Leben

Unterkunft, Essen und Gefahr gratis

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„Anfangs gefiel mir der ungebundene Lebensstil noch gut. Später habe ich darin nur noch eine Flucht vor der Wirklichkeit gesehen.“ Foto: © privat

Essen, Unterkunft und Markenklamotten umsonst, außerdem Partys, Austellungen und viele interessante Menschen. „Häuser besetzen ist klasse!“ sagte sich eine 27-Jährige aus Mähren, bevor sie sich ins Abenteuer Barcelona stürzte. Während ihrer zweieinhalb Jahre in der katalanischen Metropole wohnte sie in leer stehenden Wohnungen und Häusern, wurde Zeugin von Diebstahl, Raub, Streits und gewalttätigen Konflikten unter Drogeneinfluss. Sie erführ am eigenen Leib, was es bedeutet, Todesangst zu haben. Ihre spannenden Erfahrungen in der Barceloner Hausbesetzerszene, ihre Suche nach sich selbst und den anschließenden Weg zurück ins „normale“ Leben beschreibt die mittlerweile frisch gebackene Mutter im Interview.

Warum gerade Spanien?

Ich hatte einige Zeit mit einer Freundin in London gelebt, aber das Leben dort verlor seinen Reiz für uns – es ging nur noch darum, genug Geld zu verdienen. Der Süden hatte uns schon immer gelockt, und gerade das Leben in Spanien haben wir uns als sorgenfrei ausgemalt: Entpannung, Strand. Meine waghalsigere Freundin ist also nach Barcelona gefahren und hat dort den Boden für meine Ankunft einen Monat später vorbereitet.

Hattet ihr auch vor, in Spanien zu arbeiten?

Ja, aber das hat sich zerschlagen. Wir sind da ziemlich schnell einem anderen Lebensstil erlegen. Am Anfang war es für mich sehr schwierig, mich auf das Nichtstun umzustellen, denn aus der Zeit davor war ich es gewohnt, ziemlich hart zu arbeiten. Wir haben dann aber herausgefunden, dass es sich in Barcelona leicht ohne Geld leben lässt. So haben wir zum Beispiel zunächst bei einem polnischen Paar umsonst in der Garage geschlafen. Danach zog es uns in eines der größten besetzten Häuser Barcelonas. Da fanden Partys statt und wir trafen auf viele neue Leute. Meine Freundin begann dann dort auch zu wohnen. Es war ein dreistöckiges Haus, in dem schätzungsweise rund 100 Menschen wohnten. Im Hof floss ständig Wasser aus einem Schlauch, die Wasserversorgung war also gesichert. Strom gab es nur manchmal, wenn es klappte...

Was bedeutet das?

Darum haben sich die Jungs gekümmert. Sie versuchten öffentliche Stromquellen anzuzapfen. Ich weiß nicht genau, wie das funktionierte. Manchmal hat aber jemand das Kabel durchgeschnitten... Vielleicht versuchte auch die Polizei, die Leute auf diese Art zu vertreiben. In dieser größeren Gruppe hat fast niemand gearbeitet. Da staute sich also einiges an Energie an. Die meisten waren auf Drogen, meistens auf Heroin oder Speed – ehrlich gesagt weiß ich nicht, woher sie das Geld dafür nahmen. Es herrschte da also eine merkwürdige Spannung, es kam zu Streits und Schlägereien, oft ohne irgendeinen rationalen Grund. Man hat sich gegenseitig bestohlen, die Stärkeren haben die Schwächeren geschlagen und so weiter...

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In diesem besetzten Haus lebten rund 100 Menschen. Foto: © privat

Wie hast du dich gefühlt, wenn es zu Konflikten kam?

Das war entsetzlich. Meine Freundin wurde dort einmal fast vergewaltigt und mir wurde das Geld geklaut. Ich habe nie vorhersehen können, wer plötzlich beginnt, auf die Wand einzuschlagen, mit Sachen um sich zu schmeißen oder jemanden mit dem Messer zu verletzen. Das tat mir nicht gut. Ich bin von dort abgehauen und habe meine Freundin da rausgeholt.

Du hattest dort aber nicht gewohnt. Du hattest gemeinsam mit deinem Freund eine Wohnung besetzt, also nur zu zweit. Das war doch eher idyllisch, oder nicht?

Eine Idylle wäre das gewesen, wenn mein Ex-Freund ein normaler Typ wäre [lacht]. Aber es stimmt schon, dass wir vergleichweise gute Bedingungen hatten. In Spanien ist es ziemlich üblich Wohnraum zu besetzen, weil es Leerstand gibt. Ich weiß nicht, warum das so ist. Wir haben eine Wohnung in einem guten Zustand gefunden in einem Viertel am Meer. Wir waren nicht faul und haben Wasser- und Stromversorgung eingerichtet. Bloß war der Nachbar über uns ein Psychopath. Er selbst hatte weder Wasser noch Strom, und statt uns zu fragen, ob wir ihm damit helfen können, hat er uns immer wieder die Kabel durchgeschnitten. Er wollte uns vorsätzlich schaden – auf alle möglichen Arten. Er war psychisch krank und wirklich gefährlich. In der Zeit war auch ich selbst fast schon reif fürs Irrenhaus.

Und dann bist wieder umgezogen?

Ich habe dann in einem besetzten Haus mit einer Clique anderer wirklich netter Tschechen gewohnt. Wir hatten ein kleineres Haus am Meer in einem nicht besonders schönen Gewerbegebiet. Alle haben sich gegenseitig geholfen. Es waren also nicht alle besetzten Häuser die Hölle. Ich habe zum Beispiel Häuser und Fabriken gesehen, wo die Besetzer den Eigentümern versprochen hatten, dass sie sich um die Immobilien kümmern. Das waren kreative Leute. Die haben da verschiedenste Objekte geschaffen, brutale Plastiken im Steam punk Stil, und sie haben Ausstellungen organisiert. In manchen dieser Häuser gab es zum Beispiel auch Bars und es fanden dort Fiestas für Besucher statt – eigentlich wie in einem Klub. Andere haben Jonglage- und Feuershows gemacht oder vor Touristen Seifenblasenaufführungen gegeben. Einige haben Geld verdient, und zwar legal.

Wie kann man denn in Spanien umsonst leben?

Supermärkte stellen zum Beispiel jeden Abend abgelaufene Lebensmittel, die nicht verkauft wurden, in großen Beuteln vor das Geschäft. Die nehmen sich nicht nur Hausbesetzer, sondern auch sozial schwache Spanier. Abends sitzen dann etwa vor den Supermärkten rund zehn Leute und lauern. Es gibt dann schon eine Art Kampf, aber nur darum, wer die besten Sachen ergattert. Sehr gut waren beispielsweise kleine Jogurthdrinks, süße Croissants oder überhaupt Backwaren. Meistens habe ich so viel Gebäck genommen, dass es für zwei Tage gereicht hat. Außerdem begehrt waren auch Nudeln, Reis, Bocadillos, irgendwelche Leckereien, Säfte und Süßigkeiten. Die Angestellten der Supermärkte verteilen das alles mit besten Absichten. Schade, dass das bei uns nicht erlaubt ist. So viel Essen wird weggeschmissen, dabei könnten Obdachlose und Arme davon satt werden.

Außerdem hatten wir auch Kleidung umsonst. Wenn Spanier ihre Kleiderschränke ausmisten, stellen sie die frisch gewaschenen und duftenden Anziehsachen vor ihr Haus. So kam ich zu Markenklamotten, die man in Tschechien nicht bekommt. Manche davon trage ich immer noch und es sind meine liebsten Kleidungsstücke.

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Manche Hausbesetzer verdienten sich etwas Geld mit dem Sammeln von Altmetall. Foto: © privat

Welche Haltung hatten die anderen in „normalen“ Wohnverhältnissen lebenden Bürger euch Hausbesetzern gegenüber?

Die störte das und ich kann es ihnen nicht verdenken. Wir waren Ausländer, die sich in ihren Häusern eingenistet hatten. In Spanien gibt es das Bestreben, Hausbesetzer zu vertreiben und manchmal gelingt das auch nach einer Weile. Die Polizei geht gegen Hausbesetzungen vor, auch mit Härte. Ich muss sagen, dass die spanische Polizeit einen Hang zur Gewaltanwendung hat, und das nicht nur gegen Ausländer. Eine Razzia habe ich selbst erlebt. Wir haben geschlafen und plötzlich waren überall Polizisten mit Taschenlampen. Zum Glück wollten sie nur die Personalausweise, sonst nichts. Aber viele besetzte Häuser wurden nach Razzien gesperrt.

Was hatten die meisten Hausbesetzer gemeinsam?

In erster Linie eine ähnliche Gesinnung, die Sehnsucht umsonst zu leben, mit einem Minimum an Geld auszukommen. Und außerdem eine Art Auflehnung gegen Autoritäten, gegen das System und das Bemühen, sich nicht in dieses einzugliedern. Andere wiederum befanden sich aber tatsächlich in existenzieller Not. Ich habe völlig unterschiedliche Menschen getroffen: von 17-jährigen verzweifelten Spaniern bis zu 55-jährigen Afrikanern, die auf der Suche nach einem besseren Leben nach Spanien geflüchtet waren. Sie kamen, um Geld für ihre Familien in der Heimat zu verdienen und endeten zum Beispiel als illegale Straßenverkäufer von Handtaschen. Sobald die Polizei kam, haben sie schnell ihre Sache gepackt und sind abgehauen. Ich habe auch eine 50-jährige Russin kennengelernt, die jeden zweiten Tag ein zerschlagenes Gesicht hatte. Man traf auf ziemlich traurige Lebensgeschichten.

Haben dich die zweieinhalb Jahre in Spanien verändert?

Ja, sehr. Anfangs gefiel mir der ungebundene Lebensstil noch gut. Später habe ich darin nur noch eine Flucht vor der Wirklichkeit gesehen. Es begann mich zu langweilen nur noch von einem Tag auf den anderen zu leben, mich nur um die Befriedugung der grundlegenden Bedürfnisse zu kümmern und etwas zu essen zu bekommen. Mir fehlte irgendeine sinnvolle Betätigung... Ich wurde immer unzufriedener mit mir selbst, und dass ich so lebe. Außerdem war ich zu Beginn noch sehr vertrauensselig. Ich habe nicht damit gerechnet, wie böse Menschen sein können. Alle haben sich an mich gehangen, nur um mich auszunutzen. Das ist halt Barcelona. Ich habe die Stadt von ihrer düsteren Seite kennengelernt, von der Unterwelt. Mittlerweile sehe ich das als eine jugendliche Ausschweifung, als Experiment. Ich habe gesehen, dass man auch anders leben kann. Ich will nicht beurteilen, ob das gut oder schlecht ist, aber mir persönlich hat das längerfristig nicht gelegen.

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„Ich habe nicht damit gerechnet, wie böse Menschen sein können.“ Foto: © privat

Gab es einen Moment, in dem dir plötzlich klar wurde, dass du weg musst?

Das reifte in mir über eine längere Zeit, aber ein Wendepunkt war ganz sicher eine grauenvolle Nacht. Das war der letzte Tropfen, aber ich möchte nicht weiter ins Detail gehen.

Warst du in Lebensgefahr?

Ja.

Dann hast du gepackt und bist schnell abgehauen?

Ja, aber ich hatte einen Hund. Mit ihm konnte ich nicht einfach mit dem Flugzeug der dem Zug weg. Ich habe also eine Mitfahrgelegenheit gesucht. Es hat noch einen Monat gedauert, bis ich eine liebe Frau gefunden hatte, die mich in ihrem Auto mitgenommen hat. Diese ganze Zeit musste ich in einem anderen großen, besetzten Haus bei meiner Freundin verbringen. Aber da habe ich mich schon auf zu Hause gefreut.

Und deine Freundin?

Die ist immer noch da. Sieht so aus, als liege ihr dieser Lebensstil.

Wie erging es dir nach deiner Rückkehr nach Tschechien?

Ich bin jeden Tag mit dem Hund zu langen Wanderungen in die Natur gegangen und war ständig in einer Euphorie, bestimmt drei Monate lang. Ich habe mich über jede Kleinigkeit gefreut.

Fehlt dir Spanien manchmal?

Vielleicht die Momente, als meine Freundin und ich auf Fiestas vor den Boxen getanzt haben. Mir fehlt die Anfangszeit, als wir dort glücklich waren. Ich würde wieder mit ihr irgendwohin gehen. Aber jetzt führe ich ein gesetztes Leben als Mutter.

Das Interview führte Karolína Opatřilová
Übersetzung: Patrick Hamouz

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
September 2015

    Die ehemalige Hausbesetzerin aus Mähren

    Die frühere Hausbesetzerin möchte nicht, dass ihr Name veröffentlicht wird. Sie stammt aus Šumperk und ist mittlerweile 32 Jahre alt. An der Pädagogischen Fakultät in Ostrava hat sie Tschechisch und Kunsterziehung auf Lehramt studiert. Im Anschluss lebte sie vier Jahre in Großbritannien, wo sie als Au-pair und als Kellnerin in Cafés gearbeitet hat. In den Jahren 2009 bis 2011 lebte sie in der Hausbesetzerszene von Barcelona. Dort arbeitete sie hin und wieder für eine Firma, die Empfänge organisierte. Nach ihrer Rückkehr nach Tschechien war sie gelegentlich als Lektorin, vor allem für Comics, tätig. Momentan ist sie auf Elternzeit.

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