Leben

„Manchmal würde ich gern meinem Ich begegnen“

Foto: © Carolin MitullaFoto: © Carolin Mitulla
Niha-Céta präsentiert ihren selbst angefertigten Kopfschmuck. Foto: © Carolin Mitulla

Jedes Jahr zu Pfingsten sieht Leipzig schwarz. Das Wave-Gotik-Treffen ist mit seinen rund 20.000 Besuchern eines der größten Treffen der sogenannten Schwarzen Szene in Europa. Nicole alias Niha ist als Cellistin der Band Other Day dabei.

Dunkles Make-up, schwarze Kleidung, düstere Musik: Es ist 12 Uhr und Nicole, die sich selbst den Künstlernamen Niha-Céta gegeben hat, steckt bereits mitten in den Vorbereitungen für den Auftakt des Wave-Gotik-Treffens. Sie wuselt im und um den Wohnwagen herum, den sie extra zusammen mit ihrem Freund Sad für das Wochenende ausgeliehen hat. Anders wären all die benötigten Utensilien wie Kochgeschirr, Soundanlage und diverse Outfits auch gar nicht bequem zu verstauen gewesen. Gruftis, wie die Szenemitglieder bezeichnet werden, brauchen manchmal eben ein bisschen Komfort.


Niha steht in der engen Badekabine des Wohnwagens vor dem Spiegel und schminkt sich. Zuerst verstärkt sie ihre rechte Augenbraue mit einem schwarzen Eyeliner. Es folgen Lidschatten, Schmucksteine, falsche Wimpern, und ganz wichtig: auffällige Kontaktlinsen. Sie ist hoch konzentriert, jeder Handgriff sitzt. Viel Bewegungsspielraum hat sie in der winzigen Nasszelle des Wohnwagens nicht. Aber die Naumburgerin ist geübt. In ihrer Rolle als Grufti stylt sie sich regelmäßig und stets aufwendig.

Niha-Céta in den verschiedenen Stufen ihres Schminkprozesses. © Carolin Mitulla

Der erste Kontakt

Die Begeisterung für die aus der Punk- und New-Wave-Bewegung hervorgegangene Schwarze Szene erfasste Niha, als sie 13 Jahre alt war. Über Bekannte und über die typisch düstere Musik fand sie Zugang zur Szene. Mittlerweile spielt sie selbst in einer Szene-Band. 2007 suchte die Band Other Day über die Musikschule in Nihas Heimatort Naumburg in Sachsen-Anhalt eine Cellistin. Und fand Niha, die dort das Cello-Spielen gelernt hat. Die Band beschreibt ihre eigene Musik als „vertonte Poesie“: elektronische Beats mit deutschen Texten, untermalt vom schweren Klang des Cellos.

Other Day trat schon fünfmal beim Wave-Gotik-Treffen auf, davon zweimal mit Niha. Diesmal spielen sie im Felsenkeller. Die Outfits gehören zum Image der Band und des Musikgenres. Unabhängig davon kleidet und schminkt sich die Cellistin vor allem deshalb so aufwendig, weil es ihr einfach Spaß macht. Sie liebt die spezielle Ästhetik der Gruftis, die Möglichkeit, ihr eigenes Ding zu machen, viel selbst zu gestalten und sich selbst zu reflektieren. Zeichnet sich die Schwarze Szene doch dadurch aus, dass deren Anhänger sich besonders mit philosophischen, neureligiösen oder von der Gesellschaft als negativ wahrgenommenen Themen- und Tabubereichen auseinandersetzen.

Im Alltag kleidet sich Niha etwas weniger auffällig. Make-up kommt nur sporadisch und auch eher minimalistisch zum Einsatz. Keine 20 Minuten dauert das.

„Ich habe keine Lust, mich morgens zwei Stunden zu schminken, bevor ich zum Bäcker gehe. Trotzdem habe ich dann nicht das Gefühl, dass ich weniger Grufti oder weniger ich selber wäre. Das sind einfach verschiedene Facetten von mir. Manchmal lebe ich die eine mehr aus, manchmal die andere“.

Ihre Dreadlocks und die nach einer entsprechenden Operation gespitzten Ohren sind allerdings ihre ständigen Begleiter. Grufti, oder Elfe, wie sie sich ebenfalls selbst bezeichnet, bleibt sie so oder so: auf Festivals, auf der Bühne oder eben auch im Alltag. Auf blöde Sprüche reagiert sie nicht mehr und in der Kleinstadt hat man sich an ihr Auftreten gewöhnt. Nur wenn Leute sie anstarren, zeigt sie demonstrativ mit dem Finger auf die Gaffer zurück.

Niha-Céta reagiert mimisch auf Vorurteile gegenüber Gruftis. © Carolin Mitulla

Sehen und gesehen werden

Es ist 15 Uhr und die Vorbereitungen sind abgeschlossen. Die Wahl des jeweiligen Outfits macht Niha vom Wetter und den Vorhaben des Tages abhängig. Heute trägt sie einen in Falten gelegten, kurzen Rock, eine gemusterte Strumpfhose und ein langärmliges Oberteil mit imposantem Kragen, dazu Netzhandschuhe. Die Schuhe sind nicht allzu hoch. Am auffälligsten ist ihr Kopfschmuck, den sie selbst entworfen und angefertigt hat.

„Für dieses Outfit habe ich etwa 250 Euro bezahlt. Das ist noch vergleichsweise günstig. Es gibt Leute hier, deren Sachen auch 1.000 Euro und mehr kosten. Trotzdem ziehen sie diese nur einmal an. Das artet in einen richtigen Wettbewerb aus: höher, kürzer, weiter. Hier aufzufallen, ist schwer. Aber mir ist das egal. Ich trage Röcke auch zweimal!“

Niha und Sad sind nun bereit, sich unter Gleichgesinnte zu mischen. Sie wollen zum „neoromanischen Picknick“ im Clara-Zetkin-Park in Leipzigs Stadtmitte – ein Highlight des Festivalfreitags.

Am Nachmittag treffen hier barocke Gestalten auf Neo-Romantiker, Selbstdarsteller auf Schaulustige. Sie kommen in den Park, um zu sehen oder gesehen zu werden; um Kontakte zu pflegen oder einfach aus Neugier. Die dominierende Farbe ist schwarz. Obwohl sich viele Menschen auf engem Raum bewegen, herrscht eine entspannte Atmosphäre.

Niha und Sad stechen trotz ihrer ebenfalls schwarzen Kleidung aus der Masse hervor. Der starke Kontrast zwischen dunklen Gewändern, weiß geschminkter Haut und den hellen Kontaktlinsen ist einzigartig. Wegen ihrer enormen Ausstrahlung wird Niha von Fans, Schaulustigen und anderen Gruftis gleichermaßen häufig fotografiert. Jedes Lächeln sitzt. Sie weiß genau, wie sie sich bewegen muss, um vor der Kamera zu wirken.


Schwarze Liebe

Die Cellistin und der Sänger werden von Fans erkannt, obwohl die Fangemeinde von Other Day sich mit knapp 2.500 Followern auf Facebook noch in der Wachstumsphase befindet. Ein 19-jähriges Mädchen zittert am ganzen Körper, als sie mit den beiden ein Foto machen darf und anschließend ein Autogramm erhält. Niha hat sich an die Aufmerksamkeit längst gewöhnt. Jeder, der höflich fragt, darf die junge Frau mit den weißen Haaren fotografieren. Ungefragtes Knipsen hingegen findet sie respektlos, besonders, wenn sie gerade isst: „Da siehst du immer unvorteilhaft aus. Und warum gerade beim Essen? Als wärst du der erste Mensch, der etwas zu sich nimmt!“

Für Sad ist es kein Problem, dass seine Freundin häufiger im Mittelpunkt steht. Er freut sich sogar für sie. Die beiden lernten sich durch die Band kennen und sind seit 2010 ein Paar. Privat- und Bandleben trennen sie nicht, denn es ist auch die Musik, die sie verbindet.

„Ich könnte mir schon eine Beziehung zu einem ‚Nicht-Grufti‘ vorstellen, so lange er meine Leidenschaft verstehen und akzeptieren würde. Nur unterschiedliche Freundeskreise und Musikgeschmäcker könnten es schwierig machen“, bemerkt Niha. Doch spätestens bei einer Standard-Hochzeit könnten Probleme auftauchen: „Im klischeehaftem Kleid von der Stange würde ich definitiv nicht heiraten! Wenn, dann müsste es ein einzigartiges und fantasievolles Outfit sein. Und wir würden eine mehrtägige, mega-ausgefallene Party feiern! Aber letztlich bin ich so unromantisch, dass ich wohl nur aus steuerlichen Gründen oder wegen der Absicherung heiraten würde. Ich brauche nicht dringend einen Ring am Finger, um zufrieden zu sein oder das Gefühl zu haben, dass mein Leben gut läuft.“

Übersichtskarte der Veranstaltungsorte

Plan B

Es ist Zeit, sich zurück zum Festivalgelände auf der Leipziger Agra zu begeben, ein großräumiges Areal, das zu DDR-Zeiten für Landwirtschaftsausstellungen errichtet wurde.

Später am Abend spielt eine von Nihas Lieblingsbands. Nach einem kurzen Zwischenstopp im Wohnwagen, um die Schuhe zu wechseln, den Kopfschmuck abzunehmen und die Schminke aufzufrischen, geht es in die gegenüberliegende Halle. Die ist bereits gut gefüllt. Die Luft steht, es ist viel zu hell und sehr warm, aber mit den ersten Tönen der Musik heben sich Nihas Mundwinkel und sie beginnt, sich zu den Klängen der Musik zu bewegen. „Für mich sind das die schönsten fünf Tage im Jahr. Du triffst deine Freunde, bist unter Gleichgesinnten und kannst optisch voll auf die Kacke hauen!“


Und dann, am Ende des Tages, in einer schwarzen Masse und bei melancholischen Klängen, sinniert Niha: „Manchmal würde ich gern meinem Ich begegnen, wenn ich kein Grufti geworden wär´.“ Einen Plan B für ein normales Leben hätte sie jedenfalls: Dann würde sie spätestens mit 50 Jahren Bäckerin sein und selbst kreierte Cup Cakes in ihrer Kleinstadt verkaufen.

Carolin Mitulla

Copyright: Goethe-Institut e.V.
Mai 2016
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