Leben

Menschen wie du und ich

Foto: © David KonečnýFoto: © David Konečný
Abfahrt aus Prag nach Ungarn am Samstag um acht Uhr morgens, Foto: © David Konečný

Spontan fuhren der Fotograf David Konečný und jádu-Redakteurin Tereza Semotamová nach Ungarn, um den Flüchtlingen dort dringend benötigte Hilfe zu leisten. Ihre Eindrücke von der zweitägigen Reise haben sie in Wort und Bild festgehalten.

Es ist Freitagabend. Ich habe viel Arbeit. Auf Facebook blinkt eine Nachricht auf. Es schreibt Zuzka, die ich von meinem Aufenthalt in Kiew kenne. Sie möchte mit dem geliehenen Lieferwagen ihrer Schwester nach Ungarn fahren, um den Flüchtlingen dort Sachen zu bringen, die Spender ins Kulturzentrum Klinika gebracht hatten. Ob denn nicht jemand mitfahren möchte... Ich rufe sie an und frage, wie es so geht, ob sich schon jemand gemeldet hat. Ja, sagt sie. Zwei Stunden später meldet sie sich wieder. Ich könnte ruhig auch mitfahren. Mich überkommt das Gefühl, dass eine solche Reise sinnvoll ist und alles andere dafür eine Weile zu warten hat. Vermutlich so, wie wenn man sich verliebt. Ich sage alles ab, was ich für das Wochenende geplant hatte.

Um acht Uhr morgens sind wir schon „on the road“. Wir fahren mit einem Lieferwagen voller Sachen und einem Auto voller Leute, sechs Tschechen und zwei Ukrainer. Wir stellen fest, dass wir uns eigentlich überhaupt nicht kennen. Die meisten von uns kennen Zuzka, die die ganze Sache angestoßen hat. Aber der Fotograf David zum Beispiel, den ich erst am Samstagmorgen um halb sieben Uhr angerufen haben, ob er nicht auch mitfahren möchte, kennt nur mich.

Vor uns liegen hin und zurück 1500 Kilometer. In Brno (Brünn) und Bratislava kaufen wir bei Outdoorgeschäften Isomatten ab, es gibt 20 Prozent Rabatt. Dann geht es direkt weiter nach Budapest, wo wir einen Teil unserer Fracht abladen. Die Atmosphäre dort ist sehr lebendig. Auf mich wirkt es wie ein Multikulti-Festival mit einem reichhaltigen Angebot: spontane Diskussionen, Spielen, Zeichnen und Seifenblasen für Kindern, eine Second-Hand- und eine Slow-food-Ecke, Arabischunterricht, Kurse in praktischer Sozialarbeit. Und das alles ohne Zuschüsse, ehrenamtlich und mehr oder weniger mit einem Lächeln.


Zum Bahnhof strömen Menschen mit Beuteln voller Brötchen, Kuchenblechen, Decken. Es sind Ungarn, Einheimische, deren Regierung nach wie vor gleichgültig bleibt und sich weigert humanitäre Hilfe zu leisten. So bleibt die Hilfe zu einem großen Teil an Menschen, die keiner Organisation angehören. Sie wurden herbeigerufen von ihrer Überzeugung, dass wir uns gegenseitig helfen müssen, denn niemand weiß, wann er selbst einmal Hilfe brauchen könnte. Das ist einfach etwas Natürliches. Vermutlich so, wie wenn man sich verliebt.

Wir fahren weiter zu einem großen Supermarkt am Rand von Budapest – wir kaufen Isomatten, Decken, Regenjacken, haltbare Lebensmittel. Jedesmal streiten wir uns ein wenig dabei, denn acht Leute haben acht Meinungen. Aber im Großen und Ganzen können wir uns einigen. Es ist schon dunkel, wir stopfen die Sachen in den Lieferwagen. Eigentlich sollten wir schon längst im Süden sein. Zuzka beschwert sich, dass wir in Budapest kaum Zeit hatten, uns mit jemanden zu unterhalten. Sie würde sich sehr interessieren für die Geschichten dieser Menschen. Da sehen wir plötzlich eine vierköpfige Familie über den Parkplatz gehen. Sie fragen uns nach einem Hotel. Englisch sprechen sie nur schlecht, aber immerhin. Wir entschließen uns, ihnen zu helfen, denn dafür sind wir schließlich da.

Geschichten! Der Familienvater erklärt uns, dass sie bereits seit 40 Tagen unterwegs sind, er hat Schmerzen im Bein und er hat Angst am Bahnhof in Budapest zu übernachten. Er hat Angst um seine kleinen Töchter. Die ganze Nacht über hält er sie fest und bewacht sie. Er will dort nicht schlafen. Ich denke darüber nach, was seine Angst wohl ausgelöst hat. Wir fragen einen Taxifahrer, der unweit parkt, wieviel Euro die Fahrt ins Zentrum kostet. Er antwortet 35 Euro – ein Wucherpreis. Wir geben den Mädchen Decken und etwas zu Essen. Mehr wollen sie nicht. Schließlich bringen wir die Familie selbst zum Bahnhof nach Budapest, wo ihnen andere Freiwillige weiterhelfen.

In Szeged schlafen wir auf dem Boden in der Wohnung von Tamász, der als Freiwilliger den ganzen Tag in einer hölzernen Bude am Bahnhof von Szeged arbeitet. Dort kann man etwas zu Essen und zu Trinken bekommen, sein Handy aufladen und erfahren wie es weiter geht. Tamász ist arbeitslos und würde gerne Sozialarbeiter werden, also hat er sich einfach den Helfern angeschlossen. Gegen Morgen füllt sich seine Wohnung mit Müttern aus Szeged, die Brote für Flüchtlinge schmieren. Wir stopfen den Lieferwagen voll mit Sachen und weiter Richtung Röszke an der ungarisch-serbischen Grenze.

Hinter Szeged verschärft sich die Situation. Von der serbischen Grenze kommen immer mehr Menschen, die sich auf dem Boden am Rand eines Maisfeldes niederlassen, das in den Medien als „Lager“ bezeichnet wird. Hier sind viele „dieser Flüchtlinge“, bewacht von der Polizei, es herrscht Chaos. Humanitäre Organisationen werden noch mehrere Tage brauchen, bis sie Helfer schicken können. Niemand sagt, was zu tun ist. Trotzdem kommen wir und alle unsere Sachen zur Geltung. Und sei es nur, dass man für jemanden, der friert, einen passenden Pullover findet, oder ein kleines Kind für ein paar Minuten mit einer Schlumpffigur glücklich macht.

Ich kann aber die Situation nicht so einfach vergessen, als sich hinter uns zwei Reihen ungarischer Polizisten aufstellten und einer der syrischen Jungs, mit dem ich gerade geredet hatte, sagte: „I am afraid they will kill us, I am afraid they will kick us.“ Ich antwortete: „Don't worry, they will not do anything to you.“ Die Jungen schauten mich an und fragten: „You promise?“ „I promise.“ In meinem Kopf begann es zu arbeiten: Wie kannst du ihnen das versprechen? Zum Glück umzingelten die Polizisten – ohne irgendetwas zu erklären – nur den ganzen Lagerplatz, damit niemand entkommen konnte. Für die einige hundert Menschen, die zu diesem Zeitpunkt gerade dort waren, funktionierte das. Aber als sich während der folgenden Tage noch 15 mal mehr Menschen einfanden, funktionierte es schon öfter nicht mehr.

Wir helfen in Szeged noch, den Lieferwagen zu beladen, und verabschieden uns. Der Wagen und drei von uns bleiben noch, um zu helfen und einzukaufen für das Geld (insgesamt etwa 1,5 Millionen Forint, umgerechnet knpapp 4800 Euro), das Zuzka dank des Facebookaufrufs zur Verfügung hat. Die restlichen fünf fahren zurück nach Hause. Unser Ausflug nach Syrien... Verzeihung: nach Ungarn ist zu Ende.

Die vielen Flüchtlinge haben Europa überrascht – aber so war es doch in der Geschichte schon immer. Vermutlich so, wie wenn man sich verliebt. Glaubt nichts von dem, was geschrieben wird! Die Situation ändert sich ständig und jeder nimmt sie anders wahr. Am wichtigsten ist es, keine Angst zu haben und mit anzupacken.

Text: Tereza Semotamová
Fotos: David Konečný

Übersetzung: Patrick Hamouz

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
September 2015

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