Leben

Streiten – der Demokratie zuliebe

Elf deutsche Medienhäuser riefen 2018 zur Aktion „Deutschland Spricht“ auf. Im ganzen Land trafen sich Diskussionspaare mit unterschiedlichen politischen Ansichten zum Vier-Augen-Gespräch. | Foto (Zuschnitt): © picture alliance/dpa/Jörg Carstensen

Das Projekt „Deutschland spricht“ bringt Menschen mit unterschiedlichen politischen Überzeugungen zusammen. Kann Diskussion die Gesellschaft einen? Für Jochen Wegner, Chefredakteur von „Zeit Online“ und Mitinitiator, ist die Aktion ein Experiment – mit großer Resonanz.

An einem Sonntag im Juni 2017 treffen sich in Deutschland 1.200 Menschen, um in Paaren zu streiten – darüber, wie die Politik das Land gestalten sollte und welche Werte in der Gesellschaft zählen. Ein gutes Jahr später, im September 2018, sind es 8.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Jede und jeder von ihnen diskutiert für ein paar Stunden mit jemandem, dessen Meinung konträr zur eigenen steht. Was soll das?

Das Projekt „Deutschland spricht“, das in der Redaktion von Zeit Online entstanden ist, ist eine Streit-Vermittlung – ein Politik-Tinder, wenn man so will: Für die Teilnahme müssen Interessierte eine Auswahl kontroverser Ja-Nein-Fragen beantworten. Etwa: „Sollte Deutschland seine Grenzen strikter kontrollieren?“ oder „Sollte Fleisch stärker besteuert werden, um den Konsum zu reduzieren?“ Anhand der Antworten und der angegebenen Postleitzahl verknüpft ein Algorithmus Menschen, die möglichst nah beieinander wohnen und gleichzeitig möglichst gegensätzliche Ansichten haben.

Kann man „abgespaltene Sphären“ wieder zusammenführen?

Jochen Wegner, der Chefredakteur von Zeit Online, hat die Aktion mitentwickelt. Geboren wurde die Idee vor der Bundestagswahl im Jahr 2017: „Wir hatten mehrere Brainstormings, die unter dem Eindruck der US-Wahl, des Brexit und der Wahl in Frankreich standen. Ein übergreifendes Thema in allen drei Fällen schien uns zu sein, dass die Leute nicht mehr miteinander reden. Es gibt abgespaltene Sphären.“ Als ein Versuch, den Diskurs in Deutschland wieder in Gang zu bringen, entstand die erste Version von „Deutschland spricht“.

Auch er selbst nahm 2017 teil und traf in Berlin einen jungen Mann aus seinem Kiez. Wegner erinnert sich an die Begegnung als „ein gutes, politisches Gespräch mit einem wirklich angenehmen Nachbarn“. Nach dem Treffen recherchierte er und stellte fest: Sein Gesprächspartner hatte eine Vergangenheit als Neonazi – eine Information, die Wegner zum Nachdenken brachte. „Das war ein hochintelligenter, freundlicher Mensch. Der hatte für mein Gefühl zum Teil etwas seltsame Ansichten, aber er war nicht aus der Welt. Das hat bei mir später viel bewirkt. Das hat mein Bild über Leute, mit denen ich normalerweise ungern kommuniziere, verändert.“

Die Gräben sind gar nicht so tief

Als Teilnehmer von „Deutschland spricht“ der Redaktion später von ihren Gesprächen berichteten, zeigten sie sich oftmals überrascht: Die Gräben seien eigentlich gar nicht so tief. Wenn man sich begegne, sei es leichter, die Gedanken und Gefühle des Gegenübers nachzuvollziehen. In den Augen Wegners ist das das bestmögliche Ergebnis: „Dass Leute, die sehr unterschiedlicher Meinung sind, eine Ebene finden, auf der sie diskutieren können, davon träumen wir.“ Einen gesellschaftlichen Zweck will Wegner der Aktion allerdings nicht zusprechen: „Ich glaube, ein großer Fehler, den man machen kann, ist zu sagen: Wir wollen die Gesellschaft reparieren.“ Er verstehe das Projekt eher wie ein Kunstwerk: „Es steht für sich. Die Existenzberechtigung ist dadurch erreicht, dass es funktioniert: Wenn sich zwei gegensätzliche Menschen persönlich treffen und dann sogar einige Stunden miteinander sprechen, hat das Ding seinen Zweck erfüllt. Ich möchte nicht, dass wir das mit irgendwelchen Visionen aufladen.“

2018 wurde „Deutschland spricht“ mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Nach Ansicht der Jury wagte sich Zeit Online „über die Grenzen des Journalismus hinaus mitten in die Gesellschaft hinein“. Das Projekt wirke der Polarisierung entgegen, fördere den gegenseitigen Respekt politischer Gegner und diene damit „im besten Sinne der Demokratie“.

Dieser Ansatz einer politischen Kontaktbörse findet nicht nur im Inland Zustimmung. In Zusammenarbeit von Zeit Online mit Medienpartnern aus Italien, Österreich, Norwegen, Kanada und Dänemark ist die Software „My Country Talks“ entstanden. Mit dem Programm ist es möglich, in jeder Stadt und jedem Land ähnliche Aktionen zu veranstalten. Und es wird fleißig gestritten: In der Schweiz, in Australien, Japan, Argentinien und Alaska finden politische Diskussionsdates statt oder sind geplant.

„Wollt Ihr einen Europäer treffen, mit dem Ihr streiten könnt?“

Warum aber ist der Redebedarf überhaupt so groß? Einen möglichen Grund offenbart der Datensatz der Teilnehmer: Rund 60 Prozent der Menschen, die sich 2018 für „Deutschland spricht“angemeldet haben, stammen aus Großstädten, nur 14 Prozent wohnen auf dem Land. Gerade in Städten bilden sich häufig gesellschaftlich homogene Viertel, man trifft schlicht kaum mehr auf Andersdenkende.

Jochen Wegner hält eine weitere Entwicklung für maßgeblich – das „Schrumpfen und Schwinden der Institutionen, die einen Diskurs über bestimmte Schranken hinweg möglich machen: Sportvereine, Kirchen, politische Parteien. Diese Institutionen, die eine gewisse Diversität abbilden, werden eher kleiner als größer. An ihre Stelle ist nichts Neues getreten.“ Das Internet sei dafür kein Ersatz: „Man dachte, das Netz ist der Ort, wo wir uns alle treffen und diskutieren. Das ist aber vielfach nicht passiert. Oft schreien wir uns da nur an oder bestätigen uns gegenseitig unsere Meinung.“

Offline mit Andersdenkenden ins Gespräch zu kommen, kostet Überwindung. Aber: Die respektvolle Auseinandersetzung zweier Gesprächspartner ist ein wertvoller Beitrag zu mehr Zusammenhalt und der Versuch, „den Dialog zu führen über Trennendes hinweg“. So formuliert es der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der die Schirmherrschaft über das Projekt „Deutschland spricht“ übernommen hat. Im Oktober 2019 soll in Deutschland deshalb wieder debattiert werden. Und zuvor könnte es sogar noch eine europäische Ausgabe geben, sagt Wegner: „Wir haben vor der Europawahl im Mai auch eine Aktion in Europa geplant. Auch da gilt: Wir wollen Europa nicht retten. Aber wollt Ihr einen Europäer treffen, mit dem Ihr streiten könnt? Das wäre doch toll.“

Viola Kiel
hat Kulturwissenschaften in Passau, Moskau und Berlin studiert. Als freie Journalistin schreibt sie unter anderem für „GEO“, „P.M.“ und „P.M. History“. Sie lebt in Berlin.

Dieser Text ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland (CC BY-SA 3.0).

Februar 2019

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