Leben

Menschen sind meistens gut

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Vojtěch Boháč: „Beim Reisen per Anhalter erkennt man, dass die Menschen überall gleich sind.“ Foto: © Judith Krulišová

Vojtěch Boháč reist ausschließlich per Anhalter. So hat er es unter anderem bis nach Marokko und in den Libanon geschafft. Längere Zeit hat er in Russland und der Ukraine verbracht und von dort über die Krimkrise und den Krieg im Donbas berichtet. Wie das Reisen seinen Horizont erweitert und warum er seine Reisen nicht im Vorhinein plant, hat Vojtěch im Interview der jádu-Autorin Judith Krulišová verraten.

Was hat deine Reisesehnsucht ausgelöst?

Das ist schon lange her. Ich habe ältere Schwestern und die sind viel per Anhalter gefahren. Mit ihnen bin ich oft und wild getrampt. Zum Beispiel haben wir irgendwo an einem See ein Auto angehalten, das uns dann fünf Kilometer weit mitgenommen hat. Es war für mich aufregend, dass die anderen noch in der Schule sitzen und ich per Anhalter rumfahre. In der neunten Klasse habe ich viel Punk gehört und wir sind oft auf Konzerte gefahren. Auf dem Gymnasium hatte ich Freunde, mit denen ich nach Holland und nach Spanien per Anhalter gefahren bin. Sobald ein freies Wochenende war, sind wir irgendwohin getrampt. Einmal habe ich meine Sachen für mehrere Monate gepackt, weil die Schule mir sinnlos vorkam. Ich habe meine Schulbücher genommen und bin nach Marokko und Spanien gefahren.

Bald wurde mir Westeuropa zu langweilig, also habe ich mich für eine Sommerschule in Russland angemeldet, und damit begannen meine Reisen in den Osten. Ich war ein halbes Jahr in Wladimir und ein halbes Jahr in Nischni Nowgorod. Aus einem Monat ist so ein ganzes Jahr geworden. Ich kam genau zu der Zeit in Russland an, als dort große Demonstrationen gegen Putin stattfanden. Das war um die Jahreswende 2011 / 2012. Ich kam auf die Idee, darüber zu schreiben. Meine Berichte wurden viel gelesen, und ich habe gemerkt, dass mir das Schreiben Spaß macht. Nach meiner Rückkehr, bin ich wieder etwas umhergereist, aber ich wollte auch meine Russischkenntnisse verbessern, um auch auf Russisch für Zeitungen schreiben zu können. Also bin ich nach Simferopol gefahren.

Wie fällst du die Entscheidung, wohin die Reise gehen soll? Wägst du das irgendwie ab oder setzt du dich einfach ins erste Auto, das hält, und fährst los?

Einmal hatte ich im Kino den Film Waltz with Bashir gesehen. Der hat mich so beeindruckt, dass ich einer Freundin sofort geschrieben habe, dass wir in den Libanon fahren müssen. Einmal saß ich in der Straßenbahn, habe aus dem Fenster gesehen und überlegt, wem ich schreiben könnte. Ich habe dann einem Freund eine Nachricht geschrieben, ob er nicht mit nach Kanada will. Er anwortete „Ja“, also sind wir nach Kanada gefahren und dort drei Monate geblieben.

Planst du deine Reisen vorher?

Planung ist nicht so mein Ding. Ich kann nicht planen, und es macht mir keinen Spaß. Wenn ich aber jetzt für eine Zeitung etwas schreiben soll, mache ich mir schon Gedanken, wo ich hinfahre und mit wem ich dort sprechen könnte. In den Donbas bin ich aber ohne jegliche Planung gefahren. Kontakte habe ich erst dort geknüpft. Ich versuche offen zu sein für alles und meine Pläne erst vor Ort machen – um die Freiheit zu haben, sie wieder zu ändern. Im Sommer habe ich zum Beispiel in der Ukraine das Angebot bekommen, mit einem humanitären Konvoi ins Kriegsgebiet zu fahren. Am nächsten Tag ging es schon los.


In welchem Land hat dich der Unterschied zwischen deinen Erwartungen und dem, was du erlebt und gesehen hast, am meisten überrschascht?

Im Donbas würde man erwarten, dass sie dort Kinder essen. Aber dann ist man da und stellt fest, dass da ganz normale Menschen leben und alles normal abläuft – außer, dass Krieg herrscht. Unsere Eindrücke werden gemacht von den Medien, die über den Krieg informieren. Interessant waren die ersten Reisen in arabische und andere muslimische Länder. In Syrien, im Libanon und in Marokko sind die Menschen viel gastfreundlicher als bei uns. Keine Barbaren, wie oft behauptet wird.

Wir erliegen häufig der Annahme, dass es umso barbarischer und gefährlicher sei, je weiter etwas entfernt liegt, und dass man da besser nicht hinfahren sollte. Das Reisen per Anhalter bietet in dieser Hinsicht die Gelegenheit zu erkennen, dass die Menschen überall gleich sind. Das war für mich die schönste Überraschung: die Erkenntnis, dass Menschen meistens gut sind.

In welchen Sprachen verständigst du dich auf deinen Reisen?

Ich versuche die Sprache der Länder zu lernen, in die ich fahre. Ich fahre ungern dorthin, wo ich die Menschen nicht verstehe. Danach habe ich immer das Gefühl, nur touristische Erlebnisse mitzunehmen. Mich interessieren aber die Geschichten der Menschen, die dort leben. Ich spreche Russisch und Englisch und kann mich auf Deutsch und Spanisch verständigen.

Du hast in Russland und in der Ukraine studiert. Wie hast du die Haltung der Einheimischen zu Ausländern und Trampern wahrgenommen?

Ob auf der Krim oder in den verschiedenen Regionen Russlands: Überall ist es anders. Im Nordkaukasus etwa streckt man ein paar Minuten den Daumen raus, und sofort hält jemand an. Die Menschen laden einen ein, beherbergen einen und überreden dich sogar, ein paar Tage bei ihnen zu bleiben. Es heißt:Je weiter man sich von Moskau entfernt, desto bessere Menschen trifft man. Das gilt besonders für Sibirien, wo man leicht per Anhalter reisen kann. Aber ganuso auch um Sankt Petersburg herum. In Sibirien sehen die Menschen oft sehr lange keinen Touristen. Ich war dort in Tjumen auf der Sommerschule. Einmal sind wir in eine Kneipe gegangen, wo ein Mädchen ihren Geburtstag gefeiert hat. Als sie uns sah, weinte sie vor Freude, weil auf ihre Feier auch Ausländer gekommen waren. Das hat sie sehr berührt. Es war wie in einem russischen Roman aus dem 19. Jahrhundert.

Hast du einen Kulturschock erlebt, als du in Russland und der Ukraine gelebt hast?

Wenn man sich an Russland gewöhnt hat, passiert einem das wohl nicht mehr. Mich hat im Gegenteil positiv überrschaft, wie weltoffen die Menschen auf der Krim sind. Und insgesamt liegt mir die ukrainische Mentalität. Klar, man sollte das nicht pauschalisieren, aber im Gegensatz zu den Russen scheinen mir die Ukrainer offener für Diskussionen zu sein. Sie sind in der Lage, ihre Meinung zu ändern und zuzugeben, wenn sie etwas wissen oder nicht wissen.

Möchtest du in eines deiner bereisten Länder zurückkehren oder sogar dort bleiben?

Ich liebe Tschechien und möchte von hier nicht weg. Mir gefällt das Reisen, weil man dadurch seinen Horizont erweitert. Aber woanders als in Tschechien möchte ich nicht leben. Ganz bestimmt will ich aber nochmal in den Libanon zurück.

Das Interview führte Judith Krulišová.
Übersetzung: Patrick Hamouz

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Juli 2015
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Vojtěch Boháč

Vojtěch Boháč lebt in Brno (Brünn) und studiert dort Politologie. Sein Interesse gilt dabei in erster Linie dem östlichen Europa. Während seines Studiums verbrachte er ein Jahr in den russischen Städten Wladimir und Nischni Nowgorod und ein Jahr im damals noch ukrainischen Simferopol auf der Krim. In die Zeit seines Aufenthalts viel die Annexion der Schwarzmeer-Halbinsel durch Russland. Auf seinen Reisen per Anhalter ist Vojtěch Boháč vor allem aufmerksamer Beobachter und Zuhörer. Über seine Reiseerlebnisse hält er Vorträge und schreibt für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, wie zum Beispiel Právo, A2arm, Deník Referendum oder Reportér.

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