin den Genuss auch aus dem Fahren selbst. „Das Motorrad hat den Vorteil, dass ich auch die Fahrt genieße, das ist nicht nur ein Zurücklegen von Entfernung wie beim Auto.“ Und gleichzeitig bekomme sie eine neue Sicht auf viele Dinge, fügt sie hinzu.

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Hindernis in Rumänien, Foto: © Dominika Gawliczková

Rechtzeitig bremsen

Die Reisen der jungen Motorradfahrerin blieben nicht lange unbemerkt und ihre Fangemeinde wächst schnell. „Vorher bin ich nur so zum Spaß gefahren, habe niemandem besonders viel davon erzählt, ich hab höchstens mal einen Reisebericht geschrieben, aber das war auch alles. Ich habe auch keine Sponsoren herangezogen. Und jetzt werde ich das nicht mehr los.“ Man kann davon ausgehen, dass das Interesse an ihrer Person nach der Asienexpedition noch wachsen wird. Dominika hat vor, die Berichte von ihren bisherigen Reisen demnächst in Buchform zu veröffentlichen. Das ist gerade auch ihren begeisterten Bewunderern zu verdanken, die sie eifrig bei ihrer Kampagne für eine Buchveröffentlichung unterstützten. Neben dem Sparen ist das eine weitere Art und Weise, wie sie ihre Reisen um die Welt finanziert.

Bei ihren vorherigen zwei Reisen konnte sich Dominika eine unvergleichlich größere Portion Spontaneität erlauben: „Als ich durch Europa gefahren bin, habe ich mich einfach entschieden und es war mir eher egal, wo ich abbiege. Weil du überall mit dem Personalausweis durchkommst, du brauchst sonst nichts.“ Bei der Planung der diesjährigen Reise dagegen, die durch Polen, die Slowakei, die Ukraine, Kasachstan und Kirgistan bis zur chinesischen Grenze führte, musste sie viele Regeln beachten, von der Visabeantragung bis zur Impfung.

„Die persönliche Grenze verschiebt sich wieder ein Stück. Vor der ersten Reise nach Spanien habe ich mir gesagt: Ich bin doch kein Idiot, irgendwo ganz alleine hinzufahren, das ist doch gefährlich, das krieg ich nicht hin! Aber dann merkst du, dass es eigentlich nicht so schlimm ist, du stehst es durch und verschiebst diese Grenze, und dann wieder sagst du dir: Ich kann doch nicht irgendwo wild draußen campen, da erschießt und überfällt mich jemand, dann probierst du es aus und merkt: so schlimm ist es nicht und wieder verschiebst du sie. Ich muss mich nur rechtzeitig bremsen.“

Daniela Ešnerová
Übersetzung: Lena Dorn

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Dezember 2014
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